Nachrichten
« Zurück
12. Mai 2016
Jom Haschoa | Abba Naor: „Ich kann nicht vergessen“
Der Zeitzeuge Abba Naor hielt die Gedenkrede in der Synagoge Ohel Jakob München, von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 12.5.2016. Es ist eine Zäsur, die kommen wird und die sich nicht hinauszögern lässt: die Zeit ohne die Zeitzeugen des schlimmsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte, der Schoa.
»Diese Zeitzeugen sind es, die die Erinnerung in einer Weise wachhalten, wie es Bücher, Zeitungsartikel und Erzählungen aus zweiter oder dritter Hand nie schaffen können«, weiß IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch. »Und diese Menschen sind es auch, die die Lehren, die aus der Geschichte gezogen werden müssen und unsere rechtsstaatlichen Grundwerte so wichtig erscheinen lassen, überzeugend vermitteln können.«

»Warum habt ihr uns verfolgt und ermordet?«: Zeitzeuge Abba Naor © Marina Maisel
Warum das so ist, wurde in der vergangenen Woche am Jom Haschoa in der Synagoge am Jakobsplatz deutlich. Mehr als sieben Jahrzehnte sind seit dem Aufstand im Warschauer Ghetto und der Befreiung der Konzentrationslager vergangen. In Person des fast 90-jährigen Abba Naor, der die Gedenkrede hielt, war die Vergangenheit jedoch in eindringlicher Form präsent. Er hat ein Ghetto (Kaunas) erlebt, überlebt, auch das KZ Stutthof und die berüchtigten Dachauer Außenlager Utting und Kaufering. Ein großer Teil seiner Familie nicht.
Emotionale Gedenkstunde

Stimmgewaltig: der Synagogenchor Schma Kaulenu bei der Gedenkveranstaltung © Marina Maisel
An der Gedenkstunde, die sich vor allem an die Mitglieder der IKG richtete, nahmen auch zwei Personen teil, die Freunde der jüdischen Gemeinde sind, dies oft zum Ausdruck gebracht haben und sich auch mit Abba Naor emotional verbunden fühlen: Barbara Distel, bis zum Jahr 2008 fast 30 Jahre lang die Leiterin der Gedenkstätte Dachau, und der ehemalige Gautinger Bürgermeister Ekkehard Knobloch, auf dessen Initiative hin 1989 ein Mahnmal zur Erinnerung an die Todesmärsche errichtet wurde. Auch Abba Naor nahm daran teil.

»Die Erinnerung wachhalten«: das IKG-Jugendzentrum Neshama © Marina Maisel
Als Abba Naor in der Synagoge an das Pult tritt, war ein Psalm, gesungen vom Chor »Schma Kaulenu«, gerade verklungen. Zuvor hatte der Chor des Jugendzentrums »Neshama« Lieder gesungen und Rezitationen vorgetragen. »Ist es möglich, zu vergessen, was man als 13-Jähriger erlebt hat?«, fragte Naor. Er stellte die Frage bewusst in den Raum – und lieferte nach einigen Momenten die Antwort: »Wir wurden physisch befreit, aber seelisch sind wir nicht befreit worden. Ich kann nicht vergessen.«
Als Zeitzeuge tritt Abba Naor seit mehr als 20 Jahren in Schulen und Universitäten auf, er hat einen deutsch-israelischen Schüleraustausch initiiert, ist Repräsentant Israels im Internationalen Dachau-Komitee und hat sein Leben in dem Buch Ich sang für die SS (C.H. Beck) beschrieben. Für sein Engagement, das die Verständigung zur Grundlage hat, hat ihm Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Unendliches Grauen
Am 2. Mai 1945 wurde Naor befreit. Zu diesem Zeitpunkt ist er erst 17 Jahre alt und weiß doch schon mehr vom Tod, von Verzweiflung und menschlicher Brutalität als die kampferprobten US-Truppen. Wenig später findet er seinen Vater wieder, der das Grauen überlebt hat, aber eine Rückkehr in die Heimat Litauen ist indiskutabel. In seinem Buch schreibt Naor: »Ich habe einmal den litauischen Botschafter gefragt: Wir waren doch alle Litauer, standen auf, wenn die Nationalhymne gespielt wurde. Mein Vater war Soldat und hat für Litauen gekämpft. Warum habt ihr uns verfolgt und ermordet? Er gab mir keine Antwort und schwieg.«

