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19. April 2013
Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto: Kampf für Menschenwürde
Führende deutsche Politiker haben am Freitag, 19.4.2013, an den Aufstand im Warschauer Ghetto erinnert und den mutigen Widerstand der verfolgten Juden gewürdigt. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC) sagte in München: „Ich verneige mich vor dem Mut der jüdischen Menschen, die sich damals nicht kampflos ihrem Schicksal ergeben wollten. Sie wussten, dass sie ihr Leben wohl nicht würden retten können, aber sie wollten ihre Würde retten. Und das haben Sie. Ihr Andenken ist unvergessen. Ihr Vermächtnis ist die demokratische Verpflichtung zu Verantwortung. Gemeinsam sind wir aufgefordert, einzutreten für das respektvolle Miteinander aller Menschen, die in Freiheit und Frieden und gegenseitiger Anerkennung in unserer Gesellschaft leben und diese gestalten wollen.“
„Wir gedenken in großer Demut des Leidens, der Opferbereitschaft und des Freiheitswillens der Menschen im Warschauer Ghetto“, erklärte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Berlin.
Der Bundestag würdigte die Opfer zu Beginn seiner Sitzung am Freitag mit einer Gedenkminute. Generationen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), erinnerte an die Widerstandskämpfer, die sich nicht „wie Lämmer zur Schlachtbank« führen lassen wollten, sondern angesichts der drohenden Deportation in die NS-Vernichtungslager beschlossen zu kämpfen. Es sei eine Entscheidung für einen »aussichtslosen Kampf für die Würde ihres Volkes“ gewesen.
„Ihr Kampf für Menschenwürde ist und bleibt ein Vermächtnis für die nachfolgenden Generationen“, sagte Lammert. Während des Aufstands im Warschauer Ghetto im April und Mai 1943 wehrten sich rund 1100 der insgesamt 60.000 damals dort noch lebenden Juden gegen den Abtransport in die NS-Vernichtungslager.
Der Aufstand wurde von den deutschen Besatzern brutal niedergeschlagen.
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, kritisierte die Regierungskoalition dafür, die Nachzahlung der Ghetto-Renten vor Kurzem im Bundestag abgelehnt zu haben. Das Parlament stehe in der Pflicht, auf seine Gedenkworte Taten folgen zu lassen. Bei dem Streit geht es um die rückwirkende Auszahlung von Renten für Menschen, die in einem nationalsozialistischen Ghetto gearbeitet haben. Ein großer Teil der geschätzten 20.000 Betroffenen bekommt die Nachzahlung erst ab 2005. Die Opposition forderte eine Nachzahlung ab 1997. Mit der Mehrheit von Union und FDP hat der Bundestag dies vor vier Wochen abgelehnt.
Der Tag, als sich Juden erstmals sichtbar wehrten
Am 19. April 1943 dringt die SS ins Warschauer Ghetto ein, um die jüdischen Insassen zu deportieren. Doch die Juden sind vorbereitet: Sie leisten Widerstand. Von A. Mix, erschienen auf Die Zeit Online, 19.04.2013. In der Nacht zum 19. April 1943, dem Tag des Pessachfestes und dem Beginn der Karwoche, umstellen SS- und Polizeieinheiten das Warschauer Ghetto. Unterstützt von „fremdvölkischen Hilfswilligen“, wie sie bei den Nazis hießen.
Bereits im Sommer 1942 hatten die Deutschen mit ihren Helfern binnen drei Monaten fast eine halbe Million Juden aus Warschau nach Treblinka verschleppt und dort ermordet. Nun wollten sie auch die letzten 60.000 Insassen in Arbeits- und Vernichtungslager deportieren. „Auf jeden Fall muß erreicht werden, daß der für 500.000 Untermenschen bisher vorhandene Wohnraum, der für Deutsche niemals geeignet ist, von der Bildfläche verschwindet“, ordnet der Reichsführer-SS Heinrich Himmler an.
Anders als im Sommer 1942 kann die SS – die sogenannte Schutzstaffel der Partei Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) – die Juden in dieser Nacht nicht überraschen. Schon Monate zuvor hat sich im Ghetto die Jüdische Kampforganisation formiert, 200 Männern und Frauen, die den Nazis Widerstand leisten wollten. Als motorisierte Verbände der SS ins Ghetto dringen, werden sie von den Kämpfern beschossen und mit Molotowcocktails beworfen. Die Angreifer müssen sich zurückziehen – ein Triumph für die Jüdische Kampforganisation, der sich auch jenseits der Ghettomauern schnell herumspricht.
Was der Dichter Abba Kovner aus Wilna gefordert hatte, wird nun wahr: Statt sich „wie die Schafe zur Schlachtbank“ führen zu lassen, leisten Juden Widerstand gegen ihre Verfolger.
