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19. Juni 2014

Tür an Tür mit Hitler – Der Historiker Edgar Feuchtwanger berichtete über seine Münchener Kindheit

Von Jürgen Eisenbrand, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 19.6.2014. Das Erste, woran sich Edgar Feuchtwanger in Zusammenhang mit seinem Nachbarn, dem Jahrhundertverbrecher, erinnern kann, war die Sache mit der Milch: »Eines Tages sagte meine Mutter, dass es heute nicht viel davon gebe. Weil der Milchmann mehr als sonst bei Hitler lassen musste.« Bei jenem kleingewachsenen, schnurrbärtigen Menschen, der in den 30er-Jahren am Münchner Prinzregentenplatz schräg gegenüber wohnte und der Feuchtwangers Vater bei geöffneten Gardinen ins Studierzimmer schauen konnte. 

Edgar Feuchtwanger im Gespräch mit Ellen Presser. © Jürgen Eisenbrand

 

80 Jahre später erzählt Edgar Feuchtwanger im mit rund 350 Zuhörern gefüllten Jüdischen Gemeindezentrum von der Zeit, Als Hitler unser Nachbar war – so auch der Titel seines jüngst im Siedler Verlag erschienenen Buchs. Im Interview mit Ellen Presser, der Leiterin des Kulturzentrums der IKG, berichtete der inzwischen fast 90-jährige Neffe des berühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger über die Geschichte seiner Familie.

BIOGRAFIE

Der Vater, Ludwig Feuchtwanger, ein Jurist, leitet seit 1915 den angesehenen Münchner Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot. 1923 heiratet er zum zweiten Mal: die 35 Jahre alte Erna Reinstrom, deren Familie aus der Pfalz stammt und noch vor dem Ersten Weltkrieg ein Haus im Münchner Stadtteil Bogenhausen bezogen hatte: Grillparzerstraße 38, nur wenige Meter entfernt von jenem Haus, in dem ab 1933 Weltgeschichte mitgeschrieben werden wird. Ein Jahr nach der Heirat der Eltern kommt ihr einziges Kind zur Welt: Edgar, benannt nach dem jüngsten Bruder der Mutter, der 1918 als Soldat sein Leben ließ.

Sein jüdischer Name war Josef, erzählt der schmächtige, silberhaarige Herr im grauen Anzug, »aber gerufen wurde ich von allen nur Bürschi«. Abgesehen von den Lieferengpässen bei Milch – und davon, dass der unheimliche Nachbar die Gesprächsthemen der Erwachsenen dominierte – war das Leben in Hitlers Nähe für den kleinen Edgar zunächst wenig aufregend: »Man konnte lange Zeit noch völlig unbehelligt an seinem Haus vorbeigehen; da war nichts abgesperrt«, erinnert sich Feuchtwanger.

Wie auch an eine Begegnung im Jahre 1934, als Hitler bereits Reichskanzler war: »Ich stand vor dem Haus, Hitler kam heraus, ich sah ihn an, er sah mich an, Passanten riefen ›Heil Hitler!‹. Er lüftete kurz den Hut – und stieg dann in ein wartendes Auto.« Schon kurz nach der »Machtergreifung« hatte Ludwig Feuchtwanger seinen Platz an der Spitze von Duncker & Humblot räumen müssen, arbeitete aber in zweiter Reihe weiter. Sein Sohn Edgar bemühte sich in der Schule, »meiner Lehrerin zu gefallen: Ich habe mir beim Malen von Hakenkreuz-Bildern große Mühe gegeben«.

ZUMUTUNG

Wovon sich die Zuhörer überzeugen konnten, als Moderatorin Ellen Presser einige Beispiele aus dem Schulheft des kleinen Edgar an die Wand projizierte. Wie ging der Vater mit solchen Zumutungen um? Hat er diese Art von Hausaufgaben widerspruchslos abgezeichnet? »Was hätte er tun sollen?«, fragt Edgar Feuchtwanger zurück. »Hätte er es nicht getan, hätte er uns alle in Gefahr gebracht!« Dass sich in Deutschland etwas veränderte, spürte freilich auch der kleine jüdische Junge: »Ich erinnere mich an den befreundeten Sohn des Kunsthistorikers Wilhelm Pinder. Lange Zeit war ich immer wieder eingeladen in dessen Haus – irgendwann dann nicht mehr.«

Der 1947 verstorbene Pinder war ein glühender Antisemit und begeisterter Anhänger des NS-Regimes – wofür man ihn mit einer großen akademischen Karriere belohnte. 1936 verlor Ludwig Feuchtwanger seine Stelle im Verlag und arbeitete in der Folge für die Jüdische Gemeinde und als Herausgeber der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung. »Er hat noch Mitte der 30er-Jahre nicht vorausgesehen, wie sich alles radikalisieren würde«, sagt sein Sohn.

Erst seine Erfahrungen in Dachau gaben dem damals 53-Jährigen den Anstoß zur Flucht. Nach der Pogromnacht nahm ihn die Gestapo gefangen und verschleppte ihn in das Konzentrationslager vor den Toren Münchens. Erst am 20. Dezember sah ihn seine Familie wieder: »Aber ich habe ihn kaum wiedererkannt«, schreibt Feuchtwanger in einer der eindrucksvollsten Passagen seines Buches: »Er ist ein kleiner, magerer Mann mit kahl rasiertem Schädel, tief in den Höhlen liegenden Augen und einem fahlen Gesicht voller blauer Flecken. (…) Er nahm mich in den Arm, und ich wurde von Schluchzern geschüttelt.«

ENGLAND

Im Frühjahr 1939 verließ die Familie München und wanderte über Holland nach England aus. »Ich habe das damals wie ein Abenteuer empfunden«, sagt Edgar Feuchtwanger, »aber ich war auch froh, draußen zu sein.«

Nach College und Geschichts-Studium lehrte er zunächst Erwachsenenbildung und ab 1963 Geschichte an der Universität von Southampton. 1981/82 hatte er eine Gastprofessur an der Universität in Frankfurt/Main inne.

1957 kam Edgar Feuchtwanger zum ersten Mal nach Münchenzurück, und »natürlich habe ich mir damals gleich unsere alte Wohnung angesehen«. Auch am Tag des Vortrags bei der IKG, der zusammen mit dem Siedler Verlag veranstaltet wurde, war Edgar Feuchtwanger zu Besuch in Bogenhausen – diesmal in Hitlers ehemaliger Wohnung am Prinzregentenplatz 16, in dem Haus, in dem heute die Polizeiinspektion 22 untergebracht ist. »Ein Beamter, der sich sehr gut auskannte, hat mir alles gezeigt. Und ich dachte nur: Ich bin noch da – und Hitler würde sich im Grab umdrehen, wenn er das wüsste.«

Edgar Feuchtwanger, Bertil Scali: »Als Hitler unser Nachbar war – Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus«. Siedler, München 2014, 224 S., 19,99 €

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Aktuelle Veranstaltungen


Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786

Kultur

»Wie rettet man das Tote Meer?«

Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage

Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel

Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.

Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.

Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka

»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation

Moderation: Emanuel Rotstein

Eintritt frei.

Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91

Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786

Kultur

„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter

Beginn 19:00

Buchpräsentation

Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit

Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.

Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »

Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786

Kultur

Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor

Beginn 19:00

Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der 
Woche der Brüderlichkeit

Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »

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