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10. Juni 2013

Zum Tod des Schriftstellers Yoram Kaniuk

Erschienen auf Die Welt Online, 9.6.13. Der Schriftsteller Yoram Kaniuk war ein literarischer Meister des deutsch-jüdischen Beziehungsgeflechts. Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren in Tel Aviv an seiner Krebserkrankung gestorben. Ein Nachruf von Clemens Wergin.

Sein Leben lang hat der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk ein Gespräch mit den Deutschen geführt. In seinen Büchern genauso wie im richtigen Leben. Seine Romane seien für Deutsche und für Juden geschrieben worden, hat er einmal gesagt. Kaniuks Eltern hatten sich in den Zwanzigern im damaligen Palästina kennengelernt und ihren Sohn Yoram Ende des Jahrzehnts in Heidelberg gezeugt, als Kaniuks Vater der Mutter das Land zeigte, dessen Kultur er so verehrte. In seinem autobiografisch geprägten Roman „Das Glück im Exil“ schildert der am 2. Mai 1930 geborene Kaniuk, wie sich sein Vater im Nahen Osten im „Dauerexil“ fühlte, weshalb sein Sohn sich bemühte, als eine Art „Deutscher“ aufzuwachsen.

Kaniuks große, frühe Romane „Adam Hundesohn“ und „Der letzte Jude“ nähern sich dem deutsch-jüdischen Beziehungsgeflecht über die Shoa. Kaniuks Schreiben ist voller Energie, Vitalität und skurrilen, die Geschmacksgrenzen austestenden Monströsität. Es liegt ein unterschwellige Wut in diesen Büchern, die Kaniuk mühsam zu zähmen versucht und die sich in wildem Ineinandergreifen von inneren Monologen, Dialogen und Beschreibungen äußert. Eine Wut, die immer wieder droht, die Erzählung zu sprengen. Die aber andererseits auch den rauen Charme dieser Romane ausmacht und ihren sich geradezu körperlich mitteilenden Schmerz. Es ist fast so, als würde die vom Vater auf den Sohn übergangene Liebe zur deutschen Kultur den Menschen und Autor Kaniuk in der Auseinandersetzung mit den deutschen Mordtaten immer wieder neu zerreißen.

Über die Krematorien von Auschwitz hinweg

In „Der letzte Jude“ versuchen ein Israeli und ein deutscher Autor die Geschichte von Ebeneser Schneurson aufzuschreiben. Der hat das KZ überlebt, weil die Nazis von seinen Holzarbeiten fasziniert waren. Weshalb ihn seine Mithäftlinge zum Archiv des jüdischen Volkes gemacht hatten. Denn Schneurson hatte ein perfektes Gedächtnis und merkte sich alles, die Namen mittelalterlicher Progromopfer genauso wie die der koscheren Metzger von Warschau. Der Preis für diese Merkfähigkeit ist, dass Schneurson darüber vergisst, wer er selbst eigentlich ist.

Der Versuch des Hebräischlehrers Chankin und des „Deutschautors“, gemeinsam ein Buch über Schneurson zu schreiben, ist der Versuch einer Neuanknüpfung des deutsch-jüdischen Gesprächs über die Krematorien von Auschwitz hinweg. Ein Gespräch, das Kaniuk stets auch außerhalb der Romane mit deutschen Intellektuellen gesucht hat. Und das immer wieder zu Enttäuschung und Verletzung führte.

Die Angst der Israelis vor deutschem Gas

Am spektakulärsten wurde dieses Scheitern im Golfkrieg von 1991. Damals vertrieb eine internationale Koalition die irakische Armee aus dem besetzten Kuwait. Als Vergeltung feuerte Saddam Hussein Raketen nach Israel (obwohl es gar nicht beteiligt war). Wochenlang fürchteten die Israelis in notdürftig abgedichteten Räumen, dass Saddam mit deutscher Hilfe hergestelltes Giftgas schicken würde. Was aber die deutsche Friedensbewegung nicht weiter zu beunruhigen schien, deren Wut sich vielmehr gegen die Kuwait-Befreier richtete. Damals kam ein empörter Kaniuk nach Deutschland, „um einmal nicht über die Palästinenser zu reden, sondern über uns Juden und Euch Deutsche“. Sein Gespräch mit Günter Grass im Berliner Literaturhaus wurde im Fernsehen übertragen.

So konnte ganz Deutschland einen deutschen Nobelpreisträger erleben, der mit dickfelliger Arroganz die Angst der Israelis vor deutschem Gas einfach vom Tisch wischte. „Nach etwa 20 Minuten kam der Junge zum Vorschein, der einst der Hitlerjugend angehört, jener junge Mann, der tief fliegende amerikanische Flugzeuge beschossen hatte; die Blechtrommel verwandelte sich in jemand anderen, in eine Stahltrommel vielleicht“ erinnerte sich Kaniuk später. „Zum Schluss fiel alles ab und wurde vom Winde verweht, wir blieben dort nackt, ich war mein Großvater, er sein Großvater, der Deutsche gegen den Juden.“ Wie wir heute wissen, war das nur das Vorspiel für Grass, der seine Abneigung gegen Israel Jahre später „mit letzter Tinte“ in die Zeitung pinselte.

