Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

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3. Mai 2018

Gedenken in Dachau am 73. Jahrestag der Befreiung

Wie in jedem Jahr begannen die Feierlichkeiten zum 73. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau mit dem Gedenken des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern an der jüdischen Gedenkstätte. Sowohl Josef Schuster, Zentralratspräsident und Vorsitzender des Landesverbandes, als auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie Holocaust-Beauftragte des World Jewish Congress (WJC), setzten sich am 29. April 2018 in ihren Reden mit dem wiedererstarkten Antisemitismus in Deutschland auseinander. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 3.5.2018.

Würdiges Erinnern, das an die nächsten Generationen weitergegeben wird: Mitglieder der Jüdischen Jugend Bayern © Marina Maisel

Würdiges Erinnern, das an die nächsten Generationen weitergegeben wird: Mitglieder der Jüdischen Jugend Bayern © Marina Maisel

 

Es ist eine Aussage, die an einem Ort wie der KZ-Gedenkstätte, auf deren Gelände zwischen 1933 und 1945 mehr als 200.000 Menschen gefangen gehalten und 41.400 von den Nazis ermordet wurden, ein ganz besonderes Gewicht bekommt. »Immer mehr Menschen«, stellte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch 73 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur fest, »haben Angst davor, sich als jüdisch zu erkennen zu geben. Die Nationalsozialisten wurden besiegt, ihr Reich wurde zerstört. Die Ideen, die sie bewegten, leben aber fort.«

Bundesebene

Angesichts der Entwicklung, die in den vergangenen drei Jahren mit der Flucht von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern eine beängstigende Dynamik angenommen hat, bezeichnete es Zentralratspräsident Josef Schuster als einen »großen Erfolg«, dass auf Bundesebene erstmals das Amt eines »Beauftragten für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus« geschaffen wurde.

»Der Beauftragte ist für uns ein wichtiger Partner im Kampf gegen Antisemitismus«, betonte Schuster. Alle Bundesländer sollten diesem Schritt folgen und eigene Beauftragte auf Landesebene berufen. Einige Bundesländer hätten diese Initiative bereits ergriffen.

Warum ein entschiedeneres Vorgehen gegen den wachsenden Antisemitismus vonseiten der Politik dringend notwendig ist, sprach auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch an. In den 73 Jahren seit Ende des Nationalsozialismus seien unzählige Sonntagsreden, Beteuerungen, Schwüre und Bekenntnisse zu dieser Verantwortung abgegeben worden. Aber es sei nicht gelungen, den hehren Worten auch gerecht zu werden.

»Aus dem anfänglichen Tabu wurde eine Gewöhnung an antisemitische Thesen und Tiraden, oder gar eine Zustimmung«, stellte sie fest.

Daten

In diesem Zusammenhang forderte Josef Schuster eine genauere statistische Erhebung von antisemitisch motivierten Straftaten, um das wahre Ausmaß zu erkennen. »Wir brauchen valide Daten, damit die Mehrheitsgesellschaft das Problem überhaupt ernst nimmt – und zwar so ernst, dass sie sich nachhaltig damit beschäftigt und sich nicht bei einem Vorfall kurzfristig empört, um dann im Alltag genauso weiterzumachen wie bisher.«

Das besondere Problemfeld, den Judenhass unter Muslimen, sprachen sowohl der Zentralratspräsident als auch die IKG-Präsidentin in ihren Reden an. Charlotte Knobloch sagte: »Es ist ein tradiertes Phänomen in der muslimischen und arabischen Welt, gepflegt und praktiziert – in Erziehung, Schulbüchern, Staatsdoktrin, Moscheen und Medien. Über die Imame und religiösen Taktgeber sowie die Idole und Autoritäten vieler junger Muslime wird der Hass auch bei uns konsumiert und praktiziert.«

Josef Schuster verwies in diesem Zusammenhang auf ein pädagogisches Problem und viel Nachholbedarf: »Wie können wir erwarten, dass Lehrer stets souverän und angemessen reagieren und diesen Antisemitismus im Keim ersticken können, wenn sie dafür gar nicht ausgebildet sind?«

Kultusministerkonferenz

Der Zentralrat habe bereits gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz damit begonnen, Strategien zu entwickeln, um die Lehrer besser gegen Antisemitismus zu rüsten. Die Indoktrinierung von Kindern mit nationalistischer Ideologie sei nicht akzeptabel, erklärte auch Charlotte Knobloch.

