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12. Februar 2015
Ehrung eines großen Arztes
München – Die Heckscher-Klinik arbeitet ihre Geschichte auf und erinnert an Max Isserlin. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 12.2.2015.

In großer Tradition: Franz Joseph Freisleder, Ärztlicher Direktor der Heckscher-Klinik, vor einem Foto des jüdischen Arztes Max Isserlin. © Marina Maisel
Die Gedenkstunde, die das Heckscher-Klinikum und die Israelitische Kultusgemeinde gemeinsam ausrichteten, galt dem jüdischen Arzt Max Isserlin, dem Gründungsdirektor der Heckscher-Kinderklinik. Er gilt als Wegbereiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern schlechthin. „Sein Schicksal“, so steht es in der Einladung, „steht exemplarisch für die unvorstellbaren Verbrechen während des Nationalsozialismus und für die unüberbrückbare Lücke, die der Verlust von Menschen wie Professor Max Isserlin und seinen Kollegen in der Mitte der deutschen Gesellschaft hinterlassen haben.“
Bevor sich Franz Joseph Freisleder, der Ärztliche Direktor der Heckscher-Klinik, in seiner Festrede der Person Max Isserlin zuwandte, beleuchtete der Medizinhistoriker Wolfgang Locher von der Ludwig-Maximilians-Universität München die Mechanismen, die in der NS-Zeit relevant waren. „Angekommen und ausgegrenzt – zum Schicksal jüdischer Ärzte in München“ hatte Locher seinen Vortrag überschrieben.
Verdrängung
IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch war bereits in ihrem Grußwort auf die prekäre Lage eingegangen, in der sich jüdische Ärzte nach der Machtergreifung der Nazis befanden. „Schon 1933“, blickte Charlotte Knobloch zurück, „wurden alle nichtarischen Ärzte aus dem öffentlichen Gesundheitswesen, aus Universitäten, Krankenhäusern und Verwaltungen verdrängt.
Nach zahlreichen Maßnahmen der Verdrängung bedeutete der Entzug der Approbation 1938 für die jüdischen Ärzte schließlich die Vernichtung ihrer beruflichen Existenz. Der physischen Vernichtung entgingen viele, so auch Max Isserlin, nur durch Flucht. Das bedeutete für viele einen nicht zu heilenden Bruch ihres Lebens. Diejenigen, die als sogenannte ›jüdische Krankenbehandler‹ geduldet wurden und weiterarbeiteten, wurden am Ende meist mit ihren Patienten deportiert und ermordet.“
n seinem Vortrag vergaß Franz Joseph Freisleder nicht, neben Max Isserlin noch einen zweiten Mann zu nennen, den Namensgeber der Klinik, Carl August Heckscher. Die großzügigen Spenden des deutsch-amerikanischen Industriellen mit jüdischen Wurzeln waren es, die das Projekt überhaupt erst ermöglichten.
Max Isserlin, ein Vorreiter moderner Psychiatrie und einstmals hoch angesehener Vertreter seines Berufsstandes, verlor schrittweise alles: seine Zulassung als Arzt, seinen Chefposten, sein Vermögen, seine Würde. Auf diese unselige Entwicklung, die mit der Machtergreifung der Nazis endgültig zu einer Tod bringenden Lawine angewachsen war, hatte schon Charlotte Knobloch hingewiesen.
Dass er Jude war, nahm „die antisemitische Mörderbande zum Anlass, ihm jedes Menschsein, seine Würde, ja sein Existenzrecht abzusprechen“, erklärte die IKG-Präsidentin. »Antisemiten«, fügte sie in diesem Zusammenhang hinzu, „wollen nicht den Menschen sehen. Sie nehmen das, was eine Persönlichkeit ausmacht, bewusst nicht wahr: ihr Handeln, ihre Leistung, ihre Haltung. Dem absurden, gnadenlosen Hass der Antisemiten genügt das Judesein, um eine Person der Ausgrenzung, Diffamierung und schließlich der Vernichtung preiszugeben.“
Niedergang
Was geschah mit der Heckscher-Klinik nach Isserlins Vertreibung im Jahr 1938? Auch diese Frage beantwortete Freisleder. Die Jahre des Nationalsozialismus hätten „einen unvorstellbar tiefen Niedergang der Psychiatrie in Deutschland mit sich gebracht“. Man müsse sich vor Augen führen, dass etwa 250.000 bis 300.000 psychisch, geistig und körperlich kranke Menschen, darunter mehr als 5000 Kinder und Jugendliche, von 1939 an der von den Nazis euphemistisch als „Euthanasie“ bezeichneten „T4“-Aktion zum Opfer gefallen seien. „Und es ist zu bekennen“, fügte Freisleder hinzu, „dass damals auch mehrere renommierte Kinderpsychiater in unmenschliche Forschungs- und Tötungsprogramme involviert waren“.
