Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Religion

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12. Mai 2016

Keduscha: „Seid heilig!“

Warum sich der Mensch nicht geistig verunreinigen soll. Von Rabbiner Israel Meir Levinger, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 12.5.2016. Der Wochenabschnitt 3. Buch Mose 19, 1–2  beginnt mit der Aufforderung an das Volk, G’tt in seinen Eigenschaften der Heiligkeit nachzuahmen. Es folgen eine große Anzahl verschiedener Gesetzesvorschriften, die dem versammelten Volk unter der Präambel der anzustrebenden Heiligkeit erläutert werden. Sie thematisieren die Bedeutung ethischer Grundwerte und beinhalten die Achtung vor dem Schöpfer und den Respekt vor unseren Mitmenschen.

Was ist unter Keduscha (Heiligkeit) zu verstehen? G’tt wollte Seine Präsenz im jüdischen Volk etablieren, damit es seiner im 2. Buch Mose 19,6 erwähnten Berufung als »heiliges Volk« gerecht werden konnte. Voraussetzung, um dieses Ziel zu erreichen, war das Verbot geistiger Verunreinigung, die unter anderem durch die in Kapitel 18 und 20 aufgezählten sexuellen Praktiken und unzüchtigen Beziehungen verursacht wird, ferner die Zügelung negativer Triebe des Menschen, die in positive Bahnen geleitet werden sollen.

Die Kräfte menschlicher Triebe können enorme Energien entfalten und sowohl zerstörerisch als auch aufbauend wirken. Man unterscheidet heute den Individual-Erhaltungstrieb (Beschaffung von Nahrungsmitteln und Deckung der für das Überleben benötigten elementaren Bedürfnisse) und den Arterhaltungstrieb (Sexualtrieb). Nur wer seine Triebe auf allen Ebenen unter Kontrolle zu bringen vermag, kann nach der Heiligkeit streben.

Unterschied

Beim genauen Lesen von Vers 19,2 fällt ein Unterschied zwischen der Keduscha G’ttes und jener der Menschen auf: »Seid heilig, denn Ich bin heilig.« Bei der an den Menschen gerichteten Aufforderung zur Heiligkeit fehlt der Buchstabe »waw« im Wort »kadosch«. Dies soll uns zeigen, dass einzig die g’ttliche Heiligkeit vollkommen ist, während der Mensch diese höchste Stufe zwar anstreben, aber nie ganz erreichen kann.

Diese grundsätzliche Unterscheidung kommt jedoch nicht nur auf orthografischer Ebene zum Ausdruck. Auch die Verbform ist verschieden. Der Aufruf zur Heiligkeit beim Menschen weist in die Zukunft (»kedoschim tihju« – »ihr sollt heilig sein«) und drückt aus, dass sich der Mensch fortwährend von einer Stufe zur nächsthöheren emporarbeiten soll. G’tt jedoch ist heilig (»ki kadosch ani« – »denn ich bin heilig«). Hier wird ein unveränderlicher Ist-Zustand beschrieben.

Die Aufforderung an den Menschen, heilig zu sein, ergeht an das ganze Volk: »Sprich zur ganzen Gemeinschaft des Volkes Israel und sag zu ihnen: Ihr sollt heilig sein« (19,2). In anderen Eröffnungssätzen des 3. Buches Mose wird nicht dermaßen betont, dass die gesamte Gemeinschaft angesprochen ist.

Raschi (1040–1105) erklärt zu der Stelle, dass Mosche die ganze Gemeinde versammeln ließ, um diejenigen Gesetzesvorschriften zu verkünden, denen die elementarsten ethischen Werte der Gesellschaft zugrunde liegen. Diese Gesetze bilden die Grundpfeiler des Judentums. Die menschliche Heiligkeit kann nur in der Gemeinschaft erreicht werden, nie jedoch auf individueller Basis. Der Inhalt der Gebote dieser Parascha regelt vor allem das gesellschaftliche Zusammenleben und soziale Verpflichtungen.

Die Aufforderung, heilig zu sein, deutet Raschi als das Unterlassen verbotener sexueller Beziehungen sowie anderer verbotener Fehlhandlungen. Nachmanides, der Ramban (1194–1279), geht in seinem Kommentar zum Aspekt der Heiligkeit von einem anderen Ansatz aus. Nach seiner Interpretation beschränkt sich die Heiligkeit nicht auf die Befolgung der Gebote und das Unterlassen von verbotenen Handlungen, sondern erweitert vielmehr die Dimension der in der Tora erlassenen Ge- und Verbote. Die Keduscha soll alle Lebensbereiche umfassen und auch in Bereiche einfließen, die von den Verboten ausgenommen sind. Selbst die Ausübung erlaubter Handlungen soll maßvoll geschehen.

