Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Jugend

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24. März 2016

OB Dieter Reiter: „Mathe habe ich gehasst“

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter stand Kindern der Sinai-Schule Rede und Antwort. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 24.3.2016. Diese Unterrichtsstunde werden die Kinder der Sinai-Schule so schnell nicht vergessen. Sie fand nicht wie sonst üblich im Schultrakt des IKG-Gemeindezentrums statt; in der vergangenen Woche wurde sie ins altehrwürdige Rathaus am Marienplatz verlegt.

Wenn dann auch noch ein gut gelaunter, souveräner und lässiger Oberbürgermeister persönlich zu dem Treffen erscheint, wird die Schulstunde für die Kinder zu einem Hit. Fast 60 Minuten lang beantwortete Dieter Reiter die vielen Fragen der Kinder – mit erstaunlicher Offenheit.

Nach dem Interview: die Grundschüler mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter © Marina Maisel

Schwer zu sagen, wer kurz vor dem außergewöhnlichen schulischen Highlight in dem historischen Saal mit der gewölbten Decke aufgeregter war: Schulleiterin Anja Weigand-Hartmann und die Klassenlehrerinnen der vierten Klassen oder die rund 50 Kinder. Eine große Rolle spielte die Nervosität aber nicht, denn jegliche Anflüge verschwanden mit dem Erscheinen des Stadtoberhaupts wie von selbst.

Zu Beginn jedoch hatte erst einmal Levi das Sagen. Oberbürgermeister Dieter Reiter ernannte den Schüler kurzerhand zum Leiter der »Sitzung«. Seine Aufgabe war es, kein Durcheinander zuzulassen und seinen Mitschülern das Wort zu erteilen. Und die hatten eine Menge Fragen an das Oberhaupt der bayerischen Landeshauptstadt – amüsante wie ernsthafte.

Wie sehen Sie, Herr Oberbürgermeister, das Flüchtlingsproblem?
Auf die aktuelle Krisensituation hatte der Oberbürgermeister für die Kinder eine klare Überzeugung parat: »Auch wenn es für uns eine große Herausforderung darstellt: Es ist unsere Pflicht, diesen Menschen zu helfen.« Humanität und Nächstenliebe seien dafür die ausschlaggebenden Gründe.

Haben Sie Vorbilder?
Diese Frage beantworte Dieter Reiter ohne Umschweife: Willy Brandt, der die sozialen Aspekte stärker in den Vordergrund gerückt und als Bundeskanzler der Außenpolitik neue Impulse gegeben habe, lautete die prompte Antwort. »Seinetwegen bin ich SPD-Mitglied geworden«, verriet er den Schülern. Nicht minder habe ihn allerdings auch einer seiner Vorgänger im Chefsessel des Rathauses beeindruckt: SPD-Ikone Hans-Jürgen Vogel, mit dem er erst jüngst dessen 90. Geburtstag gefeiert hat.

Haben Sie auch einen richtigen Beruf, oder sind Sie nur Oberbürgermeister?
Bei dieser Frage der Kinder musste Reiter angesichts seines überquellenden Terminkalenders schmunzeln: »Momentan bin ich tatsächlich nur Oberbürgermeister, sonst nichts. Vorher war ich viele Jahre als Verwaltungsangestellter in der Stadtverwaltung tätig, vor meiner Wahl zum Oberbürgermeister auch Referent für Arbeit und Wirtschaft.« Mit Zahlen müsse man sich da auch gut auskennen, meinte er.

Was waren denn in der Schule Ihre Lieblingsfächer? Mathematik?
Diese Frage löste beim Chef des Rathauses zumindest leichtes Frösteln aus. Vielleicht machte er es deshalb kurz und bündig. Sein »Geständnis«: »Deutsch und Sport haben mich einigermaßen interessiert, Mathematik habe ich gehasst.« Aber er fügte auch noch eine Erklärung hinzu, die er den Kindern besonders ans Herz legte: »Es wäre besser gewesen, wenn ich in der Schule fleißiger gewesen wäre. Eine gute schulische Ausbildung ist heute für den Beruf und die Zukunft wichtiger denn je.« Er selbst, verriet Reiter, habe sich das Wissen, das ihm in der Schule entgangen sei, später als Erwachsener mühsam in seiner Freizeit anlesen müssen. »Das hätte ich mir auch sparen und einfacher haben können«, so Reiter.

