Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Kultur

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15. März 2018

Komödienschtetl

Beim Purimspiel im Jüdischen Gemeindezentrum ging es hoch her. Von Ellen Presser, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 15. März 2018. Purim war gerade vorbei, da fand auf Einladung der Europäischen Janusz Korczak Akademie und des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde ein Abend statt, der es in sich hatte. 

Robby Rajber, der schon vor über 15 Jahren einen Jiddisch-Zirkel in München initiiert hatte, versammelte spielfreudige, jiddischkundige Mitstreiter, die allesamt bereit waren, sich wieder einmal narrisch zu machen. Mit dabei waren Dora Harman und Roman Haller, die sich auch um die jiddischen Abschriften klassischer Sketche kümmerten, Benny Meiteles und Eli Teicher sowie als Neuzugang Hanna Zweifler.

Glatt Jiddisch: Roman Haller, Eva Haller, Viktoria Lewowsky, Robby Rajber, Eli Teicher, Dora Harman, Françoise Sharell, Hanna Zweifler und Benny Meiteles (v.l.) © Marina Maisel

Glatt Jiddisch: Roman Haller, Eva Haller, Viktoria Lewowsky, Robby Rajber, Eli Teicher, Dora Harman, Françoise Sharell, Hanna Zweifler und Benny Meiteles (v.l.) © Marina Maisel

 

Unter dem Motto »Glatt Jiddisch« – was so viel bedeuten soll wie Jiddisch von A bis Z – boten die sechs Akteure, begleitet von Françoise Sharell am Piano, auf der Bühne des Hubert-Burda-Saals so etwas wie ein jiddisches »Sketch-up« voller Maisalach und Lozalach. Das sind »Geschichterl« und erweiterte Anekdoten aus dem Alltag kleiner »Menschalach« mit all ihren Nöten, ihrer eigenwilligen Logik und ihrem Humor, auf alles eine Antwort zu haben oder zumindest eine zu suchen.

Mameloschn

Man sagt, die Glanzzeit des jiddischen Theaters seien die 20er- und 30er-Jahre gewesen. Zu den humoristischen Ausläufern zählen unter anderem das Komikerpaar Shimen Dzigan (1905–1980) und Israel Schumacher (1908–1961). Von diesen aus Lodz stammenden Comedians sind aus den Nachkriegsjahren, die sie nach Israel geführt hatten, hinreißende Dialoge auf Schallplatte und Kassette überliefert. Auch der etwas jüngere Yaakov Bodo (Jahrgang 1931), der zu den Säulen des »Yiddishspiel Theaters« in Tel Aviv gehörte, zählt zu den geborenen jüdischen Comedians. Dank CD und Video ist auch von ihm vieles dokumentiert.

Iberbeten: ein »frumer« und ein »grober jid« © Marina Maisel

Iberbeten: ein »frumer« und ein »grober jid« © Marina Maisel

 

Die Mitwirkenden von »Glatt Jiddisch« stammen alle aus Familien, in denen sie Mameloschn – Jiddisch als Muttersprache – mitbekamen. Und es gibt in München noch immer einen »grojsen ojlem«, der sich nostalgisch dafür interessiert. So konnte Roman Haller in seiner Begrüßung ein Riesenpublikum bitten, seine »keschene-fones« (Mobiltelefone) abzuschalten. Dann stimmte er die Zuschauer auf einen Abend ein, der die »neschume« (Seele) und das »harz« (Herz) ansprechen werde.

Als Einstieg gab es ein dokumentarisches Fundstück, nämlich Ausschnitte aus einer Wochenschau über die Wiedereröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße im Mai 1947. Abgesehen von den deutschen und amerikanischen Ehrengästen dürften die meisten Anwesenden mit Jiddisch vertraut gewesen sein. An diese Sprache »dahejm mit tate und mame« sollte sich das Publikum »dermanen« (erinnern).

Chinese

Und das tat es mit Freuden, oder genauer: mit Freudentränen. Im Hubert-Burda-Saal genügte es schon, wie Robby Rajber als jüdischer Chinese aus Czernowitz auf die Bühne tippelte und Benny Meiteles als Doktor seine Sprechstunde begann – das Publikum bog sich vor Lachen. Meiteles hatte sein Outfit mit Arztkittel, Spiegel und Stethoskop bei drei richtigen »doktojrim« organisiert, bevor er seine freche Szene mit der ihm assistierenden Krankenschwester, verkörpert von Hanna Zweifler, abzog.