Der Blick zurück in diese Zeit wirft auf die Heckscher-Klinik ein wahrhaft menschliches Licht. Wie aus Forschungsarbeiten und einer penibel geführten Chronik zu entnehmen ist, dürfte Isserlins Nachfolgerin als Chefärztin, Maria Weber, unterstützt von den im Haus tätigen „Usberger Schwestern“, zu einer Heldin im Stillen geworden sein.
Weil sie Fragebogen nicht ausfüllte und alle ihr anvertrauten Kinder als „bildungsfähig“ ausgab, entgingen die Kleinen der Tötungsaktion. Die Chefärztin warnte auch andere Eltern vor den teuflischen Euthanasie-Plänen. Ihr Handeln war alles andere als die Regel. Freisleder: „Anders erging es mehr als 300 Kindern in der nicht weit entfernten Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, wo sie zwischen 1940 und 1945 durch Verhungernlassen oder durch die Gabe von Luminal getötet wurden.“
Das Gedenken an Max Isserlin, der kurz nach Kriegsausbruch nach England floh und bald darauf starb, nahm Charlotte Knobloch zum Anlass, an ein besonderes Präsent zu erinnern, wie sie es formulierte. „Ich möchte an ein Geschenk erinnern“, sagte sie voller Emotionen, „das hier in München mit einem jüdischen Arzt verbunden ist und das sich in diesem Jahr, wie die Befreiung von Auschwitz, zum 70. Male jährt: Es war der Kinderarzt Dr. Julius Spanier, der nach seiner Rückkehr aus Theresienstadt mit meinem Vater Fritz Neuland sel. A. schon am 19. Juli 1945, also nur zwei Monate nach Kriegsende, die Jüdische Kultusgemeinde München neu- beziehungsweise wiederbegründet hat. Diese Gründung war ein frühes Geschenk an die spätere Bundesrepublik Deutschland, ein Vertrauensbeweis, der die Rückkehr der jungen deutschen Demokratie in die Staatengemeinschaft unterstützen würde.“
Die Gedenkveranstaltung, an der auch der Bezirkstagspräsident Josef Mederer teilnahm, wurde musikalisch von Kindern und Jugendlichen des kbo-Heckscher-Klinikums gestaltet. Unterstützt wurden sie von Agnes Pusker (Violone) und Sarah Wiederhold (Violoncello).
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Mi. 07.10.2026 | 26. Tischri 5787
Kultur
»Sie kamen, um uns zu töten. Mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« – Ein Abend mit Dafna Gerstner
Beginn 19:00Buchpräsentation & Gespräch mit der Autorin
Mittwoch, 7. Oktober 2026, 19 Uhr
Lesung: Ulla Wagener
Moderation: Richard Volkmann
Dafna Gerstner stammt aus Israel und lebt seit 2011 in Deutschland. 2023 wurde sie Zeugin des brutalen Massakers der Hamas vom 7. Oktober im Kibbuz Be’eri. Wie durch ein Wunder überlebte sie in einem nicht abschließbaren Schutzraum in der Wohnung ihres Bruders Eitan. Dreißig Menschen von dort, darunter Kleinkinder, wurden nach Gaza verschleppt – nicht alle haben die Geiselhaft überlebt. Es starben insgesamt 102 aus dem Kibbuz Be‘eri, darunter auch Dafnas Bruder Eitan, der als Mitglied der Bereitschaftseinheit das Leben zahlreicher Kibbuz-Mitglieder rettete im für ihn tödlichen Kampf gegen die Terroristen.
In ihrem Buch erzählt die Überlebende Dafna Gerstner vom Leben im Kibbuz vor und nach dem Massaker, aber auch davon, was es heißt zu überleben. Sie berichtet von den traumatischen Folgen des Terrorangriffs – sowohl für sie persönlich als auch für die israelische Gesellschaft. Doch auch die Spaltung der deutschen Gesellschaft hat ihr Leben als Jüdin in Deutschland verändert.
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
