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10. Januar 2014

Streit um Komiker – Frankreichs Juden fliehen vor Antisemitismus

Erschienen auf Die Welt Online, 9.1.2014. Für den antisemitischen Komiker Dieudonné hagelt es in Frankreich zwar Auftrittsverbote. Aber eine gefährliche Grundstimmung kann das nicht übertünchen. Frankreichs Juden wandern in Scharen aus.

Die jüdische Gemeinde in Frankreich könnte sich derzeit eigentlich bestärkt und geschützt fühlen: Es hagelt Auftrittsverbote gegen den als antisemitisch geltenden Komiker Dieudonné, vom konservativen Bürgermeister bis zur sozialistischen Regierungsspitze sind sich alle in der Verurteilung des Provokateurs einig, und Präsident François Hollande hat den Kampf gegen Antisemitismus zum „nationalen Anliegen“ erklärt.

Doch die Stimmung bei den Juden in Frankreich ist am Boden: Im vergangenen Jahr schnellte die Zahl der Auswanderer nach Israel in die Höhe. Ein wichtiger Grund: der zunehmende Antisemitismus in Frankreich.

Mehr als 3000 französische Juden wanderten im vergangenen Jahr nach Israel aus – ein Anstieg um 63 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie das israelische Einwanderungsministerium kürzlich bekannt gab. Damit lagen die Franzosen unter den „Olim“ (Neueinwanderern) noch vor den US-Bürgern, an erster Stelle lagen nach wie vor Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Da Israel in Frankreich mit der größten jüdischen Gemeinde Europas ein enormes Potenzial für seine Einwanderungspolitik sieht, soll demnächst sogar ein spezielles Programm für französische Juden aufgelegt werden.

Die jüdischen Verbände in Frankreich versuchen, das Phänomen herunterzuspielen. „Die Zahlen bleiben trotzdem bescheiden“, sagte der Präsident des Dachverbandes jüdischer Einrichtungen (Crif), Roger Cukierman, im Dezember. Bei einer Zahl von zwischen 350.000 und 500.000 Juden in Frankreich seien 3000 Auswanderer keine „astronomische Zahl“.

„Schlechte allgemeine Stimmung“

Cukierman hat den Kampf gegen den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich zu seinem zentralen Anliegen gemacht, seit er im Mai den Vorsitz übernahm. So räumte er ein, dass neben der düsteren Wirtschaftslage in Frankreich die „schlechte allgemeine Stimmung“ unter den Juden – auch infolge des Antisemitismus – ein Hauptgrund für die Auswanderung sei. Die rechtsextreme Front National macht er dafür genauso verantwortlich wie die extreme Linke.

Tatsächlich nahm die Zahl antisemitischer Taten in Frankreich im Jahr 2012 um 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, wie es in einem Bericht der jüdischen Organisation SPCJ vom vergangenen Februar hieß. Der Dachverband Crif sah gar eine „Explosion“ bei antisemitischen Taten seit dem Jahr 2000.

Vor allem sind viele Juden seit den Attentaten des Islamisten Mohamed Merah traumatisiert, der im März 2012 vor einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse drei Schüler und einen Lehrer erschoss. Dies war für viele Juden in Frankreich ein Schock und ein „Wendepunkt“, wie es der israelische Präsident Schimon Peres ausdrückte.

Die meiste Angst vor Angriffen

Obwohl es auch in anderen europäischen Ländern einen zum Teil deutlichen Anstieg des Antisemitismus gibt, sind Frankreichs Juden besonders beunruhigt. Einer Untersuchung der in Wien ansässigen Agentur der Europäischen Union für Grundrechte vom vergangenen November zufolge haben Juden in Frankreich mit 70 beziehungsweise 60 Prozent die meiste Angst vor verbalen oder sogar körperlichen Angriffen. 46 Prozent denken demnach ans Auswandern.

Crif-Präsident Cukierman räumt ein, dass der französische Staat seine Hausaufgaben in puncto Sicherheit der jüdischen Gemeinde zwar macht. Aber: „Man kann nicht einen Polizisten oder Stacheldraht vor jede Synagoge, jede koschere Fleischerei stellen.“ Nötig sei ein Umdenken in der Gesellschaft – „Erziehungsarbeit“, nannte das Cukierman zu seinem Amtsantritt.

In der Zwischenzeit schlägt Israel in die Kerbe und wirbt offensiv um französische Zuwanderer. „Kommen Sie nach Israel“, hatte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei seinem Frankreich-Besuch Ende Oktober ausgerufen – und sich damit öffentlich Widerworte von Frankreichs Präsident Hollande eingehandelt: „Der Platz für die französischen Juden ist in Frankreich.“

Hitzige Antisemitismusdebatten wie über den Komiker Dieudonné, dessen Videos im Internet schon von Millionen angeklickt wurden, dürften die Juden in Frankreich aber eher verunsichern als beruhigen. In seiner neuen One-Man-Show provozierte der seit Jahren umstrittene Komiker mit Sätzen wie: „Der Holocaust hat uns viel gekostet. Wir zahlen noch immer.“ Oder: „Was für ein Projekt haben die Neonazis 2013? Seife aus der Crème de la Crème des französischen Showbusiness zu machen?“ An diesem Donnerstag wird er seine Show „Die Mauer“ in der westfranzösischen Stadt Nantes auf die Bühne bringen – die Menschenwürde werde mit dem Programm nicht grundsätzlich untergraben, urteilte ein Verwaltungsgericht in der Stadt. Das Innenministerium in Paris kündigte allerdings unmittelbar Berufung beim Obersten Verwaltungsgericht an. (AFP/dpa/mcz)

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Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786

Kultur

»Wie rettet man das Tote Meer?«

Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage

Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel

Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.

Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.

Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka

»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation

Moderation: Emanuel Rotstein

Eintritt frei.

Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91

Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786

Kultur

„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter

Beginn 19:00

Buchpräsentation

Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit

Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.

Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »

Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786

Kultur

Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor

Beginn 19:00

Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der 
Woche der Brüderlichkeit

Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »

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