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20. Juni 2014
Tora und Tore
Das Spiel auf dem heiligen Rasen hat viel mit Glauben zu tun. Aber es kann keine Ersatzreligion sein. Von Rabbiner Avichai Apel, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 12.6.2014. Ich muss gestehen, dass sich meine Sicht auf die angeblich schönste Nebensache der Welt geändert hat. Früher hatte ich mit Fußball nichts am Hut. Aber in den zehn Jahren, die ich jetzt bereits in Dortmund lebe, hat sich meine Einstellung gewandelt. Während ich früher darüber lachte, dass 22 erwachsene Männer 90 Minuten lang einem Ball hinterherlaufen, fasziniert mich das Spiel inzwischen.
Und ja, ich bin mittlerweile bekennender BVB-Anhänger. Wenn ich Zeit habe und ein Heimspiel der Borussia ausnahmsweise einmal nicht am Schabbat stattfindet, gehe ich gerne ins Stadion. Und selbstverständlich werde ich auch in den kommenden Wochen verfolgen, wie sich Durm, Hummels und die anderen Spieler in Brasilien schlagen werden.
ERLÖSUNG
Fußball ist ein faszinierender Sport – und hat eine Menge mit Religion zu tun. Das wird nicht nur deutlich, wenn Sportler vor dem Spiel oder nach einem Torerfolg demonstrativ beten. Es drückt sich auch in der Sprache aus, wenn davon die Rede ist, dass ein Spieltag für die Fangemeinde zum Feiertag geworden ist, weil das Tor in letzter Minute die »Erlösung« brachte.
Da wird dann auf den Rängen des »Fußballtempels« und unten auf dem heiligen Rasen gejubelt, die Reporter schwärmen vom »Fußballgott«. Und wer denkt nicht zurück an die WM 1954, als die deutsche Mannschaft das »Wunder von Bern« wahr machte, oder an die WM 1986, als Superstar Diego Maradona das argentinische Team mit der »Hand Gottes« zum Titel führte?
Nicht nur Worte, auch manche Gesänge und Symbole erinnern stark an Religion. Kürzlich hörte ich den Satz, Religionen schafften Ordnung in Raum und Zeit, genau wie der organisierte Fußball. Es gibt sogar Menschen wie den israelischen Historiker Moshe Zimmermann, die meinen, Fußball sei auf dem Weg, die »größte Weltreligion« zu werden. Sport sei allerorten als Religion anerkannt. Für die klassischen monotheistischen Religionen stelle Fußball eine Herausforderung dar, denn sie hätten längst abgewirtschaftet, sagte Zimmermann unlängst im Deutschlandfunk. Da ist dem Professor, nicht nur weil er HSV-Fan ist, deutlich zu widersprechen!
EXISTENZ
Auch kann ich denen nicht folgen, die allen Ernstes meinen, Fußball könne Religionsersatz sein. Kann er nicht. Sport bleibt Sport. Auch wenn mancher glaubt, ein Endspiel sei eine Sache auf Leben und Tod: Auf wirklich wichtige Fragen der Existenz hatFußball keine Antworten. Unsere Chukim und Mischpatim sind besser für das Fair Play des Lebens geeignet als Abseitsregeln und FIFA-Statuten.
Dennoch bleibt die Frage, was die Faszination ausmacht. Ich habe jüngst einen Text gelesen, der versuchte, dieses Phänomen zu erklären. Was bringt Menschen dazu, Fußball beinahe wie Religion zu leben? Was veranlasst uns, am heimischen Fernseher jedes Spiel unserer Mannschaft verfolgen zu wollen, auch wenn das nur mit teuren TV-Abos möglich ist? Oder warum sind echte Fans bereit, auch bei Wind und Wetter ins Stadion zu gehen und bei Auswärtsspielen dem Team Hunderte oder Tausende Kilometer hinterherzureisen?
Der Autor des besagten Artikels vermutete, es sei der Wunsch, zu einer Gruppe, einem größeren Ganzen zu gehören. Das entspreche unserer Natur, vermittle Stolz. Und vor allem bedeute es Sicherheit. »You’ll never walk alone!«, heißt es in einer Fußballhymne. Diese Sätze aus dem Liverpooler Fangesang erinnern nicht zufällig an Worte aus dem Buch Ruth oder dem Prophetentext Jesaja. Wir sind nicht allein. Auch und schon gar nicht in der Synagoge.
GEBET
Zwar kommen viele Juden am Schabbat regelmäßig zum Gebet – und noch viel mehr an den Feiertagen. Aber warum gehen so sehr viel mehr in den »Fußballtempel«? Kein Zweifel: Die Zeit im Stadion kann wunderbar sein. Aber sie ist eigentlich genauso gut wie das Eis oder die Wurst, die sich manche in der Halbzeitpause gönnen: Nach dem letzten Bissen haben sie nichts mehr in der Hand. Alles weg.
Das Stadionvergnügen füllt vielleicht meine Zeit, doch nicht mein Leben. Vor und nach dem Spiel bin ich eben doch der gleiche Mensch. Außer, dass ich möglicherweise ein paar neue unflätige Wörter gegenüber dem Schiri gelernt habe. In der Synagoge ist das anders. Sie bietet mir die Chance, mein Leben anders zu gestalten. Ich lerne und erhalte neue Werte. Ich verinnerliche Gebete und Lehren, die mir im Laufe meines Lebens helfen und meinen Weg erleuchten – in guten wie in schlechten Zeiten. Für Siege und für Niederlagen.
Alles hat seine Zeit. Auch ich verbringe meine Tage ab und zu im Stadion, um mich am Spiel zu erfreuen. Aber um mein Leben zu erfüllen, gehe ich in die Synagoge. Fußball ist eben kein Religionsersatz. Nichts für ungut, liebe Fußballfreunde! Ich drücke auf jeden Fall Jogi Löw und seiner Mannschaft fest die Daumen. Auch wenn ich Fan vom »Team Tora« bin und bleibe.
Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Dortmund.
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Mi. 07.10.2026 | 26. Tischri 5787
Kultur
»Sie kamen, um uns zu töten. Mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« – Ein Abend mit Dafna Gerstner
Beginn 19:00Buchpräsentation & Gespräch mit der Autorin
Mittwoch, 7. Oktober 2026, 19 Uhr
Lesung: Ulla Wagener
Moderation: Richard Volkmann
Dafna Gerstner stammt aus Israel und lebt seit 2011 in Deutschland. 2023 wurde sie Zeugin des brutalen Massakers der Hamas vom 7. Oktober im Kibbuz Be’eri. Wie durch ein Wunder überlebte sie in einem nicht abschließbaren Schutzraum in der Wohnung ihres Bruders Eitan. Dreißig Menschen von dort, darunter Kleinkinder, wurden nach Gaza verschleppt – nicht alle haben die Geiselhaft überlebt. Es starben insgesamt 102 aus dem Kibbuz Be‘eri, darunter auch Dafnas Bruder Eitan, der als Mitglied der Bereitschaftseinheit das Leben zahlreicher Kibbuz-Mitglieder rettete im für ihn tödlichen Kampf gegen die Terroristen.
In ihrem Buch erzählt die Überlebende Dafna Gerstner vom Leben im Kibbuz vor und nach dem Massaker, aber auch davon, was es heißt zu überleben. Sie berichtet von den traumatischen Folgen des Terrorangriffs – sowohl für sie persönlich als auch für die israelische Gesellschaft. Doch auch die Spaltung der deutschen Gesellschaft hat ihr Leben als Jüdin in Deutschland verändert.
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