Haben Sie zu Hause Haustiere?
Nur mit Fragen nach seinen Amtsgeschäften gaben sich die Viertklässler der Sinai-Schule nicht zufrieden, sie wollten auch persönliche Dinge vom Oberbürgermeister erfahren. Seinen Worten zufolge ist es bei ihm so wie in vielen anderen Familien mit Kindern: »Wir hatten schon alles: Hund, Wellensittich, Hamster, Schildkröte.«

Haben Sie als Oberbürgermeister viele Freunde?
»Ich habe natürlich einige Freunde, aber das hat nichts mit meinem Amt zu tun. Ein Oberbürgermeister muss neutral entscheiden und darf sich nicht von Freundschaften bei Entscheidungen beeinflussen lassen, die die Stadt betreffen«, erklärte er seinen Besuchern. Was er aber zugleich bedauert, ist der Umstand, dass nicht nur seine privaten Freundschaften und das Familienleben in den Hintergrund treten mussten. Das Stadtoberhaupt: »Für das Privatleben bleibt für den Oberbürgermeister kaum Zeit. Er ist immer im Dienst, auch an den Wochenenden und den Abenden.«

Schauen Sie Fernsehen?
Da sieht es bei Münchens Oberbürgermeister ganz düster aus: »Wenn ich spätabends einmal dazu komme, sind es höchstens die Nachrichtensendungen.« Und um gleich die richtigen Dimensionen seiner TV-Abstinenz zurechtzurücken, fügte er hinzu: »Also all die Vorabendserien, die so beliebt sind, sagen mir nur vom Namen her etwas. Gesehen habe ich noch keine.«

Und welche Musik hören Sie am liebsten?
»Rockmusik. Hardrock«, lautete die unmissverständliche Ansage des Oberbürgermeisters zu seinem Musikgeschmack. Mit Hip-Hop, wie er sagte, kann er wenig anfangen: »Die Texte sind ja oft gut, aber da ist mir zu wenig Musik drin.« AC/DC und Co. sind für ihn nicht zu toppen.

Sind Sie Fußballfan, und für wen schlägt Ihr Herz?
Die in München unter Fußallexperten bei der Sympathieverteilung nahezu unvermeidliche Frage nach »rot« oder »blau« fiel zugunsten von Rekordmeister FC Bayern München aus. »Ich bin Bayern-Fan«, legt er sich fest, ohne aber den zweiten großen Münchner Fußballverein, den TSV 1860 München, die »Löwen«, zu vergessen. »Wenn die Löwen wieder besser spielen und tatsächlich ein eigenes Stadion bauen wollen, unterstütze ich sie als Oberbürgermeister natürlich so weit wie nur möglich. Ich bin ja Oberbürgermeister für alle.«

Dieter Reiters unaufgeregte, lässige Art dürfte ihm ein paar neue Fans beschert haben. Für Selfies mit den Schülern war er nach dem Interview ausgesprochen begehrt, schrieb Autogramme und freute sich über den israelischen Wein, den er von den Kindern als Geschenk überreicht bekam. Während Reiter wieder seinen Amtsgeschäften nachging, stiegen die Schüler und Lehrer noch auf den Rathausbalkon. Bei strahlendem Sonnenschein wollten sie sich den Blick über München nicht entgehen lassen.

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 27.01.2019 | 21. Schwat 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: „Schwarzer Honig. Leben und Werk von Abraham Sutzkever“

Beginn 17:00

„Black Honey. The Life and Poetry of Avraham Sutskever“

Dokumentarfilm
Regie: Uri Barbash
Drehbuch: Uri Barbash, Hadas Kalderon
Produzent: Yair Qedar
Kamera: Tulik Galon
Schnitt: Ori Derdikman

Musik: Alon Lothringer. Ton: Ami Arad
Israel 2018, 76 Min., hebr./engl./jidd. OV mit dt. Untertiteln

Abraham Sutzkever (1913–2010) zählt zu den bedeutendsten Jiddisch schreibenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Bei Wilna geboren, verbrachte er fünf Jahre seiner Kindheit in Sibirien, wohin die Eltern 1915 deportiert worden waren.

Seit den frühen 1930er Jahren gehörte er zum avantgardistischen jüdischen Autoren- und Künstlerkreis »Jung-Wilne«. Ab 1934 veröffentlichte er regelmäßig in Warschauer und Wilnaer

Abraham Sutzkever © Familienbesitz

Zeitschriften. 1937 erschien sein erster Gedichtband »Lider« (Lieder). Im Ghetto von Wilna schloss er sich einer Untergrundorganisation an und rettete Handschriften und Dokumente vor der Vernichtung durch die Deutschen. Dort musste er auch mitansehen, wie seine Mutter und sein Sohn ermordet wurden. Ihm gelang als einem von wenigen die Flucht aus dem Ghetto. Zunächst ging er nach Moskau, wo er bereits 1944 über die Vernichtung der Juden in seiner Heimat berichtete. In späteren Arbeiten dokumentierte er die Gräuel der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Nach dem Krieg war Sutzkever Zeuge im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, 1947 emigrierte er nach Israel, wo er die renommierte Literaturzeitschrift »Di goldene kejt« gründete.

Der Film des israelischen Regisseurs Uri Barbash porträtiert einen Menschen, dem die Poesie half das Erlebte zu überstehen und Zeugnis abzulegen. Sutzkevers Werke sind in über 30 Sprachen übersetzt.

