Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

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31. Januar 2012

Black Box Dschihad: Attentäter und die Prediger dahinter

Buchrezension von Rolf Tophoven, Welt Online, 31.1.2012. Was verbindet die Mitglieder der deutschen Sauerlandgruppe und Selbstmordtäter in Israel? Ein Sozialforscher auf den Spuren islamistischer Terroristen. Seit dem 11. September 2001 gibt es zahlreiche Untersuchungen, die in das Innenleben von Terroristen hineinleuchten. Martin Schäuble tut das auch, aber er tut es auf besondere Art. Auf einfühlsame Weise nähert sich der junge Sozialforscher und Publizist der Psyche junger Männer, die sich entschließen, „Heilige Krieger“ zu werden.
Monatelang ist Schäuble dem Lebensweg Daniel Schneiders nachgegangen, dem führenden Mitglied der terroristischen Sauerlandgruppe. Darüber hinaus zog er für mehrere Monate nach Nablus ins Westjordanland, um mit den Familienmitgliedern des palästinensischen Selbstmordattentäters Sa’ed zu sprechen. Auf diese Weise gelingt es Schäuble, sich ein Überblick über die Milieus der Terroristen zu verschaffen und sie zu vergleichen.

Schäuble stellt die unterschiedlichen Lebensläufe der Protagonisten in Parallelverläufen vor und verfolgt akribisch deren Schicksal. Der Deutsche Daniel aus dem Saarland und Sa’ed könnten unterschiedlicher kaum sein, dennoch verbindet sie der Gedanken, in den Dschihad zu ziehen und als Mujahed (Gotteskrieger) zu sterben.

Zu Daniel: Er ist Mitglied der „Sauerland-Gruppe“, bürgerlich aufgewachsen, Gymnasiast und Basketballer. Dann plötzlich nach der Scheidung der Eltern sucht Daniel Halt. Er findet ihn im Kreise radikaler Islamisten und konvertiert. Nach Sprachschulung in Kairo folgt ein Terrortraining im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet.

Im Anschluss kehrt Daniel nach Deutschland zurück. Er beginnt, ein Attentat zu planen. Kurz vor dem Terroranschlag in Deutschland wird er zusammen mit seinen drei Komplizen verhaftet und vom Oberlandesgericht in Düsseldorf zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Sa’ed ist hingegen Palästinenser aus Nablus: Schulabbrecher, aufgewachsen mit neun Geschwistern, muss er früh zum Unterhalt der Familie beitragen. Schlüsselerlebnis ist für ihn die Zweite Intifada, der Palästinenseraufstand gegen die israelische Besatzung. Die tägliche Auseinandersetzung mit Israels Soldaten radikalisiert Sa’ed. Er endet als Selbstmordattentäter in Jerusalem. Sa’ed stirbt als Siebzehnjähriger und reißt sieben Menschen in den Tod.

Die Gegenüberstellung der beiden Viten zeigt: Es gibt kein einheitliches Profil für eine terroristischer Entwicklung. Zu komplex ist die unterschiedliche Motivation von jungen Männern, sich auf den Weg „ins Paradies“ zu machen.

Durch die Befragung unmittelbar Betroffener aus dem Umfeld Daniels und Sa’eds durchleuchtet Schäuble die Motivlage der Terroristen. So entsteht ein eindrucksvolles Bild jener Facetten, die den militanten islamistischen Terrorismus und seine Akteure prägen.

Wie sehr radikale Prediger die Köpfe junger, nach Orientierung suchender Männer missbrauchen können, zeigt sich in der Bilanz dieses Buches. Auf Daniel Schneider und die Sauerlandgruppe bezogen, zitiert Schäuble den Richter des Prozesses gegen die Sauerland-Gruppe: „Das Verfahren hat mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, zu welchen Taten hasserfüllte, verblendete und von verqueren Dschihad-Ideen verführte junge Menschen in der Lage sind“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Daniel schon von seinen radikalen Ansichten distanziert. Allah habe gewollt, dass man ihn verhaftet. Anders die Szene in Nablus nach Sa’eds Selbstmordanschlag. Die Kämpfer der al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden tragen Kalaschnikows und M-16-Sturmgewehre. Auf einem Plakat feiern sie ihren „heldenhaften Märtyrer“. Ein Prediger preist die Bluttat. Eine zynische Rechtfertigung des Terrors!

Unterlegt wird dieses Szenario noch durch eine vierstellige Summe, die Sa’eds Familie nach dessen Tod von den Organisatoren des Anschlags erhalten hat. Wenigstens Sa’eds Mutter relativiert im Gespräch mit dem Autor die verbale Erhöhung ihres Sohnes zu einem Helden Palästinas durch die Islamisten. Sie rückt Werte und Maßstäbe ins menschlich richtige Licht: „Das ganze Geld der Welt kann den Verlust meines Sohnes nicht wiedergutmachen“.

Martin Schäuble: Black Box Dschihad. (Hanser, München. 218 S., 14,90 €. ISBN: 978-3446236653.)

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Aktuelle Veranstaltungen


Mi. 07.10.2026 | 26. Tischri 5787

Kultur

»Sie kamen, um uns zu töten. Mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« – Ein Abend mit Dafna Gerstner

Beginn 19:00

Buchpräsentation & Gespräch mit der Autorin
Mittwoch, 7. Oktober 2026, 19 Uhr

Lesung: Ulla Wagener
Moderation: Richard Volkmann

Dafna Gerstner stammt aus Israel und lebt seit 2011 in Deutschland. 2023 wurde sie Zeugin des brutalen Massakers der Hamas vom 7. Oktober im Kibbuz Be’eri. Wie durch ein Wunder überlebte sie in einem nicht abschließbaren Schutzraum in der Wohnung ihres Bruders Eitan. Dreißig Menschen von dort, darunter Kleinkinder, wurden nach Gaza verschleppt – nicht alle haben die Geiselhaft überlebt. Es starben insgesamt 102 aus dem Kibbuz Be‘eri, darunter auch Dafnas Bruder Eitan, der als Mitglied der Bereitschaftseinheit das Leben zahlreicher Kibbuz-Mitglieder rettete im für ihn tödlichen Kampf gegen die Terroristen.

In ihrem Buch erzählt die Überlebende Dafna Gerstner vom Leben im Kibbuz vor und nach dem Massaker, aber auch davon, was es heißt zu überleben. Sie berichtet von den traumatischen Folgen des Terrorangriffs – sowohl für sie persönlich als auch für die israelische Gesellschaft. Doch auch die Spaltung der deutschen Gesellschaft hat ihr Leben als Jüdin in Deutschland verändert.

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Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787

Kultur

Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen

Beginn 20:30 Uhr:

Beitrag der IKG München und Oberbayern

Auf einen Blick:

Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser

Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)

Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.

Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska

Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.

Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.

Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de

So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787

Kultur

»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre

Beginn 17:00 Uhr:

Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens

Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.

Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de

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