Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Vermischtes

« Zurück

16. März 2012

Ultraorthodoxe zur Armee – es könnte funktionieren

Foto: Moti Milrod

Foto: Moti Milrod

Im Februar 2012 hat der Oberste Gerichtshof in Israel das „Tal-Gesetz“ für verfassungswidrig erklärt, das bisher aus religiösen Gründen nicht berufstätigen ultraorthodoxen Männern die Befreiung vom Armeedienst ermöglicht hat. Doch wie geht es jetzt weiter? Die Botschaft des Staates Israel in Berlin dokumentiert ein mögliches Szenario auf ihrer Website in einem Kommentar von Momi Dahan.

​Es könnte funktionieren

Ein Kommentar von Momi Dahan, Ynet, 14.03.12. Die Annullierung des „Tal-Gesetzes“ durch den Obersten Gerichtshof bietet die einmalige Gelegenheit für eine Neuregelung des Verhältnisses zwischen der ultraorthodoxen Bevölkerung und dem Staat, um die ungerechte Lastenverteilung in der Gesellschaft zu verringern.

Oberflächlich gesehen wäre nur ein Pflichtdienst für alle gerecht. Es gibt keinen Grund dafür, dass sich einige Eltern vor Sorge um ihre Söhne und Töchter bei der Armee verzehren, während andere ruhig schlafen können. Doch die Einberufung der ultraorthodoxen Bevölkerung zum Armeedienst wird auf absehbare Zeit ein frommer Wunsch vieler Israelis bleiben – auch wenn ein entsprechendes Gesetz verabschiedet werden sollte. Die Durchsetzung eines solchen Gesetzes würde, nach Jahrzehnten der Befreiung vom Armeedienst, zu Auseinandersetzungen führen, ohne dass durch Soldaten aus der ultraorthodoxen Community auch nur eine einzige Kompanie mehr gewonnen würde.

Anstelle eines solch unergiebigen Schrittes sollten lieber bestimmte Elemente der gegenwärtigen Regelung geändert werden, um die Ungleichheit in der Lastenverteilung zu verringern – allen voran die Verknüpfung der Freistellung vom Armeedienst mit einer Berufstätigkeit.

Ursprünglich war diese Verknüpfung dazu gedacht gewesen, von den Ultraorthodoxen einen Preis dafür zu verlangen, dass sie nicht in der Armee dienen. Die Formel „Wer aus religiösen Gründen nicht zum Armeedienst antritt, kann auch keinen Beruf ergreifen“ hätte den Anreiz für eine Befreiung vom Armeedienst verringern sollen. Dieses Konzept ist leider gescheitert und hatte einen gegenteiligen Effekt: Die Verknüpfung von Armeedienst und Berufstätigkeit hat das Ungleichgewicht in der Lastenverteilung noch vergrößert und nicht nur auf die Armee beschränkt sondern auch auf die Wirtschaft ausgeweitet. Denn wer nicht arbeitet, zahlt auch keine Steuern, mit denen der Staat aber letztendlich Dienstleistungen für alle Bürger finanziert. Wir haben eine unlogische Regelung geschaffen, die nicht nur eine Freistellung von der Armee bedeutet, sondern letztendlich auch eine Freistellung vom Arbeitsmarkt, die wiederum eine Befreiung von der Einkommenssteuer zur Folge hat.

Ein weiterer Anreiz für ultraorthodoxe Männer, nicht zu arbeiten, war schließlich, ihnen im Falle eines Thorastudiums auch im Erwachsenenalter finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen – faktisch eine finanzielle Belohnung dafür, dass der Armeedienst nicht absolviert wurde. Das natürliche Gerechtigkeitsgefühl besagt, dass eigentlich jemand, der nicht in der Armee dient, eher finanzielle Einbußen hinnehmen müsste.

Nicht alle Ultraorthodoxen halten das gegenwärtige Arrangement für eine gute Lösung. Die jetzige Regelung verurteilt die ultraorthodoxe Bevölkerung zur Armut und zu regelmäßigen Auseinandersetzungen mit der dienenden Bevölkerung. Die Armut, die durch ein lebenslanges Thorastudium und Kinderreichtum bedingt ist, lässt einige schon lange darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre zu arbeiten, um den eigenen Kindern eine bessere Zukunft gewähren zu können. Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass sich die ultraorthodoxe Community langsam in den Arbeitsmarkt integriert, allerdings noch längst nicht genug.

Eine Befreiung vom Armeedienst mit der Möglichkeit, dennoch berufstätig zu sein, parallel zu einer schrittweisen Kürzung der Sozialleistungen für Thorastudenten wird dafür sorgen, dass Ultraorthodoxe anfangen zu arbeiten. Dadurch würde sich die ungleiche wirtschaftliche Lastenverteilung verringern und gleichzeitig die wirtschaftliche Situation der Ultraorthodoxen sowie auch des Staates verbessern. Meiner Einschätzung nach wird eine solche Regelung längerfristig auch eine Verringerung der ungerechten Lastenverteilung beim Armeedienst zur Folge haben.

Eine Berufstätigkeit der Ultraorthodoxen wird tägliche zwischenmenschliche Begegnungen zwischen den Dienenden und der ultraorthodoxen Bevölkerung zur Folge haben. Dieses Aufeinandertreffen wird die Begründung für eine selektive Befreiung vom Armeedienst erschüttern – auch in den Augen der Ultraorthodoxen. Und so würde – in einem Prozess, der von unten nach oben wirkt – langsam auch die Führung der ultraorthodoxen Community ihre Einstellung zum Armeedienst ändern.

Es ist ein langwieriger Prozess – doch langfristig wird er den Israelischen Verteidigungsstreitkräften mehr als nur eine einzige Kompanie bescheren.

Der Autor ist Leiter der Federman-Schule für Public Policy und Senior Fellow am Israelischen Institut für Demokratie.

Die auf der Website veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern wieder, sondern sollen einen Überblick über den öffentlichen Meinungsbildungsprozess und die gesellschaftliche und politische Diskussion gewährleisten.
Alle Beiträge der Kategorie Vermischtes ansehen »

VeranstaltungenÜberblick »

Aktuelle Veranstaltungen


Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787

Kultur

Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen

Beginn 20:30 Uhr:

Beitrag der IKG München und Oberbayern

Auf einen Blick:

Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser

Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)

Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.

Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska

Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.

Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.

Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de

So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787

Kultur

»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre

Beginn 17:00 Uhr:

Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens

Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.

Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de

Weiterlesen »

Mi. 21.10.2026 | 10. Cheschwan 5787

Kultur

Filmvorführung „Noga“

Beginn 19:00

Filmvorführung
Mittwoch, 21. Oktober 2026, 19 Uhr

Ein Film von Jono & Benji Bergmann mit Noga Erez und Ori Rousso
Produktion: Babka Film in Koproduktion u.a. mit Sperl Film + Fernsehproduktion
Österreich/ Deutschland/ Israel 2026, 96 Min.
Originalsprache: Hebräisch, Englisch, mit deutschen Untertiteln

Die israelische Musikerin Noga Erez ist mit ihrem kreativen Partner und Lebensgefährten Ori Rousso auf dem Weg zum internationalen Durchbruch. Zwischen ausverkauften Konzertsälen mit provokanten Hits wie »End of the Road«, politischer Zuspitzung und persönlichen Spannungen, kämpft sie darum, weiterhin gehört, vor allem aber verstanden zu werden – in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Weiterlesen »

Alle Veranstaltungen »

Israelitische Kultusgemeinde
Kontakt
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de