Jugend
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19. August 2013
Kinder-Psychologie: Zu viel des Guten
Noch nie wussten Eltern so viel über Erziehung, über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Und sie geben sich mit dem Nachwuchs ordentlich Mühe, tun alles für ihre Kinder. Helikopter-Eltern werden sie genannt: die gluckenden Eltern, die auf alles aufpassen, ihren Kindern alles ermöglichen, wie ein Hubschrauber über den Köpfen der Kleinen kreisen.
„Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“, fordert jedoch Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, in seinem neuen Buch „Helikopter-Eltern“, das in den nächsten Wochen erscheinen wird. Umsorgende Eltern sollten aufhören, die Zukunft ihrer Kinder fest im Griff haben zu wollen.
Denn gleichzeitig gab es noch nie so viele verhaltensauffällige Kinder in den Praxen der Familientherapeuten. Immer mehr Eltern verzweifeln, fühlen sich mit der Erziehungsaufgabe überfordert. An gutem Willen fehlt es in den Familien nicht – doch woran dann? Kinder-Psychiater sind sich einig: Überbehütung kann ähnlichen Schaden in einer Kinderseele anrichten wie Vernachlässigung.
Entscheidend geprägt hat den Begriff der Überbehütung die US-amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel. Sie beschrieb im Jahr 2001, wie sie in ihrer Praxis moderne Eltern von umsorgten Mittelschichtkindern erlebt. „Von außen betrachtet, wirkt ihr Familienleben perfekt. Die Eltern besuchen jede Schulaufführung und jedes Fußballspiel ihrer Kinder. Sie wissen, dass sie am Spielfeldrand „Vorwärts, Leute“ rufen und nicht nur den eigenen Nachwuchs anspornen sollten. Sie kennen alle Freunde ihrer Kinder und die Berufe der Eltern. Wenn die Schulleistungen abfallen, organisieren sie Nachhilfe.“
Ängste und Erwartungsdruck
Doch in ihrer Erziehungsarbeit nehmen Helikopter-Eltern ihre Kinder zu wichtig. Sie konzentrieren sich sklavisch auf das „Mikromanagement“ der wechselnden Launen des Kindes – auf spontane Ängste und materielle Forderungen. Sie intervenieren bei Schulleitern und Lehrern und bügeln Fehler ihrer Kinder aus, bevor diese daraus lernen können. „Over-Parenting“ nennt Mogel dieses Phänomen, das so anstrengend sein kann, dass alle Beteiligten die Freude am Familienleben verlieren.
Die Kinder werden Bettnässer, entwickeln Essstörungen, ADHS oder massive Schulprobleme. Gleichzeitig, so Mogel, üben diese Eltern ungeheuren Bildungsdruck aus. Leistungen in der Schule und im Sport werden als wichtiges Familienerzeugnis interpretiert. Sie überfrachten das Kind mit einem Berg von Qualifikationen und spornen es zu Konkurrenz an.
Als Ausweg beschreibt Mogel die Erziehung zu emotionaler Stabilität, Widerstandsfähigkeit und Selbstständigkeit. In ihrem Buch interpretiert sie als Kennerin traditioneller jüdischer Lehren die jüdischen Schriften Tora und Talmud als Erziehungshilfen. Sie befürwortet feste hierarchische Familienstrukturen, empfiehlt Eltern aber gleichzeitig mehr Zurückhaltung in der Erziehung.
Kinder als Kompensation
In Deutschland wurde die Debatte um die richtige Erziehung von Kinderpsychiater Michael Winterhoff, 58, befeuert. In seinem Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ schreibt er, dass immer mehr Jugendliche aus bürgerlichen Familien in Behandlung sind: Ergotherapie, Logopädie, Psychotherapie. Es sind Kinder von sehr engagierten, beziehungsfähigen Eltern, die alles für ihren Nachwuchs getan haben.