Einführung: Dr. Evita Wiecki, Jiddisch-Lektorin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Schlusswort: Yair Qedar, preisgekrönter israelischer Filmproduzent

Eintritt: 5 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber frei)

Karten unter 089/20 24 00-491, per E-Mail an karten@ikg-m.de und an der Abendkasse

Veranstalter: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

 

Mo. 04.02.2019 | 29. Schwat 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: „116 Cameras“

Beginn 19:00

Dokumentarkurzfilm
Regie: Davina Pardo
Produzent: Davina Pardo
USA 2017, 15 Min., amerik. OF

Anschließend Podiumsgespräch

Wer erzählt die Geschichte von NS-Verfolgung und Holocaust, wenn keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr da sind? Ausgehend von dieser Frage hat das Shoah Foundation Institute for Visual History and Education an der University of Southern California in Los Angeles ein ehrgeiziges neues Projekt in Angriff genommen, um Überlebende als digitale 3D-Projektionen dazustellen, die mit zukünftigen Generationen interagieren werden.

Eva Schloss © USC Shoah Foundation

Der Kurzfilm »116 Cameras« folgt der Auschwitz-Überlebenden Eva Schloss, während sie an diesem einzigartigen Prozess teilnimmt und reflektiert, wie sich ihre Rolle als Zeitzeugin des Holocaust im Laufe der Zeit verändert hat. Die Mutter von Eva Schloss war ab 1953 übrigens in zweiter Ehe mit Anne Franks Vater verheiratet.

Zur Frage nach »digitalen Zeitzeugen« und damit zum Thema, wie sich das Erinnern verändern wird, wenn es die Stimmen lebender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht mehr geben wird, diskutieren:

Michaela Melián, Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, 2008 Gewinnerin des Kunstwettbewerbs der Stadt München »Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens«, mit dem Audiokunstprojekt »Memory Loops«;

Verena Lucia Nägel, Politologin, u.a. seit 2017 Betreuerin des Archivs »Fortunoff Video Archive for Holocaust  Testimonies« der Yale University an der Freien Universität Berlin;

Armand Presser, Sprecher für Rundfunk- und Filmbeiträge, Berater für das BR-Projekt »Die Quellen sprechen«

und

Dr. Jörg Skriebeleit, seit 1999 Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Moderation: Prof. Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München

Eintritt  frei

Veranstalter: NS-Dokumentationszentrum München in Kooperation mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Öberbayern

Veranstaltungsort: NS-Dokumentationszentrum München, Max-Mannheimer-Platz 1, 80333 München

So. 10.02.2019 | 5. Adar I 5779

Kulturzentrum

Jüdische Filmtage: Vortrag „Die Situation ist neu und reizvoll“ – Thomas Mann im Tonfilm (1929)

Beginn 17:00

Vortrag mit Filmbeispielen von Dr. Dirk Heißerer

Thomas Mann im Aufnahmestudio, Berlin 1929 © Presse-Foto GmbH

Als einer der ersten Schriftsteller überhaupt trat Thomas Mann (1875–1955) im Januar 1929 in einem Tonfilm mit dem Titel »Worte zum Gedächtnis Lessings« auf. Er thematisierte darin die Möglichkeiten des neuen Mediums und verband den antiken Mythos mit der modernen Technik.

Thomas Mann war zeitlebens ein eifriger Kinogänger, verfasste selbst Drehbücher und sah Verfilmungen seiner Romane »Buddenbrooks« (1923) und »Königliche Hoheit« (1953). Im Exil unterstützte er die Zürcher Filmagentur  von Julius Marx und Bernhard Diebold, die mit Hollywood über Verfilmungen nach Stoffen von Emigranten verhandelte. Sein ehrgeizigstes Filmprojekt, die Verfilmung der Tetralogie »Joseph und seine Brüder«, kam zwar, anders als vergleichbare Historienfilme, wie »Land of The Pharaohs« (1955) oder »The Ten Commandments« (1956), nicht zustande. Doch anhand von Illustrationen zur »Joseph«-Legende und mit Blick auf die Moses-Novelle »Das Gesetz« (1944) kann man erahnen, wie der Film hätte aussehen können.

Der Vortrag korrespondiert mit dem gleichnamigen Aufsatz in der Zeitschrift. JUNI-Magazin für Literatur und Kultur (Bielefeld, Aisthesis Verlag), H. 55/56, Januar 2019.

 Der Tonfilm vom 22. Januar 1929 wurde von der Tobis-Industrie GmbH in Berlin aufgenommen. Dauer: 3:52, archiviert im Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin (Signatur: BArch 20520).

Dr. Dirk Heißerer ist Literaturwissenschaftler in München, Veranstalter literarischer Spaziergänge und Exkursionen (www.lit-spaz.de) sowie Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München (www.tmfm.de).

Eintritt 5 Euro (Schüler, Studenten, Münchenpass-Inhaber Eintritt frei)

Karten unter Telefon (089)202400-491, per E-Mail an karten@ikg-m.de und an der Abendkasse

Veranstalter: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern & Thomas-Mann-Forum München

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

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