Schuft

Der Ramban geht scharf ins Gericht mit Juden, die ihr Tun und Lassen auf die wortgetreue Befolgung des Gesetzes beschränken. Er nennt sie »Nawal birschut haTora« (»Schuft mit der Bewilligung der Tora«). G’tt begnügt sich nicht mit der technischen, paragrafentreuen Einhaltung des Gesetzes, sondern fordert eine Haltung, die das eigene Handeln ganz am Geist der Tora ausrichtet – auch und gerade bei Taten, die keine religiöse Bedeutung haben.

Unsere Weisen formulieren das Gebot der Heiligkeit im Talmud wie folgt: »Heilige dich anhand des Erlaubten« (Jewamot 20a). Allerdings darf dies nicht so weit gehen, dass man sich einer vollständigen Enthaltsamkeit unterzieht und sich selbst das Erlaubte untersagt. Unsere Weisen sagen, dass der Mensch nicht nur für verbotene Handlungen, sondern auch für versäumtes Genießen erlaubter Tätigkeiten in dieser Welt vor dem himmlischen Gericht Rechenschaft ablegen muss.

Spenden

Keduscha bedeutet auch, mehr zu tun und zu leisten, als uns vorgeschrieben ist. So sind wir aufgerufen, freiwillig zusätzliche Zeit sowie Geld für jene aufzubringen, die Hilfe benötigen.

Im 3. Buch Mose 18,3 werden wir gewarnt, uns nicht der gesellschaftlichen Kultur der umgebenden fremden Völker anzupassen. Wir sind das von G’tt auserwählte Volk. Ein zentrales Eigenschaftsmerkmal äußert sich im Streben nach Heiligkeit, das mit der Einstellung erfolgt, über das Unterlassen verbotener Handlungen hinaus sich beim Erlaubten zu mäßigen und mehr zu leisten, als uns die Tora vorschreibt.

Einmal wurde ein junger Mann vom Gericht dazu verurteilt, seiner von ihm getrennten Ehefrau Unterhaltszahlungen zu leisten. Er meinte mir gegenüber, dass er fair sei, worauf ich ihn fragte, was er unter Fairness verstehe. Der Mann antwortete, er zahle alles, was das Gericht verfüge. Darauf erwiderte ich, dass dies nicht »fair«, sondern lediglich seine Pflicht sei. Mehr zu geben und mehr zu leisten als vorgeschrieben, das ist die Bedeutung von Heiligkeit.

Unser Wochenabschnitt unterstreicht, dass ethische Werte in der Gesellschaft unentbehrlich sind. Er erwähnt die Vorschriften, die die Achtung vor G’tt und den Respekt gegenüber unseren Mitmenschen zum Gegenstand haben. Damit verbindet die Tora die Gebote, die die Beziehung zwischen Mensch und G’tt regeln, mit den Gesetzen, die die Beziehung der Menschen untereinander regeln. Sie macht dabei deutlich, dass der Mensch nicht nur den Geboten G’ttes Gehorsam leisten, sondern auch im Verhältnis zu seinen Mitmenschen redlich handeln muss.

Der Autor war zueltzt Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde München.

Inhalt: Der Wochenabschnitt Kedoschim enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats, Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen. 3. Buch Mose 19,1 – 20,27

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September 2026 | Elul-Tischri | « »

Aktuelle Veranstaltungen


Mi. 23.09.2026 | 12. Tischri 5787

Kultur

»Briefe an meinen Vater«. Von und mit Konrad Bernheimer

Beginn 19:00 Uhr:

Moderation: Ellen Presser

Konrad Bernheimer stellt das Schicksal seines Vaters Kurt sehr persönlich in den historischen Kontext dessen Lebenszeit: als Sohn des renommierten Kunsthändlers und Antiquitätensammlers Otto Bernheimer, als Bruder, Student der Kunstgeschichte, Emigranten in den venezolanischen Anden und Familienvater. 1954 kommt Konrad mit Mutter und zwei Schwestern zum Großvater nach München – ohne den Vater. Erst viel später erfährt Konrad Bernheimer, inzwischen selbst ein international erfolgreicher Kunsthändler, was mit seinem Vater einst geschah. Aus überlieferten Dokumenten und Familienerinnerungen entwickelt Bernheimer jr. eine Zwiesprache mit dem abwesenden Vater über Scham und Schuld, Liebe und Prägungen und die Last, die einem die Geschichte auferlegt, denn »Erinnerung bedeutet, dass etwas bleibt – auch wenn so vieles verschwunden ist«.

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Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787

Kultur

Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen

Beginn 20:30 Uhr:

Beitrag der IKG München und Oberbayern

Auf einen Blick:

Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser

Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)

Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.

Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska

Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.

Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.

Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de

So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787

Kultur

»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre

Beginn 17:00 Uhr:

Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens

Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.

Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de

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