In acht Sketchen ging das Purimspiel rasant über die Bühne. Dabei war oft im »schmejchel« (Lächeln) auch eine »trere« (Träne) verborgen. Immerhin ging es in »Iberbeten« mit Robby Rajber als »grober jid« und Eli Teicher als »frumer« mit feinstem Galizianer Zungenschlag um das Motiv des Versöhnens vor Jom Kippur. Und im Schlagabtausch »Einstein-Weinstein« versucht ein Zeitungsleser (Roman Haller) seinem begriffsstutzigen Bekannten (Robby Rajber) die Weltpolitik und Einsteins Relativitätstheorie zu erklären. Mit dem Unterschied von Diktatur und Demokratie fängt er an: »Diktatur is a san ordening in a san land, wus di regierung tit, wus sie will in dus folk mejg sech nisch aranmischen. Demokratie is a ordening in a san land, wi dus folk mejg sech jo aranmischen in di regierung tit sowiso, wus si will.«

Was macht man, genauer gesagt: Was macht frau (Dora Harman) mit einem frisch ertappten Ganoven (Eli Teicher) beim Einbruch im Nachbarhaus? Man lädt ihn zum Tee ein und sorgt damit dafür, dass der Ehemann, Richter von Beruf, »parnuse« (Einkommen) hat. Eine andere ungewöhnliche Begegnung widerfährt einem Beamten (Robby Rajber) am Flughafen von Tel Aviv, wo ein »malech« (Engel) ohne Flügel landet, weil »a sputnik hot mir arubgerissen di fligel«. Meiteles als Gesandter aus dem Paradies wundert sich: »Far wus fliegen di irdische menschen asoi in di himmlen?«

Dating

Im letzten Sketch »Blind Date« wird eine Alternative zum »schadchen« (Heiratsvermittler) geboten. Die moderne Frau trifft sich mit einem Kandidaten im koscheren Sushi-Restaurant und arbeitet ihren optimierten Fragenkatalog ab: Ob man eine »Familiengeschichte mit Tay-Sachs« (eine bei aschkenasischen Juden häufiger vorkommende Fettstoffwechselstörung) oder ein »Schwacher-Magen-Syndrom« habe? Ob man schon in Israel gewesen sei? Wer den Koffer gepackt habe? Wenn das die Mutter war, gibt es offenbar gleich Punkteabzug.

Für die Theatertruppe bedeutete diese einmalige Aufführung eine monatelange intensive Vorbereitung, wobei Eva Haller und Viktoria Lewowsky zur Seite standen. Wer mit dem Tempo der Darbietung oder manchen jiddischen Begriffen nicht zurechtkam, fand auf drei Bildschirmen, zeitgleich zum Bühnengeschehen, die deutsche Übersetzung.

Zum Finale gab es den Yaakov-Bodo-Song »Sug, sug, sug, men ken meschige weren«. Der Saal konnte mit in das Lied einstimmen, und alle verließen den Abend hejmisch berührt von der vertrauten Sprache, beschwingt durch die Musik von »Bei mir bist du schejn«, »Avremel der Marwicher« und »Matchmaker« aus Anatevka. Und das Schönste: »Glatt Jiddisch« hatte viele Gemeindemitglieder an den Jakobsplatz gelockt, die offenbar eine große Sehnsucht nach jiddischsprachiger Kultur verbindet.

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 27.01.2019 | 21. Schwat 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: „Schwarzer Honig. Leben und Werk von Abraham Sutzkever“

Beginn 17:00

„Black Honey. The Life and Poetry of Avraham Sutskever“

Dokumentarfilm
Regie: Uri Barbash
Drehbuch: Uri Barbash, Hadas Kalderon
Produzent: Yair Qedar
Kamera: Tulik Galon
Schnitt: Ori Derdikman

Musik: Alon Lothringer. Ton: Ami Arad
Israel 2018, 76 Min., hebr./engl./jidd. OV mit dt. Untertiteln

Abraham Sutzkever (1913–2010) zählt zu den bedeutendsten Jiddisch schreibenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Bei Wilna geboren, verbrachte er fünf Jahre seiner Kindheit in Sibirien, wohin die Eltern 1915 deportiert worden waren.

Seit den frühen 1930er Jahren gehörte er zum avantgardistischen jüdischen Autoren- und Künstlerkreis »Jung-Wilne«. Ab 1934 veröffentlichte er regelmäßig in Warschauer und Wilnaer

Abraham Sutzkever © Familienbesitz

Zeitschriften. 1937 erschien sein erster Gedichtband »Lider« (Lieder). Im Ghetto von Wilna schloss er sich einer Untergrundorganisation an und rettete Handschriften und Dokumente vor der Vernichtung durch die Deutschen. Dort musste er auch mitansehen, wie seine Mutter und sein Sohn ermordet wurden. Ihm gelang als einem von wenigen die Flucht aus dem Ghetto. Zunächst ging er nach Moskau, wo er bereits 1944 über die Vernichtung der Juden in seiner Heimat berichtete. In späteren Arbeiten dokumentierte er die Gräuel der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Nach dem Krieg war Sutzkever Zeuge im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, 1947 emigrierte er nach Israel, wo er die renommierte Literaturzeitschrift »Di goldene kejt« gründete.

Der Film des israelischen Regisseurs Uri Barbash porträtiert einen Menschen, dem die Poesie half das Erlebte zu überstehen und Zeugnis abzulegen. Sutzkevers Werke sind in über 30 Sprachen übersetzt.

