Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

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Sa. 30.06.2012 | 10. Tamusz 5772

Beginn 21:55

TV-Tipp: „Auf das Leben! Jüdisch in Deutschland“

Nachbarn, aber weit voneinander entfernt – Eine NDR-Dokumentation über wiedererwachtes jüdisches Leben in Deutschland

Von Robert von Lucius, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6.6.2012 Seite 33. Drei Lebensläufe, die unterschiedlicher kaum sein könnten: In der jungen blonden Frau, die voller Fröhlichkeit ihre Hochzeit vorbereitet, dem geschäftig-nüchternen orthodoxen Rabbi und dem ebenso amüsanten wie klugen Musikhistoriker zeigt sich die Vielfalt wiedererwachten jüdischen Lebens in Deutschland. Unter den vielen Sätzen des Films, die aufhorchen lassen, ist jener des Sprechers der orthodoxen jüdischen Gemeinde Hannovers, er wisse kaum etwas über die liberale jüdische Gemeinde am gleichen Ort, kenne noch nicht einmal deren Anschrift. Oder jener eines neunzig Jahre alten Holocaust-Überlebenden, er habe in den letzten Jahrzehnten niemals antisemitische Worte oder auch nur Ansätze gespürt. Zugleich aber findet in die jüdische Kindertagesstätte nur Einlass, wer durch Kamera und Guckloch als vertrauenswürdig eingestuft wird.

Der Norddeutsche Rundfunk glaubt, „Auf das Leben – Jüdisch in Deutschland“ sei die erste ausführliche filmische Dokumentation über den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland, während bisher Filme sich auf den Holocaust und die Folgen konzentrierten. NDR-Intendant Lutz Marmor sagt, diese seit vier Jahren vorbereitete Produktion – eine einstündige Fassung strahlt die ARD aus, eine Langfassung von neunzig Minuten 3Sat – sei dem Sender wie auch ihm besonders wichtig gewesen. Dass die Filmemacherin Gesine Enwaldt dafür Hannover auswählte, war kein Zufall. Dort gab es vor 1933 eine der größten jüdischen Gemeinschaften Deutschlands, dort war die Synagoge einst das größte Gotteshaus der Stadt.

Heute leben wieder mehr als 8000 Menschen jüdischen Glaubens in Niedersachsen. Es sei „im jüdischen Bereich Vorzeigeland“, sagt Michael Fürst, seit 21 Jahren Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden. Auch heute weise keine andere Stadt, auch nicht Berlin, eine solche konfessionelle Vielfalt jüdischen Lebens auf, sagt der gebürtige Hannoveraner, der als erster jüdischer Soldat in der Bundeswehr diente. Fürst lobt die Wiederverankerung des Judentums in der Gesellschaft, sucht auch – in dieser Form einmalig in Deutschland – das Gemeinsame mit der Palästinensischen Gemeinde. Die Vorsitzende der liberalen Gemeinden – die Mutter der Braut im Film – fühlt sich dagegen eingeigelt.

Der Film setzt gezielt auf Emotionen, will aber nicht belehren. Er lässt weitgehend ohne erläuternde Kommentare die Porträtierten zu Wort kommen. Neben der Vielfalt, die Zwist verdeckt, innerhalb der jüdischen Gemeinden, erstaunt, wie wenig Deutsche über das Judentum wissen. Die Porträtierten berichten, dass ihnen immer wieder in einer Mischung aus Neugier und Unsicherheit gesagt werde, sie seien „die ersten Juden“, die man treffe. Fast alle Filmemacher, auch Kameraleute und Tontechniker, berichten, das sei für sie ihr erster Einblick gewesen in eine für sie fremde Welt. Der Film gibt einen solchen Einblick – in die Synagogen der Liberalen und der Orthodoxen, in die Feiern zum Schabbat an Freitagabenden, dem Ruhetag als Feiertag. Wir sehen, wie Kindern in der Kita erklärt wird, was die Tora, das heilige Buch, bedeutet. Was genau, sagt ein Junge, sei ihm noch nicht klar, wohl aber, dass das mosaische Gesetz für ihn so wichtig sei wie Wasser für die Fische. Ein Thema wird immer wieder angesprochen: die Frage nach der Loyalität zwischen zwei Heimaten. Der Sammler jüdischer Orgelmusik Andor Izsák sagt, er könne sich nicht vorstellen, irgendwo anders als in Hannover beigesetzt zu werden, jedenfalls nicht in Israel. Andere zögern bei ihrer Antwort. Dann aber sagt Izsák, der wie Fürst in Hannover und darüber hinaus „jeden“ kennt, über seine Landsleute: „Wir sind weit voneinander, obwohl wir Nachbarn sind.“