Die KZ-Gedenkstätte in Dachau zeigt auf schreckliche Weise, wohin Antisemitismus führen kann. Bei der Gedenkfeier wurde dies auch durch die Anwesenheit von Überlebenden, die der Hölle entrinnen konnten, deutlich. Sie waren aus ihren heutigen Heimatländern zur Gedenkfeier angereist. Josef Schuster erzählte die Geschichte von einem von ihnen: Ben Lesser.

Der Schoa-Überlebende sah sich erst vor zwei Jahren Filmaufnahmen an, die die Amerikaner bei der Befreiung des Konzentrationslagers gemacht hatten – und entdeckte sich unter den bis auf die Knochen abgemagerten Menschen selbst. »Er ist sich nicht einhundertprozentig sicher, dass er dieser Mann ist, hält es aber für sehr wahrscheinlich«, sagte Zentralratspräsident Schuster.

Gesellschaft

Ein würdiges Gedenken für die Menschen, für die die Befreiung zu spät kam, ist nach Überzeugung von Charlotte Knobloch eine Verpflichtung. Das Gedenken müsse angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen aber auch immer mit dem Vorsatz einhergehen, entschlossen dafür zu kämpfen, dass es keine neuen Opfer von Hass, Gewalt und Krieg gebe.

»73 Jahre nach dem Holocaust muss es jüdischen Menschen in ihrer Heimat möglich sein, sorgenfrei und friedvoll in die Synagoge zu gehen, in die Schule, den Kindergarten, zum Fußball, zum Grillen, zum Baden, zum Shoppen – mit oder ohne Kippa, mit oder ohne Davidstern«, sagte Knobloch. Viele hätten aber nicht verstanden, dass der Kampf gegen Antisemitismus auch der Kampf für unsere Demokratie sei.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch auf dem Weg zur Kranzniederlegung an der Gedenkstätte. © Marina Maisel

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch auf dem Weg zur Kranzniederlegung an der Gedenkstätte. © Marina Maisel

 

Rabbiner Jan Guggenheim aus Fürth trug anschließend Psalmen vor und sprach das Gebet »El Male Rachamim«. Nach dem Kaddisch gingen alle gemeinsam vom Krematorium zur Internationalen Gedenkstätte, um Kränze niederzulegen.

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 27.01.2019 | 21. Schwat 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: „Schwarzer Honig. Leben und Werk von Abraham Sutzkever“

Beginn 17:00

„Black Honey. The Life and Poetry of Avraham Sutskever“

Dokumentarfilm
Regie: Uri Barbash
Drehbuch: Uri Barbash, Hadas Kalderon
Produzent: Yair Qedar
Kamera: Tulik Galon
Schnitt: Ori Derdikman

Musik: Alon Lothringer. Ton: Ami Arad
Israel 2018, 76 Min., hebr./engl./jidd. OV mit dt. Untertiteln

Abraham Sutzkever (1913–2010) zählt zu den bedeutendsten Jiddisch schreibenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Bei Wilna geboren, verbrachte er fünf Jahre seiner Kindheit in Sibirien, wohin die Eltern 1915 deportiert worden waren.

Seit den frühen 1930er Jahren gehörte er zum avantgardistischen jüdischen Autoren- und Künstlerkreis »Jung-Wilne«. Ab 1934 veröffentlichte er regelmäßig in Warschauer und Wilnaer

Abraham Sutzkever © Familienbesitz

Zeitschriften. 1937 erschien sein erster Gedichtband »Lider« (Lieder). Im Ghetto von Wilna schloss er sich einer Untergrundorganisation an und rettete Handschriften und Dokumente vor der Vernichtung durch die Deutschen. Dort musste er auch mitansehen, wie seine Mutter und sein Sohn ermordet wurden. Ihm gelang als einem von wenigen die Flucht aus dem Ghetto. Zunächst ging er nach Moskau, wo er bereits 1944 über die Vernichtung der Juden in seiner Heimat berichtete. In späteren Arbeiten dokumentierte er die Gräuel der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Nach dem Krieg war Sutzkever Zeuge im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, 1947 emigrierte er nach Israel, wo er die renommierte Literaturzeitschrift »Di goldene kejt« gründete.

Der Film des israelischen Regisseurs Uri Barbash porträtiert einen Menschen, dem die Poesie half das Erlebte zu überstehen und Zeugnis abzulegen. Sutzkevers Werke sind in über 30 Sprachen übersetzt.

