Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

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31. Dezember 2013

„Rutsch, Rosch und Rausch“ – Die Kultusgemeinde wünscht ein gutes neues Jahr!

Hat der deutsche Neujahrsglückwunsch wirklich hebräische Wurzeln? Von Christoph Gutknecht, Jüdische Allgemeine Online, 22.12.2011. Am 31. Dezember wünscht man sich in den deutschsprachigen Ländern zum Neuen Jahr einen „Guten Rutsch“. Entstanden dürfte die Redewendung um 1900 sein.

Hans Weigel schrieb in seinen Leiden der jungen Wörter (1974): „Schiller hat Goethe keinen guten Rutsch gewünscht, Liszt hat Wagner keinen guten Rutsch gewünscht, auch in den Briefen Rilkes an seine Freifrauen, Gräfinnen und Fürstinnen fehlt jede Andeutung des glückhaften Rutschens in die neuen Jahre.“

Warum dann ein Rutsch-Wunsch zum Jahreswechsel? Siegmund A. Wolf meint im Wörterbuch des Rotwelschen (1956), „das sonst sinnlose guten Rutsch!“ sei ein entstelltes Rosch Haschana. Auch Andreas Nachama schreibt in seinem Jiddisch im Berliner Jargon (1994), es sei „der gute Rutsch wohl eher als der gute Rosch des Jahres, der Neujahrsanfang, zu verstehen“. Ähnliches liest man in Heidi Sterns Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz (2000), Leo Rostens Jiddisch-Enzyklopädie (2002), Alfred Klepschs Westjiddischem Wörterbuch (2004), Bertelsmanns Wörterbuch der deutschen Sprache (2004) und Petr Šubrts Arbeit zum Wiener Dialekt (2010).

Doch Zweifel sind angebracht

Das in Deutschland gebräuchliche Westjiddische kannte das jüdische Neujahrsfest im Gegensatz zum hochsprachlichen sefardischen „Rosch Haschana“ als „Rausch haschono/-ne“ oder als „Rauschaschone/- Rauschscheschone“. Werner Weinberg zitiert im Lexikon zum religiösen Wortschatz und Brauchtum der deutschen Juden (1994) den Stoßseufzer: „Ich muss noch meine ganze rausch-ha-schono-Post erledigen.“ Einen „Guten Rausch“ wünscht man sich zum Neuen Jahr aber nicht – obwohl es wunderschön passen würde.

Gegen die „Rosch-Rutsch“-Etymologie spricht auch, dass Rosch Haschana, im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Begriffen, nicht in die deutsche Alltagssprache eingegangen ist. „Ich gratulier’ der zer Rescheschone“ war allein in Frankfurt am Main zu hören. Ansonsten war das Wort bei der nichtjüdischen deutschen Bevölkerung nur passiv bekannt, wie Hans Peter Althaus in Chuzpe, Schmus und Tacheles (2004) betont. Auch Walter Röll und Simon Neuberg bestreiten in den „Jiddistik-Mitteilungen“ 2002 den Zusammenhang von „Rosch“ und „Rutsch“ aus phonologischen und historischen Gründen. Sie verweisen unter anderem auf Neujahrskarten aus dem Kaiserreich, auf denen das Rutschen auf Skiern metaphorisch für das Hinübergleiten ins Neue Jahr steht.

Hinweis im Grimmschen Wörterbuch

Gegen solche Überlegungen hatte Hans Weigel einst in einer rigorosen semantischen Verbanalyse eingewandt, das Rutschen bezeichne einen gleitenden Übergang, doch der Jahreswechsel vollziehe sich übergangslos: „Die Gesinnung des Wünschenden angesichts des Jahreswechsels ist ja nicht derart, dass nur ein guter Übertritt gewünscht wird, dass die Wirksamkeit des Wunsches schon nach wenigen Sekunden erschöpft ist. Man wünscht ein komplettes gutes Jahr über den Beginn hinaus.“ Der Rutsch-Wunsch sei abwegig, „die teuflische Ausgeburt extremer gedankenloser Sprachbarbarei!“. Dabei übersah Weigel allerdings den Hinweis im Grimmschen Wörterbuch, dass Rutsch „in derber Übertragung für Reise“ stehen kann. Auch Hermann Frischbier nennt in seinen Preußischen Sprichwörtern und sprichwörtlichen Redensarten (1865) als »scherzhaften Wunsch zur Reise« die Formel „Glöckliche Rutsch ön e Paar Parêsken (Bastschuhe) op e Weg“. Da es im Deutschen durchaus üblich ist, über Zeitbeziehungen und -abläufe mit räumlichen Begriffen zu sprechen, ist nicht auszuschließen, schlussfolgert deshalb Anatol Stefanowitsch im Bremer Sprachblog (2008), „dass eine Redewendung, die eigentlich gute Reise bedeutet, auf einen glücklichen Wechsel in ein neues Kalenderjahr angewendet wird“.

