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8. Februar 2018

Vergangenheit und Zukunft

Das Jüdische Gymnasium München und das Stadtarchiv wollen künftig kooperieren. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 8. Februar 2018. Das Jüdische Gymnasium, das vor eineinhalb Jahren den Schulbetrieb aufnahm, und das Stadtarchiv, Abteilung Jüdische Geschichte, wollen künftig eng zusammenarbeiten. Geplant ist eine unkomplizierte, aber dauerhafte Kooperation. Der erste Schritt wurde bereits unternommen.

Interessiert an Geschichte: die Schüler des Jüdischen Gymnasiums © Marina Maisel

Interessiert an Geschichte: die Schüler des Jüdischen Gymnasiums © Marina Maisel

 

Die Idee dazu, die bei allen Beteiligten auf große Zustimmung stößt, hatte der Elternbeirat des Gymnasiums im vergangenen Jahr. Vorgespräche und Terminabsprachen benötigten zwar etwas Zeit, aber in der vergangenen Woche bekamen die Schüler der 6. Klasse bei einem Besuch des Stadtarchivs erste Eindrücke davon, wie die Kooperation funktionieren kann.

Stand Rede und Antwort: der Historiker Andreas Heusler © Marina Maisel

Stand Rede und Antwort: der Historiker Andreas Heusler © Marina Maisel

 

Der Historiker Andreas Heusler, wohl einer der besten Kenner der jüdischen Geschichte Münchens und im Stadtarchiv auch dafür in verantwortlicher Position zuständig, ließ die Kinder unter anderem einen kleinen Blick hinter die Kulissen der städtischen Einrichtung werfen.

Archive

Konkret mit nach Hause nehmen konnten die Schüler aber vor allem die professionellen Ratschläge des Experten, wie in den Archiven und Datenbeständen am effektivsten nach persönlichen Daten gesucht werden kann. »Das war sehr lehr- und hilfreich«, berichtet Elternbeiratsmitglied Irina Alter, die den Besuch mitorganisierte und die Schüler auch ins Reich der städtischen Geschichte begleitete.

Ihr neues Wissen wollen die Schüler auch praktisch umsetzen. Bereits im vergangenen Jahr nahm das Jüdische Gymnasium sehr erfolgreich am alljährlichen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teil. Für Miriam Geldmacher, die Direktorin, steht deshalb auch außer Frage, sich erneut dem Wettbewerb zu stellen. Die Erforschung der Familiengeschichten der Schüler, im Team oder kleinen Gruppen, dürfte nach dem Besuch im Stadtmuseum als Wettbewerbsthema ein Stück näher gerückt sein.

Die Schüler der 6. Klasse sind so etwas wie die »Gründungsmitglieder« des Jüdischen Gymnasiums, das im September 2016 seine Pforten öffnete und im Gemeindezentrum am Jakobsplatz residiert. Nach dem Krieg gab es bereits ein Jüdisches Gymnasium in München, das aber mangels Schülern und Lehrern nur wenige Jahre bestand. Die genaueren Umstände kennen die Schüler des Gymnasiums bereits. Der Holocaust-Überlebende Selig Rosenblum, der vor 70 Jahren das Jüdische Gymnasium besuchte, war bereits im neuen Gymnasium zu Gast. Und im Sommer wird das Thema durch Ruth Melzer, ebenfalls Nachkriegsgymnasiastin, noch weiter ergänzt.

Namen

Im Stadtarchiv folgte für die Sechstklässler die dokumentarische Bestätigung. Dort hielten die Schüler Originaldokumente des alten Jüdischen Gymnasiums in Händen, etwa die Schülerlisten, die erst vor Kurzem in den Beständen entdeckt worden waren. Auch die Namen von Ruth Melzer und Selig Rosenblum sind dort zu finden.

Für IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch repräsentiert das Jüdische Gymnasium die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zugleich. Auch bei der Eröffnung der Schule, die das pädagogische Konzept der IKG komplettierte und die Erfüllung eines persönlichen Traums von ihr war, ging sie darauf ein und warnte in diesem Zusammenhang vor Geschichtsvergessenheit. »Wer die Vergangenheit nicht kennt«, sagte sie, »kann auch die Zukunft nicht gestalten.« Ein Projekt wie die Kooperation mit dem Stadtarchiv passt deshalb genau ins pädagogische Konzept.

Irina Alter, die Begleiterin der Klasse, konnte am Ende eines feststellen: »Mit einem trockenen Geschichtsthema hatte der Besuch des Stadtarchivs nichts zu tun.« Eineinhalb Stunden lang löcherten die Schüler Andreas Heusler, der über ein immenses Wissen zur Geschichte der Juden in München verfügt und als Experte auf verschiedenen Ebenen in Erscheinung tritt. Unter anderem hat er ein Buch über das Leben von Lion Feuchtwanger geschrieben, der vor den Nazis aus München floh.

