Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Kultur

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30. Oktober 2014

Lesung: Münchner Reigen

Jutta Jacobi stellte ihre Geschichte der Familie von Arthur Schnitzler vor. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 30.10.2014. Die transatlantische Geschichte einer jüdischen Familie im 19. und 20. Jahrhundert.« Dieser Satz findet sich auf der hinteren Umschlagseite des neuen Buchs, das die aus München stammende Autorin Jutta Jacobi geschrieben hat und als Titel den Namen einer Familie trägt: Die Schnitzlers. Welche Faszination sich hinter dem Familiennamen verbirgt, erfuhren die Gäste bei einer bemerkenswerten Veranstaltung des IKG-Kulturzentrums im Rahmen der Jüdischen Kulturtage, die gerade zu Ende gegangen sind.

Susanna und Michael Schnitzler, Jutta Jacobi, Giuliana Schnitzler mit Ehemann Wolfgang Fribol und Moderatorin Judith Heitkamp (v.l.) © Marina Maisel

 

Jutta Jacobi, die in München Germanistik und Theaterwissenschaft studiert hat und heute als Hörfunk- und Buchautorin in Hamburg lebt, war es nicht allein, die der Veranstaltung – moderiert von Judith Heitkamp aus der Bayern2-Redaktion Kulturkritik und Literatur – einen besonderen Glanz verlieh. Ganz vorne in der ersten Reihe saßen als Ehrengäste Giuliana und Michael Schnitzler, die Urenkelin und einer der beiden Enkel jenes berühmten Erzählers und Dramatikers aus Wien, um den sich auch das Buch rankt: Arthur Schnitzler (1862–1931).

Stammbaum

Das facettenreiche Buch, eine Familiengeschichte, wie es im Untertitel heißt, ist auch eine Geschichte von Sehnsucht, dem Geschenk des Humors und dem Wandel der Perspektiven im Verlauf der Geschichte. Einen hilfreichen Beitrag zur Orientierung im familiären Geflecht der Schnitzlers lieferten die Organisatoren der Veranstaltung, das Kulturzentrum und der Residenz-Verlag in Form eines Stammbaums der Familie, der am Anfang des Abends an die Besucher verteilt wurde.

Natürlich tauchen auch Giuliana und Michael darin auf. Die beiden und auch Peter Schnitzler, ein weiterer noch lebender Nachfahre, spielten aber auch bei der Entstehung des Buches eine tragende Rolle. »Die Familie ist mir bei der Erforschung ihrer Geschichte überaus entgegengekommen«, sagte Jutta Jacobi im Gespräch mit Judith Heitkamp.

Die Familiengeschichte, die sie mit Akribie und feiner Feder geschrieben hat, beginnt mit der Schilderung einer Begegnung auf dem Wiener Zentralfriedhof zwischen der Autorin und Giuliana. Im »Bet Kevarot«, dem Ort der Gräber, der riesigen jüdischen Totenstadt, besuchen sie das Familiengrab der Schnitzlers. Sie kommen an vielen prunkvollen Grabmälern vorbei, die nur zum Teil hebräische Buchstaben tragen und dadurch das assimilierte jüdische Wien des 19. Jahrhunderts widerspiegeln.

Verdienste

Jutta Jacobi beschreibt sehr treffend, was hier aufeinanderprallt: »Die Gräber zeigen, wie die Verstorbenen gesehen werden wollten: tatkräftige Männer, tugendsame Gattinnen, beweint von ihren untröstlichen Söhnen und Töchtern. Ihre Verdienste sind in Stein gemeißelt, die Kehrseite hat Arthur Schnitzler beschrieben.« Auch der gleichermaßen berühmte wie kritisierte und angefeindete Erzähler und Dramatiker ist hier begraben.

Jutta Jacobi gesteht, dass sie schon zu ihrer Studentenzeit von Arthur Schnitzler fasziniert war: »Es ist seine fundamentale Skepsis, die mich in den Bann zieht und die ich, zumindest zu einem Teil, auch in meiner eigenen Denkweise wiederfinde. Um ihn jedoch ganz verstehen zu können, muss man auch den familiären Hintergrund sehen.« Der fängt in dem Buch am 4. April 1858 mit einem Brief an, den der damals 23-jährige Johann Schnitzler an seine »geliebten Eltern« in Ungarn schrieb. Kurz zuvor vorher war er nach einer beschwerlichen Reise mit dem Leiterwagen aus Nagykanizsa in Wien angekommen.

Johann Schnitzler, der begabte Sohn eines armen jüdischen Tischlers, der später die Poliklinik gründete und ein berühmter Arzt wurde, war zu diesem Zeitpunkt Medizinstudent und wollte sein Studium unbedingt in Wien beenden. Die Metropole an der Donau galt als Mekka der medizinischen Forschung und Lehre. Enttäuschte Liebe zu einer Buchhändlerstochter trug allerdings auch dazu bei, dass er seine Heimat verließ. Arthur, der Bekannteste der Schnitzlers, war sein Sohn.

Erotomane

Im Begleittext zu Jutta Jacobis Buch, das bei der Veranstaltung im Gemeindezentrum lobenden Beifall fand, ist die facettenreiche Familiengeschichte, die sich bei Weitem nicht nur auf Arthur Schnitzler und seine Wandlung vom Erotomanen zum Moralisten beschränkt, punktuell zusammengefasst. Es geht auch um seine Olga, »die Geschiedene«, heißt es da; um Tochter Lili, die »an der Seite eines faschistischen Offiziers ihr Glück nicht fand«; um Heinrich Schnitzler, der im Jahr 1938 nach Amerika emigrieren musste; um Arthur Schnitzlers Enkel Peter und Michael, die sich »von den Lasten der Vergangenheit« befreiten, und nicht zuletzt eben auch um Giuliana, die auf dem Zentralfriedhof in Wien auf die Gräber ihrer Vorfahren im Gedenken an sie regelmäßig Steine legt.

Zwischen den Zeilen des Buches ist die gedankliche Nähe der Biografin zu Arthur Schnitzler, der Tabus brach und über Tod, Sexualität und die alltäglichen bigotten Lebenslügen der Wiener Gesellschaft schrieb, unverkennbar. Arthur Schnitzler mit seinem feinen Gespür für die menschliche Psyche hatte zu Lebzeiten mit dem bahnbrechenden Psychoanalytiker Sigmund Freud einen ebenso einflussreichen wie berühmten Fan.

Der schrieb ihm einmal: »Ich habe mich oft verwundert gefragt, woher Sie diese oder jene geheime Kenntnis nehmen konnten, die ich mir durch mühselige Erforschung des Objekts erworben, und endlich kam ich dazu, den Dichter zu beneiden, den ich sonst bewundert.«

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Aktuelle Veranstaltungen


Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786

Kultur

WIRD VERSCHOBEN: „Wie rettet man das Tote Meer?“

Aufgrund der derzeitigen Lage in Israel und des Ausfalls etlicher Flugverbindungen kann diese Veranstaltung leider nicht wie geplant stattfinden. Ein neuer Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben.

Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage

Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel

Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.

Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.

Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka

»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation

Moderation: Emanuel Rotstein

Eintritt frei.

Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 491

Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18

Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786

Kultur

„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter

Beginn 19:00

Buchpräsentation

Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit

Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.

Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »

Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786

Kultur

WIRD VERSCHOBEN: Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor

Beginn 19:00

Aufgrund der derzeitigen Lage in Israel und des Ausfalls etlicher Flugverbindungen kann diese Veranstaltung leider nicht wie geplant stattfinden. Ein neuer Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben.

Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der 
Woche der Brüderlichkeit

Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »

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