… Dazu Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: „Ob der ‚Gute Rutsch‘ nun jüdischen Ursprungs ist oder nicht – ich wünsche Ihnen allen ein gesundes und glückliches neues Jahr 2014!“

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 06.09.2026 | 24. Elul 5786

Kultur

»Nicht«. Ein Abend mit Dror Mishani

Beginn 17:00 Uhr:

Buchpräsentation und Gespräch zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur

Moderation: Richard C. Schneider (Journalist und Sachbuchautor)
Lesung: Robert Dölle (Residenztheater)
Sprachen: Englisch & Deutsch (mit einer Lesekostprobe auf Hebräisch)

Ursprünglich erwartete das IKG-Kulturzentrum den Schriftsteller Dror Mishani bereits im Juni 2025 zur Vorstellung von »Fenster ohne Aussicht. Tagebuch aus Tel Aviv«, entstanden nach dem 7. Oktober 2023. Der am 13. Juni 2025 ausgebrochene israelisch-iranische Zwölftagekrieg machte diese Einladung zunichte.
Inzwischen hat Dror Mishani einen neuen Roman vollendet mit dem Titel »Nicht«. Es geht darin um Liebe: die zwischen Mann und Frau, Lebende und Erinnerte, Künstlerin und Musik, Mensch und Tier. Kann eine Lüge eine Liebe retten? Oder gewinnt das Zerstörerische darin die Oberhand? Dror Mishani ist ein Meister der Charakterstudie und weit mehr als ein Krimiautor. Er sagt: »Ich habe angefangen, Kriminalromane zu schreiben, um die Wahrheit menschlicher Gewalt zu dokumentieren und den Versuch zu unternehmen, sie zu verstehen«.

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So. 06.09.2026 | 24. Elul 5786

Kultur

Einladung zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2026 unter dem Motto »Liebe«

Beginn 10:00 Uhr:

»An der frischen Luft«
10:00 Uhr
Rundgang am Alten Israelitischen Friedhof
an der Thalkirchner Straße mit Ellen Presser
bereits ausgebucht

Voranmeldung für weitere Führung am
So, 25. Oktober (mit Rückbestätigung) per
E-Mail unter karten@ikg-m.de (Stichwort: Ende Sommerzeit)


»Auf jüdischen Spuren durch die Münchner Altstadt«

mit Chaim Frank
11:00 Uhr
Begrenzte Teilnehmerzahl. Beitrag 10 Euro.
Voranmeldung unter karten@ikg-m.de (Stichwort: Stadtführung)
4.09. – Treffpunkt wird mit Rückbestätigung mitgeteilt.

»Die Synagoge Ohel Jakob« (Zelt Jakobs)
von vielen Seiten«
Referentin: Dinah Zenker
Vortrag mit Besichtigung, Einlass am Synagogenportal,
ohne Voranmeldung
13:00 Uhr (Einlass ab 12:30 Uhr)
15:00 Uhr (Einlass ab 14:30 Uhr)
Beitrag 5 Euro.

Bücher- und CD-Flohmarkt
12:00 – 17:00 Uhr

»Liebe geht auch durch den Magen«
Jüdische koschere Spezialitäten
im Restaurant Einstein
12:00 – 21:00 Uhr
Tischreservierung unter www.einstein-restaurant.de

Informationen unter (089) 202 400 491
www.ikg-m.de/kulturzentrum/aktuell/

Organisation: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Mi. 23.09.2026 | 12. Tischri 5787

Kultur

»Briefe an meinen Vater«. Von und mit Konrad Bernheimer

Beginn 19:00 Uhr:

Moderation: Ellen Presser

Konrad Bernheimer stellt das Schicksal seines Vaters Kurt sehr persönlich in den historischen Kontext dessen Lebenszeit: als Sohn des renommierten Kunsthändlers und Antiquitätensammlers Otto Bernheimer, als Bruder, Student der Kunstgeschichte, Emigranten in den venezolanischen Anden und Familienvater. 1954 kommt Konrad mit Mutter und zwei Schwestern zum Großvater nach München – ohne den Vater. Erst viel später erfährt Konrad Bernheimer, inzwischen selbst ein international erfolgreicher Kunsthändler, was mit seinem Vater einst geschah. Aus überlieferten Dokumenten und Familienerinnerungen entwickelt Bernheimer jr. eine Zwiesprache mit dem abwesenden Vater über Scham und Schuld, Liebe und Prägungen und die Last, die einem die Geschichte auferlegt, denn »Erinnerung bedeutet, dass etwas bleibt – auch wenn so vieles verschwunden ist«.

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