Kaniuks zweites Lebensthema war der Zionismus und die Beschäftigung mit den Arabern in Israel. Schließlich war Kaniuk einerseits ein überzeugter Zionist, der dem Kommandanten der „Exodus“ in „Und das Meer teilte sich“ ein schriftstellerisches Denkmal setzte. Andererseits hatte er ein sensibles Gespür dafür, dass die israelischen Araber zu den „Juden der Juden“ geworden waren, also innerhalb Israels eine ähnliche Minderheitenerfahrung machten wie die Juden jahrhundertelang in der Diaspora. Es habe ihn „aus der Fassung gebracht“ schreibt Kaniuk in „Das zweifach verheißene Land“, einem Gemeinschaftswerk mit dem palästinensischen Autor Emil Habibi, dass die Palästinenser sich eine Art jüdischen Humor angeeignet hätten. Eine Ironie, die ihn eifersüchtig mache, „denn sie ähnelt meinem Vater und seinen jüdischen Witzen“.

Empfänglich für arabische Identitätsprobleme

Es war die tiefe Beschäftigung mit der Geschichte der Juden in Europa, die Kaniuk empfänglich machte für die Identitätsprobleme der israelischen Araber und ihr Gefühl der Fremdheit. In seinem frühen Roman „Bekenntnisse eines guten Arabers“ hat Kaniuk beide Stränge zusammengeführt. Protagonist Josef Scharara ist das Ergebnis einer deutsch-jüdisch-israelisch-arabischen Beziehungskiste und damit gewissermaßen die noch einmal gesteigerte Version des Diaspora-Juden, der nirgendwo heimisch werden kann.

In Scharara liegt ein bisschen von Kaniuk selbst. Der jüdische Staat wurde eigentlich gegründet, um Juden endlich eine Heimat zu geben und ihnen das Gefühl der Fremdheit in der Welt zu nehmen. Es war eine Einladung, die Kaniuk nie ganz angenommen hat, wahrscheinlich nicht annehmen konnte. Der sich damit jedoch einreihte in die lange Tradition jüdischer Schriftsteller in der Diaspora, die aus Identitätskonflikten große Literatur schufen. Immer wieder hat Kaniuk versucht, sein Wühlen in der europäischen Geschichte des Judentums zu einem deutsch-jüdischen Gespräch zu machen. Leider haben wir es zu oft versäumt, dieses Angebot anzunehmen. Am 8. Juni ist Yoram Kaniuk in Tel Aviv im Alter von 83 Jahren an einer langjährigen Krebserkrankung gestorben.

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 18.01.2026 | 29. Tewet 5786

Kulturzentrum

„Balagan“ von und mit Mirna Funk

Beginn 17:00

Buchpräsentation und Gespräch
Sonntag, 18. Januar 2026, 17 Uhr

Moderation: Ellen Presser

Mirna Funk, eine der mutigsten und unkonventionellsten jüdischen Stimmen Deutschlands erzählt von Recht und Unrecht in der Kunstwelt, von schwieriger Restitution und von der Suche einer jungen Frau nach einem Weg durch das Chaos (hebr. »Balagan«), das die deutsch-jüdische Geschichte im Allgemeinen und in ihrer Familie angerichtet hat.

Mirna Funk, 1981 in Ost-Berlin geboren, studierte Philosophie und arbeitet als Autorin sowie freie Journalistin u. a. für NZZ, DIE WELT und Die ZEIT. Für ihr Romandebüt »Winternähe« wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Mirna Funk lebt in Berlin und Tel Aviv.

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Mi. 21.01.2026 | 3. Schwat 5786

Kultur

Dan Ariely x Guy Katz: About the Path to Hate

Beginn 19:00

Gespräch in Englisch
Mittwoch, 21. Januar 2026, 19 Uhr

 

An Evening on the Psychology of Antisemitism

Antisemitism is growing, raising the painful question: why? Join world-renowned behavioral scientist Dan Ariely to explore the psychological mechanisms behind hatred and how we might break these destructive cycles. His work reveals predictable patterns in human behavior, even harmful. Weiterlesen »

Do. 29.01.2026 | 11. Schwat 5786

Kultur

Hommage: „Ein Abend für Gertrud Kolmar“

Beginn 19:00

Donnerstag, 29. Januar 2026, 19 Uhr

Mit Friederike Heimann und Anette Daugardt (Rezitation)

Gertrud Kolmar – geboren 1894 in Berlin, 1943 in Auschwitz ermordet – verleiht in ihren dichten, manchmal archaischen und doch oft überraschend modernen Bildwelten immer wieder dem Fremden und Ungekannten, dem Stummen und Sprachlosen, eine Stimme. Dabei durchdringen sich das Weibliche und das Jüdische in ihrer Poetik auf vielfache Weise. Nun seh‘ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen / Da ich vor Rom, vor Karthago schon war, heißt es in „Die Jüdin“, die eine Forscherreise rüsten möchte in ihr eigenes uraltes Land.

Durch die Gedichtlesung führt Friederike Heimann, Literaturwissenschaftlerin und Autorin einer Biographie über Gertrud Kolmar» In der Feuerkette der Epoche« (Suhrkamp 2023).. Die Gedichte werden von der Berliner Schauspielerin Anette Daugardt vorgetragen. Weiterlesen »

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