Einführung: Dr. Evita Wiecki, Jiddisch-Lektorin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Schlusswort: Yair Qedar, preisgekrönter israelischer Filmproduzent

Eintritt: 5 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber frei)

Karten unter 089/20 24 00-491, per E-Mail an karten@ikg-m.de und an der Abendkasse

Veranstalter: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

 

Mo. 04.02.2019 | 29. Schwat 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: „116 Cameras“

Beginn 19:00

Dokumentarkurzfilm
Regie: Davina Pardo
Produzent: Davina Pardo
USA 2017, 15 Min., amerik. OF

Anschließend Podiumsgespräch

Wer erzählt die Geschichte von NS-Verfolgung und Holocaust, wenn keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr da sind? Ausgehend von dieser Frage hat das Shoah Foundation Institute for Visual History and Education an der University of Southern California in Los Angeles ein ehrgeiziges neues Projekt in Angriff genommen, um Überlebende als digitale 3D-Projektionen dazustellen, die mit zukünftigen Generationen interagieren werden.

Eva Schloss © USC Shoah Foundation

Der Kurzfilm »116 Cameras« folgt der Auschwitz-Überlebenden Eva Schloss, während sie an diesem einzigartigen Prozess teilnimmt und reflektiert, wie sich ihre Rolle als Zeitzeugin des Holocaust im Laufe der Zeit verändert hat. Die Mutter von Eva Schloss war ab 1953 übrigens in zweiter Ehe mit Anne Franks Vater verheiratet.

Zur Frage nach »digitalen Zeitzeugen« und damit zum Thema, wie sich das Erinnern verändern wird, wenn es die Stimmen lebender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht mehr geben wird, diskutieren:

Michaela Melián, Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, 2008 Gewinnerin des Kunstwettbewerbs der Stadt München »Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens«, mit dem Audiokunstprojekt »Memory Loops«;

Verena Lucia Nägel, Politologin, u.a. seit 2017 Betreuerin des Archivs »Fortunoff Video Archive for Holocaust  Testimonies« der Yale University an der Freien Universität Berlin;

Armand Presser, Sprecher für Rundfunk- und Filmbeiträge, Berater für das BR-Projekt »Die Quellen sprechen«

und

Dr. Jörg Skriebeleit, seit 1999 Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Moderation: Prof. Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München

Eintritt  frei

Veranstalter: NS-Dokumentationszentrum München in Kooperation mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Öberbayern

Veranstaltungsort: NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München

So. 10.02.2019 | 5. Adar I 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: Vortrag „Die Situation ist neu und reizvoll“ – Thomas Mann im Tonfilm (1929)

Beginn 17:00

Vortrag mit Filmbeispielen von Dr. Dirk Heißerer

Thomas Mann im Aufnahmestudio, Berlin 1929 © Presse-Foto GmbH

Als einer der ersten Schriftsteller überhaupt trat Thomas Mann (1875–1955) im Januar 1929 in einem Tonfilm mit dem Titel »Worte zum Gedächtnis Lessings« auf. Er thematisierte darin die Möglichkeiten des neuen Mediums und verband den antiken Mythos mit der modernen Technik.

Thomas Mann war zeitlebens ein eifriger Kinogänger, verfasste selbst Drehbücher und sah Verfilmungen seiner Romane »Buddenbrooks« (1923) und »Königliche Hoheit« (1953). Im Exil unterstützte er die Zürcher Filmagentur  von Julius Marx und Bernhard Diebold, die mit Hollywood über Verfilmungen nach Stoffen von Emigranten verhandelte. Sein ehrgeizigstes Filmprojekt, die Verfilmung der Tetralogie »Joseph und seine Brüder«, kam zwar, anders als vergleichbare Historienfilme, wie »Land of The Pharaohs« (1955) oder »The Ten Commandments« (1956), nicht zustande. Doch anhand von Illustrationen zur »Joseph«-Legende und mit Blick auf die Moses-Novelle »Das Gesetz« (1944) kann man erahnen, wie der Film hätte aussehen können.

Der Vortrag korrespondiert mit dem gleichnamigen Aufsatz in der Zeitschrift. JUNI-Magazin für Literatur und Kultur (Bielefeld, Aisthesis Verlag), H. 55/56, Januar 2019.

 Der Tonfilm vom 22. Januar 1929 wurde von der Tobis-Industrie GmbH in Berlin aufgenommen. Dauer: 3:52, archiviert im Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin (Signatur: BArch 20520).

Dr. Dirk Heißerer ist Literaturwissenschaftler in München, Veranstalter literarischer Spaziergänge und Exkursionen (www.lit-spaz.de) sowie Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München (www.tmfm.de).

Eintritt 5 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber Eintritt frei)

Karten unter Telefon (089)202400-491, per E-Mail an karten@ikg-m.de und an der Abendkasse

Veranstalter: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern & Thomas-Mann-Forum München

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

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