Abba Naor: »Von einem Tag auf den anderen wurden unsere litauischen Nachbarn unsere Mörder« © Marina Maisel
In der Gedenkstunde in der Synagoge erinnerte sich Naor an seine Kindheit in Litauen. »In der Schule wurde Hebräisch unterrichtet, es gab jüdisches Theater, jüdische Organisationen, ein jüdisches Krankenhaus«, sagte er nachdenklich. »Wir waren frei. Dann von einem Tag auf den anderen begann der Mord an der jüdischen Bevölkerung, von einem Tag auf den anderen wurden unsere litauischen Nachbarn unsere Mörder.«
Nach dem Krieg, nach den Nazis, begann der Schoa-Überlebende, der heute wechselweise in München und Tel Aviv lebt, in Israel ein neues Leben, weit weg von den Orten der schrecklichen Erinnerungen. 1947 kam er dort an, ruhig wurde es nicht. Der einstige Ghetto-Junge, der Nachrichten für den Widerstand transportierte und der NS-Zeit durch Zufall lebend entkam, folgte seinen Überzeugungen. Er kämpfte 1948 als Soldat im Unabhängigkeitskrieg, wurde danach Agent des Mossad und war in den 80er-Jahren an der Rettung der äthiopischen Juden beteiligt.
Bleibende Wunden
Abba Naor könnte viele Episoden erzählen, die ihm bei Zuhörern den Glanz eines Helden verleihen würden, doch bei der Gedenkstunde in der Synagoge berichtete er von der Schoa und seinem Überleben. »Mein Hass ist vergangen. Und auch das Gefühl von Schuld, überlebt zu haben. Doch die Zeit heilt keine Wunden.« Deshalb hatte er nach dem Krieg auch darauf verzichtet, die sogenannte Wiedergutmachung des Staates anzunehmen. Schon das Wort »Wiedergutmachung« erregt seinen Unmut: »6000 Mark für meine geraubte Kindheit, für meine Mutter und meine Brüder? Niemand kann wiedergutmachen, was die Nazis mir angetan haben!«
Wiedergutmachung sind für ihn Gespräche mit Schülern – und die Briefe, die er von ihnen bekommt, die ihm das Gefühl geben, etwas bewirkt zu haben. Der Brief von einem Schüler namens Robert geht ihm besonders nahe. Dieser schrieb ihm einmal: »Sie verwandelten meine Scham, die ich als Deutscher im Zusammenhang mit der Schoa empfinde, in das Erstaunen darüber, wie jemand, der so viel Leid ertragen musste, so unvoreingenommen und freundschaftlich der Jugend seines ehemaligen Peinigervolkes gegenüber eingestellt sein kann.«
Das Trauergebet El Male Rachamim, vorgetragen von Rabbiner Shmuel Aharon Brodman, galt dem Anlass entsprechend den Toten. Die Zukunft trägt Abba Noar, nur einen Griff entfernt, in seiner Brieftasche stets mit sich herum: Fotos seiner Familie. Für ihn ist sie ein unermesslicher Schatz: »Zwei Kinder, fünf Enkel, sechs Urenkel. Sie sind mein ganz persönlicher Sieg über die Nazis.«
VeranstaltungenÜberblick »
Oktober 2026 | Tischri-Cheschwan
- So
- Mo
- Di
- Mi
- Do
- Fr
- Sa
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
- 6
- 7
- 8
- 9
- 10
- 11
- 12
- 13
- 14
- 15
- 16
- 17
- 18
- 19
- 20
- 21
- 22
- 23
- 24
- 25
- 26
- 27
- 28
- 29
- 30
- 31
Aktuelle Veranstaltungen
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Mi. 21.10.2026 | 10. Cheschwan 5787
Kultur
Filmvorführung „Noga“
Beginn 19:00Filmvorführung
Mittwoch, 21. Oktober 2026, 19 Uhr
Ein Film von Jono & Benji Bergmann mit Noga Erez und Ori Rousso
Produktion: Babka Film in Koproduktion u.a. mit Sperl Film + Fernsehproduktion
Österreich/ Deutschland/ Israel 2026, 96 Min.
Originalsprache: Hebräisch, Englisch, mit deutschen Untertiteln
Die israelische Musikerin Noga Erez ist mit ihrem kreativen Partner und Lebensgefährten Ori Rousso auf dem Weg zum internationalen Durchbruch. Zwischen ausverkauften Konzertsälen mit provokanten Hits wie »End of the Road«, politischer Zuspitzung und persönlichen Spannungen, kämpft sie darum, weiterhin gehört, vor allem aber verstanden zu werden – in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