In einer Szene werden die drei Hauptpersonen filmisch zusammengefügt: bei einer Feier in der Gedenkstätte Bergen-Belsen, in der Izsák seinem Freund Christian Wulff, damals niedersächsischer Ministerpräsident, den Ablauf erläutert. Neben diesem und einigen anderen ernsten Momenten wird viel gelacht. Vor allem der Menschenfreund Izsák und der Brautvater zeigen Emotionen, wie das sonst im Fernsehen unüblich ist, und lachen beständig, sind zudem offen: etwa wenn der Brautvater über seine Frau und Tochter sagt, sie seien anstrengend, aber langweilig werde es nie. Der Rabbiner bei der Hochzeit, mit der der Film endet, sagt, er habe bei einem Besuch in New York ständig gehört, jüdisches Leben könne in Deutschland nicht wieder erstehen, schon weil Traditionen und Werte fehlten – die Hochzeit aber belege das Gegenteil.

Auf das Leben! Jüdisch in Deutschland läuft am Samstag, 16. Juni, um 17.55 Uhr im Ersten und am 30. Juni um 21.55 Uhr bei 3sat.

Hinweis: Schabbatausgang ist am 30.6.2012 um ca. 22.30 Uhr. Eine halbe Stunde ist aber ausreichend, um einen Eindruck von der Reportage zu erhalten.

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Mo. 16.03.2026 | 27. Adar 5786

Kultur

Spielfilm: »Sallah – oder: Tausche Tochter gegen Wohnung«

Beginn 19:00

Montag, 16. März 2026, 19 Uhr
Beitrag zu den 17. Jüdischen Filmtagen

Israel 1964, 98 Min., Originalsprache Hebräisch, dt. F.
Regie: & Drehbuch: Ephraim Kishon
Produktion: Menahem Golan, Musik: Yohanan Zaray
Kamera: Floyd Crosby & Nissim Leon
Darsteller: Chaim Topol als Sallah Shabati, Geula Nuni als Habbubah Shabati, Gila Almagor als Bathsheva Sosialit u.v.a.

Der jemenitische Jude Sallah Shabati wandert mit seiner kinderreichen Familie nach Israel ein. Bis zum versprochenen Einzug in eine Neubauwohnung haust man in einer Baracke in einem Übergangs-Camp. Sallah, der über seinen Clan Familie wie ein König herrscht, lebt lieber in den Tag als selbst zu arbeiten.  Im Lexikon des Internationalen Films heißt es, der Film schildere mit liebenswürdiger Selbstkritik »den Kampf mit dem modernen technischen Leben und die Schwierigkeiten des jungen Staates: Geistreiche Unterhaltung mit Witz, Humor und glänzenden Darstellern«. 1964 wurde er als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert und u. a. mit zwei Golden Globes ausgezeichnet. Weiterlesen »

Mi. 25.03.2026 | 7. Nissan 5786

Kultur

„Un Tango Para Rachel“

Beginn 19:00

Kurzspielfilm & Konzert
Mittwoch, 25. März 2026, 19 Uhr
Beitrag zu den 17. Jüdischen Filmtagen

Deutschlandpremiere

Argentinien, USA, Schweiz 2025, 25 Min.
Regie/ Drehbuch / Produktion: Lea Kalisch
Darsteller: Sabrina Birmajer, Luciano Borges, Martín Goldber, Lea Kalisch

Im Jahr 1915 entdeckt eine religiöse junge Jüdin den Tango und begibt sich ausgerechnet in ein Bordell in Buenos Aires, um mehr darüber zu erfahren. Dort begegnet sie der Prostituierten Rivka. Es wird eine Reise der Befreiung.

Anschließend Kurzinterview mit der Allroundkünstlerin und Konzert »Yiddish & Tango« mit Lea Kalisch (Gesang), begleitet von Tobias Moss (Gitarre) und Pavel Shalman (Violine)

Die gebürtige Schweizerin Lea Kalisch und der Amerikaner Rabbi T sind ein junges, dynamisches Duo, das jüdische Musik mit einem frischen Twist zu neuem Leben erweckt, hier ergänzt durch den Wiener Musiker Pavel Shalman. Tobias Moss ist im Hauptberuf seit 2024 Rabbiner der liberalen Gemeinde Or Chadasch in Wien. Seine Frau Lea, genannt die rappende Rebbetzin und Yiddish Queen of Pop, ist Sängerin, Songtexterin, Schauspielerin und inzwischen auch Filmemacherin. Weiterlesen »

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