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Jugend

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7. September 2012

Multikulti-WG: World Wide Washington

Erschienen auf Spiegel Online, 3.9.2012. Amerikanisches Bier, chinesische Hühnerbeine und ein Chili, scharf wie kein zweites: Wenn Jessica Jungbauer mit ihren WG-Kollegen kocht, prallen Kulturen und Geschmäcker hart aufeinander. Sie lebt mit Studenten aus drei Ländern unter einem Dach – und findet täglich neue Fettnäpfchen.

„I think it’s because I’m black“, sagt Rebecca, 25, und ich zucke zusammen. Meine amerikanische Mitbewohnerin steht neben mir in der Küche und putzt Salat. Sie studiert Krankenpflege, heute hat sie sich ihre schwarzen Locken mit einer Haarspange nach hinten geklemmt. Das macht sie oft, weil sie ihre Haare nicht mag.

Vor allem aber mag Rebecca es nicht, wie unser chinesischer Mitbewohner Hao, 24, ihr beim Kochen Aufgaben zuteilt. „Does he think I’m a slave?“ Ich höre mich etwas von „anderer Kultur und anderer Erziehung“ stammeln und wirke dabei wohl so hilflos, dass Rebecca in Lachen ausbricht.

Doch diesmal liegt kein kulturelles Missverständnis vor: Unsere männlichen Mitbewohner sind einfach faul und Rebecca ärgert sich nicht über Hao, sondern alle drei Jungs in unserem Haus, die es sich auf dem Wohnzimmersofa gemütlich gemacht haben, statt zu helfen.

An Sonntagabenden kocht unserer Wohngemeinschaft in Washington D.C. zusammen. Wir, das sind: zwei Amerikaner, zwei Deutsche, zwei Inder und ein Chinese. Unser Heim auf Zeit ist ein kleines Haus im feinen Stadtteil Georgetown mit knarrendem Dielenboden, undichten Schiebefenstern und einem verrußten Kamin. Eine Bruchbude, sagen die einen, ein Haus mit Charakter die anderen.

„Burned?“ – „Nein, Bernd!“

Washington mit seinen blumenverzierten Straßenlaternen und den Parks, die an Paris erinnern, zieht Jahr für Jahr jede Menge Studenten an. Zusammengefunden haben wir über ein Internetportal für Wohnungsannoncen. Gecastet hat uns eine schrullige ältere Dame, Vermieterin und Katzenliebhaberin. Sie entscheidet, wer einziehen darf, und sie hat uns multikulturell zusammengewürfelt.

Das war in diesem Haus schon immer so. Auf der klebrigen Spüle steht eine deutsche Handwaschlotion, ein Paris-Poster hängt an ein paar Tesa-Streifen im Wohnzimmer und jeden Morgen begrüßt uns der „It’s a good day for a Guiness“- Spruch über dem Regal in der Küche, alles Hinterlassenschaften früherer Mitbewohner.

Stühle in allen Farben und Formen stehen um den Esstisch herum, hier und da hatte mal jemand angefangen zu streichen und seine Arbeit nicht zu Ende gebracht. In der gelben Küche steht ein Sofa, weil jemand es da vor ein paar Wochen abgestellt hatte und es seitdem nicht mehr bewegt wurde.

Für die Lage in Washingtons beliebtestem Stadtviertel hatten wir großes Glück – und blieben unter den üblichen vierstelligen Mietpreisen für ein Zimmer. In der amerikanischen Hauptstadt kann ein Kanister Milch im Supermarkt bis zu acht Dollar kosten, und leisten können wir uns unser Washingtoner Leben nur dank unserer Jobs, Stipendien und Studienkrediten.

Der Plan für das heutige Mahl: eigentlich mexikanisch. Hao hat wie immer seine Hähnchenschenkel in Sojasoße zubereitet, obwohl der gemeinsame Kochabend stets unter einem anderen Ländermotto stattfindet. „Das ist das Einzige, was ich kochen kann“, erklärt er und zuckt mit seinen Schultern unter dem viel zu großen Basketballtrikot.

Hao will eigentlich nicht mehr Hao heißen. Nach seiner Ankunft hat er sich den Namen Monk gegeben, das sei „amerikanischer“, sagte er. Erst später stellte er fest, dass außer dem Kommissar in der gleichnamigen Fernsehserie kein Mensch Monk heißt – sehr zum Vergnügen seiner Mitbewohner.

Wehe, wenn Inderin Isha zum Chili greift

Auch unser deutscher Mitbewohner Bernd, 23, ist in den USA mit seinem Namen nicht gerade glücklich. Nachdem er nun zum wiederholten Male „burned“ – „verbrannt“ – auf seinem Pappbecher bei Starbucks stehen hatte, gibt sich der Physikstudent mit Locken und Stoppelbart nur noch als Brad aus.

Während Bernd das Hackfleisch für die mexikanischen Tacos brät, gehen unsere indischen Mitbewohner ihren eigenen kulinarischen Gepflogenheiten nach. Abend für Abend werden Currys zusammengerührt, Nan-Brot gebacken und Chili-Pasten gemischt.

Heute steuert Isha, 27, zum Abendessen eine selbstgemachte Bohnenpaste bei, und sie ist gar nicht scharf. Keiner hustet, niemand zieht sich den T-Shirt-Kragen vor den Mund und reißt Fenster und Türen auf, keiner schleppt den Ventilator in die Küche, wie sonst, wenn Physikstudentin Isha zum Chili-Pulver greift und damit kocht.

Als alle schließlich mit den üblichen eineinhalb Stunden Verspätung um den Esstisch versammelt sind, bietet uns Kyle, 20 und amerikanischer Sportmanagementstudent, seine Spezialität des Abends an: kühles Bier. Dass ich als Deutsche kein Bier mag, hat ihn vermutlich mehr entsetzt als die Tatsache, dass ich noch nicht alle Länder Europas bereist habe.

Was nach Kyles Geschmack das beste Bier der Welt ist, nämlich IPA, ist für Bernd das Schlimmste, was er je getrunken hat. Hao hingegen trinkt einfach alles.

Nächsten Sonntag steht wieder ein gemeinsamer Kochabend in unserer WG an. Dann gibt es amerikanisches Barbecue – vermutlich mit Hähnchenschenkeln in Sojasoße, indischen Gewürzen und kühlem Bier.

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