Beleg

Das Buch über den Schriftsteller hat Andreas Heusler im Jüdischen Gemeindezentrum vorgestellt, das gerade einmal zehn Jahre alt ist. Auch das ist ein Beleg für die These der IKG-Präsidentin, dass Vergangenheit und Zukunft eng verwoben sind und pädagogisch entsprechend vermittelt werden müssen.

Der Umgang mit der Geschichte der Juden und des Holocaust erfordere grundsätzlich ein hohes Maß an pädagogischer Sensibilität. Bei einer Gesprächsrunde anlässlich der Jüdischen Filmtage, an der auch Alt-Oberbürgermeister Christian Ude teilgenommen hatte, war IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch bereits auf einen speziellen Punkt in dieser Hinsicht eingegangen.

Klassenbesuche in KZ-Gedenkstätten müssten im Unterricht gründlich vorbereitet werden, wobei auch die Reife der Schüler berücksichtigt werden müsse. »Der Besuch an Orten des Massenmordes und des Grauens«, so Charlotte Knobloch, »ist kein Klassenausflug in den Erlebnispark.«

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Dezember 2018 | Kislew-Tewet | « »

Aktuelle Veranstaltungen


So. 13.01.2019 | 7. Schwat 5779

Kulturzentrum

Gesprächsrunde: Jüdisches Amerika

Beginn 17:00

»Amerika ist die Ferne. Amerika heißt die Freiheit. In Amerika lebt immer irgendein Verwandter.« (Joseph Roth, 1927)

»Lady Liberty«, die New York vorgelagerte Freiheitsstatue, war für Generationen von Einwanderern  das erste Zeichen für ein besseres Leben in der neuen Welt. Darunter waren mehr als zwei

Deidre Berger © AJC

Millionen Juden, die Pogrome in Osteuropa im 19. Jahrhundert und die drohende Vernichtung während der NS-Zeit zu dieser Reise ins Ungewisse veranlasst hatten. Für viele der deutschen Juden war Amerika zwar ihre neue Adresse, aber das Band, das sie mit Berlin oder Frankfurt, Hamburg oder München und anderen Orten verband, war nicht so leicht zu trennen. Sie blieben oft ihren Wurzeln emotional tief verbunden. Erst die nächste Generation wollte so schnell wie möglich amerikanisch werden.

Über Juden in Amerika und die Beziehungen im deutsch-amerikanisch-jüdischen Kontext diskutieren

Deidre Berger, seit 2000 Direktorin des American Jewish Committee Berlin
Deborah Feldman (geb. in New York), Schriftstellerin, heute Berlin
Yascha Mounk (geb. in München), Politologe und Publizist, lehrt an der Harvard University (Boston) und am Tony Blair Institute for Global Change (London).

Deborah Feldman © Marina Maise

Moderation: Mirjam Zadoff, 2014–2018 Professorin für Geschichte an der Indiana University Bloomington, Inhaberin des Alvin H. Rosenfeld Lehrstuhls für Jüdische Studien, seit Mai 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München.

Yascha Mounk © Marina Maisel

Eintritt 7 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber Eintritt frei)

Veranstalter
Kulturzentrum der Israelitischen Kultus­gemeinde München und Oberbayern und Münchner Volkshochschule im Rahmen des USA-Themenschwerpunkts USA der MVHS im Winterhalbjahr 2018/2019

Veranstaltungsort
Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

Mirjam Zadoff © Orla Connolly

Do. 14.02.2019 | 9. Adar I 5779

Kulturzentrum

„An die Gemeinschaft und an die Welt – Gedanken zu drängenden Fragen der Zeit“

Beginn 19:00

Buchpräsentation mit Rabbiner Pinchas Goldschmidt

„Seit vielen Jahren spielt Rabbiner Pinchas Goldschmidt eine führende Rolle im jüdischen Leben Europas. In diesen Essays und Reden verknüpft er das Judentum mit einigen der dringlichsten gesellschaftlichen, moralischen und spirituellen Herausforderungen unserer Zeit.“ (Rabbiner Lord Jonathan Sacks)

Rabbiner Pinchas Goldschmidt, geboren 1963 in Zürich, ist seit 1993 Oberrabbiner von Moskau und seit 2011 Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz.

Begrüßung: Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München & Oberbayern

 

Eintritt frei.
Anmeldung erbeten im Büro des IKG-Kulturzentrums unter (089) 202400-491 oder karten@ikg-m.de

Veranstalter
Europäische Rabbinerkonferenz Stiftung und Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde

Veranstaltungsort
Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

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