Einführung: Dr. Evita Wiecki, Jiddisch-Lektorin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Schlusswort: Yair Qedar, preisgekrönter israelischer Filmproduzent

Eintritt: 5 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber frei)

Karten unter 089/20 24 00-491, per E-Mail an karten@ikg-m.de und an der Abendkasse

Veranstalter: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

 

Mo. 04.02.2019 | 29. Schwat 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: „116 Cameras“

Beginn 19:00

Dokumentarkurzfilm
Regie: Davina Pardo
Produzent: Davina Pardo
USA 2017, 15 Min., amerik. OF

Anschließend Podiumsgespräch

Wer erzählt die Geschichte von NS-Verfolgung und Holocaust, wenn keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr da sind? Ausgehend von dieser Frage hat das Shoah Foundation Institute for Visual History and Education an der University of Southern California in Los Angeles ein ehrgeiziges neues Projekt in Angriff genommen, um Überlebende als digitale 3D-Projektionen dazustellen, die mit zukünftigen Generationen interagieren werden.

Eva Schloss © USC Shoah Foundation

Der Kurzfilm »116 Cameras« folgt der Auschwitz-Überlebenden Eva Schloss, während sie an diesem einzigartigen Prozess teilnimmt und reflektiert, wie sich ihre Rolle als Zeitzeugin des Holocaust im Laufe der Zeit verändert hat. Die Mutter von Eva Schloss war ab 1953 übrigens in zweiter Ehe mit Anne Franks Vater verheiratet.

Zur Frage nach »digitalen Zeitzeugen« und damit zum Thema, wie sich das Erinnern verändern wird, wenn es die Stimmen lebender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht mehr geben wird, diskutieren:

Michaela Melián, Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, 2008 Gewinnerin des Kunstwettbewerbs der Stadt München »Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens«, mit dem Audiokunstprojekt »Memory Loops«;

Verena Lucia Nägel, Politologin, u.a. seit 2017 Betreuerin des Archivs »Fortunoff Video Archive for Holocaust  Testimonies« der Yale University an der Freien Universität Berlin;

Armand Presser, Sprecher für Rundfunk- und Filmbeiträge, Berater für das BR-Projekt »Die Quellen sprechen«

und

Dr. Jörg Skriebeleit, seit 1999 Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Moderation: Prof. Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München

Eintritt  frei

Veranstalter: NS-Dokumentationszentrum München in Kooperation mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Öberbayern

Veranstaltungsort: NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München

So. 10.02.2019 | 5. Adar I 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: Vortrag „Die Situation ist neu und reizvoll“ – Thomas Mann im Tonfilm (1929)

Beginn 17:00

Vortrag mit Filmbeispielen von Dr. Dirk Heißerer

Thomas Mann im Aufnahmestudio, Berlin 1929 © Presse-Foto GmbH

Als einer der ersten Schriftsteller überhaupt trat Thomas Mann (1875–1955) im Januar 1929 in einem Tonfilm mit dem Titel »Worte zum Gedächtnis Lessings« auf. Er thematisierte darin die Möglichkeiten des neuen Mediums und verband den antiken Mythos mit der modernen Technik.

Thomas Mann war zeitlebens ein eifriger Kinogänger, verfasste selbst Drehbücher und sah Verfilmungen seiner Romane »Buddenbrooks« (1923) und »Königliche Hoheit« (1953). Im Exil unterstützte er die Zürcher Filmagentur  von Julius Marx und Bernhard Diebold, die mit Hollywood über Verfilmungen nach Stoffen von Emigranten verhandelte. Sein ehrgeizigstes Filmprojekt, die Verfilmung der Tetralogie »Joseph und seine Brüder«, kam zwar, anders als vergleichbare Historienfilme, wie »Land of The Pharaohs« (1955) oder »The Ten Commandments« (1956), nicht zustande. Doch anhand von Illustrationen zur »Joseph«-Legende und mit Blick auf die Moses-Novelle »Das Gesetz« (1944) kann man erahnen, wie der Film hätte aussehen können.

Der Vortrag korrespondiert mit dem gleichnamigen Aufsatz in der Zeitschrift. JUNI-Magazin für Literatur und Kultur (Bielefeld, Aisthesis Verlag), H. 55/56, Januar 2019.

 Der Tonfilm vom 22. Januar 1929 wurde von der Tobis-Industrie GmbH in Berlin aufgenommen. Dauer: 3:52, archiviert im Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin (Signatur: BArch 20520).

Dr. Dirk Heißerer ist Literaturwissenschaftler in München, Veranstalter literarischer Spaziergänge und Exkursionen (www.lit-spaz.de) sowie Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München (www.tmfm.de).

Eintritt 5 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber Eintritt frei)

Karten unter Telefon (089)202400-491, per E-Mail an karten@ikg-m.de und an der Abendkasse

Veranstalter: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern & Thomas-Mann-Forum München

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

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