Im Ghetto begann der jüdische Widerstand
Die Jüdische Kampforganisation hat sich als Reaktion auf die Massendeportationen aus Warschau im Herbst 1942 gebildet. Die Mitglieder – Zionisten, Kommunisten und Vertreter des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes – vereint ein Ziel: „Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten“, erklärt Arje „Jurek“ Wilner, einer der Gründer der Kampforganisation. An Mut mangelt es den Kämpfern nicht. Was ihnen fehlt, sind Waffen und eine militärische Ausbildung. Auch deshalb wissen sie, dass sie die Reste der Warschauer Gemeinde nicht dauerhaft vor der Deportation schützen können.
Trotzdem sind die Kämpfer entschlossen. Unter dem Kommando von Mordechaj Anielewicz, dem 22-jährigen Aktivisten eines linkszionistischen Jugendverbands, bereiten sie sich auf den Widerstand vor. Sie knüpfen Kontakte zum polnischen Untergrund, bitten um Waffen und logistische Unterstützung. Im Ghetto agitieren die jungen Männer und Frauen gegen jede Form der Zusammenarbeit mit den Deutschen. Niemand soll mehr dem Versprechen glauben, die Arbeit für die deutschen Betriebe biete Schutz vor der Vernichtung.
Als am 18. Januar 1943 die Deportationen wieder einsetzen, leisten die Juden erstmals Widerstand. Nach vier Tagen stellen die SS-Kommandos die Deportationen ein. Bis dahin haben sie bereits fast 7.000 Menschen nach Treblinka verschleppt. Die jüdischen Kämpfer werten ihren Aufstand als Erfolg, obwohl viele ihrer Mitglieder ermordet werden: „Denn zum ersten Mal werden die deutschen Pläne durchkreuzt. Zum ersten Mal bricht der Nimbus vom unantastbaren, allmächtigen Deutschen zusammen. Zum ersten Mal gewinnt die jüdische Bevölkerung die Überzeugung, es sei möglich, trotz der deutschen Stärke, etwas gegen die Absichten der Deutschen zu unternehmen“, erinnert sich Marek Edelman, einer der führenden Mitglieder der Kampforganisation, unmittelbar nach Kriegsende.
Nach dem Rückzug in den Morgenstunden des 19. April ändern die Angreifer ihre Taktik. Der SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop, der das Kommando über die Verbände übernimmt, lässt systematisch ganze Häuserzeilen in Brand setzen und sprengen. Keller und Kanäle, die als Verstecke und Fluchtwege dienen, werden mit Wasser oder Gas geflutet. Wer sich stellt, wird zum „Umschlagplatz“ getrieben und von dort aus in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert. Wer Widerstand leistet, wird sofort erschossen.
Das Inferno hinter den Ghettomauern bleibt nicht unbemerkt. Die Rauchsäulen und der Feuerschein sind weithin sichtbar, die Detonationen in der ganzen Stadt zu hören. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Einzelne Gruppen des polnischen Untergrunds unterstützen die Aufständischen, indem sie ihnen Waffen liefern oder bei der Flucht aus dem Ghetto helfen. Zahlreiche konspirative Publikationen schreiben bewundernd über den „zu allem entschlossenen bewaffneten Widerstand der Juden“.
Zum Symbol für die Zuschauerrolle der Polen wird das Karussell auf dem Krasinskiplatz an der Ghettomauer: „Der Schlager dämpfte die Salven/Hinter der Mauer des Gettos,/Und Paare flogen nach oben/weit in den heiteren Himmel“, beschreibt der spätere Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz im Gedicht Campo die Fiori die Szenerie zwischen Frühlingsvergnügen und Apokalypse.
Einen Monat dauert der Widerstand. Am 16. Mai meldet Jürgen Stroop seinen Vorgesetzten per Fernschreiben: „Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr. Mit dem Sprengen der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet.“ Bis dahin haben Stroops Männer mehr als 56.000 Menschen deportiert oder erschossen. Anielewicz und mit ihm zahlreiche weitere Mitglieder der Jüdischen Kampforganisation begehen Selbstmord, als ihr Bunker in der Milastraße 18 am 8. Mai entdeckt wird.
In einem seiner letzten Briefe schreibt er: „Am wichtigsten ist, dass der Traum meines Lebens wahr geworden ist. Jüdische Selbstverteidigung im Ghetto ist verwirklicht worden. Vergeltung und Widerstand von jüdischer Seite ist eine Tatsache geworden. Ich bin Zeuge des heldenhaften Mutes der jüdischen Kämpfer gewesen.“
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Aktuelle Veranstaltungen
Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786
Kultur
»Wie rettet man das Tote Meer?«
Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage
Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel
Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.
Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.
Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka
»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation
Moderation: Emanuel Rotstein
Eintritt frei.
Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91
Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm
Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18
Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786
Kultur
„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter
Beginn 19:00Buchpräsentation
Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.
Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »
Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786
Kultur
Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor
Beginn 19:00Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
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E-Mail: empfang@ikg-m.de