„Obwohl diese Bedingungen vorliegen, sind ihre Kinder gravierend auffällig. Ich erlebe Kinder im Altern von fünf bis sieben Jahren, die von jetzt auf gleich völlig ausrasten“, erklärt Winterhoff im SPIEGEL-Interview. Den Erwachsenen konstatiert er fehlende Orientierung und Anerkennung. Das Kind biete sich zur Kompensation an. „Wenn das Kind in der Schule zurechtkommt, bin ich eine gute Mutter, sonst eine schlechte. […] Der Erwachsene wird jetzt bedürftig, und das Kind soll die Bedürfnisse erfüllen.“
Winterhoffs Ausweg aus dem Dilemma: Der Erwachsene soll sein Kind nicht als Partner ansehen, sondern ihm Widerstand entgegensetzen. Dies würde die „natürliche Hierarchie“ zwischen Vater, Mutter und Kind wieder herstellen.
Fördern auf Biegen und Brechen
Der 2011 verstorbene Reformpädagoge und Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann kritisierte zwar die Lösungsansätze, die Winterhoff in seinem Buch empfahl. In der Beschreibung der Ausgangslage waren sich die die beiden Experten jedoch einig: Mehr Kinder werden schwierig und auffällig, es gibt mehr soziale und seelische Verfallserscheinungen.
„Verwöhnte Kinder sind in aller Regel unglücklich – und zeigen seltsamerweise dieselben Verhaltensprobleme wie vernachlässigte Kinder“, schrieb Bergmann in einem Beitrag für SPIEGEL ONLINE. „Kinder wollen sich in einem möglichst geordneten Umfeld zurecht finden und diese äußeren Ordnungen verinnerlichen, sie wollen sich in den Eigenarten, Gesten, Blicken, Stimmen ihrer Eltern ’spiegeln‘. Das Gefühl jedoch, dass sich die ganze Welt im Wesentlichen um sie dreht, raubt ihnen dieses Gegenüber.“
Anders als Winterhoff empfiehlt Pädagoge Bergmann aber weniger Disziplin und Gehorsam in der Erziehung, sondern gelassen-liebevollen Kontakt. Eltern sollten sich und ihren Kindern mehr zutrauen und sie keinem Konkurrenzdruck aussetzen. „Ein Ausweg ist sicher“, sagte Bergmann im Gespräch mit dem SPIEGEL, „dass wir mit den Kindern raus müssen aus der erzwungenen Rivalität, die schon in den Schulen alles beherrscht.“
„Diese Kinder kennen kein Mitgefühl“
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, 65, der als Verfechter einer entspannten Erziehung gilt, beschreibt die Folgen von Überbehütung noch drastischer. Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse, so argumentiert er, richteten gar weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben.
„In Dänemark nennen wir sie Curling-Eltern, weil sie wie beim Eisstockschießen alle Hindernisse vor ihrem Kind aus dem Weg räumen“, sagt Juul im Interview mit dem SPIEGEL. „Sie ersparen ihren Söhnen und Töchtern sogar den Anblick eigener Trauer, etwa beim Tod der Großeltern. Solche Kinder wissen nichts über andere Menschen und nichts über sich selbst. Sie wissen nicht, was es heißt, traurig oder frustriert zu sein, sie kennen deshalb kein Mitgefühl.“
Jesper Juul glaubt nicht an die Wirkung von Machtdemonstrationen. Für ihn geht es in der Erziehung darum, persönliche Maßstäbe und Überzeugungen vorzuleben. „Erziehung findet zwischen den Zeilen statt“, sagt er, „sie ist wie Osmose, sie kommt durch die Haut.“
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Aktuelle Veranstaltungen
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Mi. 21.10.2026 | 10. Cheschwan 5787
Kultur
Filmvorführung „Noga“
Beginn 19:00Filmvorführung
Mittwoch, 21. Oktober 2026, 19 Uhr
Ein Film von Jono & Benji Bergmann mit Noga Erez und Ori Rousso
Produktion: Babka Film in Koproduktion u.a. mit Sperl Film + Fernsehproduktion
Österreich/ Deutschland/ Israel 2026, 96 Min.
Originalsprache: Hebräisch, Englisch, mit deutschen Untertiteln
Die israelische Musikerin Noga Erez ist mit ihrem kreativen Partner und Lebensgefährten Ori Rousso auf dem Weg zum internationalen Durchbruch. Zwischen ausverkauften Konzertsälen mit provokanten Hits wie »End of the Road«, politischer Zuspitzung und persönlichen Spannungen, kämpft sie darum, weiterhin gehört, vor allem aber verstanden zu werden – in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
