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12. Februar 2014
Spanien: Gerechtigkeit für sephardische Juden
Vor 500 Jahren wurden in Spanien Juden gezwungen, katholisch zu werden oder das Land zu verlassen. Jetzt hat die Regierung ein Gesetz zur Wiedereinbürgerung von Nachfahren der Vertriebenen eingebracht.Von Michael Borgstede und Ute Müller, Madrid, Tel Aviv, erschienen auf Die Welt Online, 11.2.2014.
Manchmal gibt es für Vertriebene doch noch so etwas wie Gerechtigkeit, selbst wenn sie Jahrhunderte auf sich warten ließ. So eine Kehrtwende vollzieht sich jetzt in Spanien. Die konservative Regierung von Mariano Rajoy hat vor wenigen Tagen ein Gesetz zur Wiedereinbürgerung von Nachfahren vertriebener Juden vorgestellt. Der Entwurf muss noch vom Parlament verabschiedet werden, doch schon jetzt hat er ungeahnte Konsequenzen.
In den vergangenen Tagen kam es in den spanischen Konsulaten in Tel Aviv und Jerusalem zum Ansturm israelischer Bürger, die gern einen spanischen Pass hätten. „Der spanische Traum, auf einmal sind wir alle Spanier“, titelte die Tageszeitung „Yedioth Aharonoth“.
„Das ist eine sehr, sehr wichtige Geste“, urteilt Isaac Querub Caro vom Verband der jüdischen Gemeinschaften (FCJE) in Spanien. Vor mehr als 500 Jahren hatten die spanischen Könige Fernando II und Isabel I die jüdischen Mitbürger in einem Edikt aufgefordert, zum Katholizismus überzutreten oder das Land für immer zu verlassen. 50.000 Juden kehrten Spanien seinerzeit den Rücken, die Zahl ihrer Nachkommen, die jetzt theoretisch ein Anrecht auf einen spanischen Pass haben, wird auf 3,5 Millionen geschätzt. Die meisten leben heute in Israel, Frankreich, der Türkei, den USA oder in Lateinamerika.
Beim FCJE gibt man sich vorsichtig, das Gesetz müsse erst abgesegnet werden. „Die Initiative der spanischen Regierung hat nicht nur Symbolkraft, sondern praktischen Wert. Jetzt können Juden in Staaten gerettet werden, in denen sie gefährdet sind. Noch gibt es Länder, in denen Juden nicht willkommen oder geschützt sind“, so Querub gegenüber der spanischen Tageszeitung „El País“.
Nachweis wird schwierig
Schon seit Jahren ist es sephardischen Juden möglich, die spanische Staatsbürgerschaft zu beantragen, allerdings über ein langwieriges und kompliziertes Prozedere. Die Antragsteller mussten nicht nur ihre bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben, sondern auch für den Zeitraum von mindestens zwei Jahren einen Wohnsitz in Spanien nachweisen. Das wird künftig nicht mehr nötig sein, auch das Verfahren soll deutlich vereinfacht werden, wenngleich der schwer zu erbringende Nachweis sephardischer Abstammung bleibt.
Der FCJE wird bescheinigen müssen, dass der Antragsteller die Voraussetzungen erfüllt, doch das letzte Wort soll fortan bei den spanischen Beamten liegen, die für das Zivilregister zuständig sind. Am Wochenende zirkulierte in Israel bereits eine Liste mit 5200 sephardischen Namen.
Israelische Medien berichteten zunächst guten Mutes, Träger jener Namen müssten keinen weiteren Nachweis ihrer Abstammung erbringen. Bald wurde deutlich, dass die Liste weder offiziell ist noch die spanische Regierung sich in irgendeiner Form zu den konkreten Anforderungen einer Einbürgerung geäußert hat.
Zweifel am Erfolg
Leon Amira, der Vorsitzende der israelischen Organisation für die Einwanderer aus Lateinamerika, Spanien und Portugal, gibt sich deshalb skeptisch. „Bis ich die Spanier Pässe ausstellen sehe, werde ich an dieser Maßnahme weiter zweifeln, von der ich glaube, dass sie nur für die Öffentlichkeitsarbeit gedacht ist“, sagt er.
Auch Maja Weiß-Tamir, eine Rechtsanwältin, die seit Jahren sephardischen Juden beim Erlangen der spanischen Staatsbürgerschaft hilft, hat Bedenken: „Im November wurde ein neues Gesetz angekündigt, das jedem automatisch die Staatsbürgerschaft verschaffen soll, der seine Abstammung von spanischen Juden belegen kann.“
Seitdem sei aber nicht viel passiert. Und die neue Vorlage könne auf dem Weg durch die Kammern durchaus modifiziert werden. Das steht auch – fast warnend – auf der Webseite des spanischen Generalkonsulats in Jerusalem: Wer einen spanischen Pass beantragen wolle, müsse noch Monate warten, bis das neue Gesetz vermutlich in Kraft treten werde.
„Ich fühle mich spanisch“
Mordechai Ben-Abir wird auf jeden Fall einen der ersten Anträge stellen. Vor sechs Jahren hat der 88-Jährige seine Doktorarbeit fertiggestellt und darin den Stammbaum seiner Familie bis in das Jahr 1200 zurückverfolgt. Der unter dem Namen Marcus Cabalero geborene Mann kann seine Verbindung zu vertriebenen spanischen Juden zweifelsfrei nachweisen. Das wird nicht allen Antragstellern gelingen.
Ohnehin ist fraglich, ob das krisengeschüttelte Spanien mit einer Arbeitslosenquote von 26 Prozent wirklich ein guter Zufluchtsort für Juden aus aller Welt ist – viele Menschen haben das Land deswegen verlassen. Gerade einmal 40.000 Juden leben derzeit in Spanien, es gibt landesweit nur 300 Synagogen. Lediglich in Madrid, Barcelona und Melilla verfügt die jüdische Gemeinde über eigene Schulen und Erziehungseinrichtungen.
Avraham Haim, 72, ist das egal. „Ich fühle mich spanisch“, sagte der Vorsitzende der sephardischen Gemeinde in Jerusalem „El País“ in perfektem Spanisch. Daneben spricht er noch Ladino, das mittelalterliche Judenspanisch, dessen Erbe von einigen Sepharden bis heute am Leben erhalten wird.
Haim war seit 1973 nicht in Spanien, fühlt sich aber „eng mit dem Land verbunden“. Auch seine drei Kinder haben die spanische Staatsbürgerschaft beantragt. „Das“, so Haim augenzwinkernd, „aber hauptsächlich, weil sie den spanischen Fußball bewundern.“
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Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786
Kultur
»Wie rettet man das Tote Meer?«
Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage
Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel
Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.
Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.
Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka
»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation
Moderation: Emanuel Rotstein
Eintritt frei.
Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91
Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm
Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18
Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786
Kultur
„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter
Beginn 19:00Buchpräsentation
Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.
Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »
Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786
Kultur
Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor
Beginn 19:00Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
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