Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

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20. Juni 2013

Erinnerungen an den Rückkehrer

Rede

»Ich verneige mich vor ihm«

Münchens Gemeindepräsidentin Charlotte Knobloch über ihren Amtsvorgänger Hans Lamm sel. A.. Von Charlotte Knobloch, 20.06.2013.

Charlotte Knobloch © Marina Maisel

»Wir müssen uns der Eierschalen des Ghettos entledigen« – das war die feste Überzeugung von Hans Lamm sel. A. »Um unsert willen und kommender Generationen wegen, aber auch des Judentums willen, wenn wir es nicht als Mumie bewahren, sondern als lebendige Kraft erhalten wollen.« Dies sind bemerkenswerte Worte, die Hans Lamm bereits im Jahr 1959 zu Papier brachte. Zu einer Zeit also, da ich ihn noch nicht ertragen konnte, jenen Gedanken, von Menschen umgeben zu sein, an deren Händen das Blut unserer Familien klebte.

Mission

Der gebürtige Münchner Hans Lamm hingegen kehrte in vollem Bewusstsein und mit tiefer innerer Überzeugung in dieses Land, in diese Stadt zurück. Ein Remigrant aus Leidenschaft, fest entschlossen, seinen Beitrag zur Liberalisierung und Demokratisierung seiner Heimat leisten zu wollen. Hans Lamm hatte eine Vision und er fühlte eine Mission. Seine gesamte Schaffenskraft stellte er in den Dienst des Wiederaufbaus des jüdischen Lebens in Deutschland.

Wie viele andere, so habe auch ich von Hans Lamm unendlich viel lernen dürfen. Vor allem jedoch habe ich ihn bewundert. Seine unbeirrbare, zutiefst menschliche Haltung sowie sein kluges und beherztes Denken und Handeln. Er war ein Multitalent: Publizist, Soziologe, Verlagsgründer, Dolmetscher und Bildungsbesessener.

Wie kaum ein anderer verstand Hans Lamm es, Brücken zu bauen, Menschen für den Dialog zu öffnen und für die gute Sache zu begeistern. Er vermochte Wogen zu glätten und zu versöhnen. Er konnte mitreißen und er berührte die Herzen der Menschen, weil er in jedem Moment authentisch, glaubwürdig und aufrichtig war.

Besonnenheit

Hans Lamm war meinem Vater im Amt des Gemeindevorsitzenden gefolgt. Er war es dann, der die jüdische Gemeinde durch jene unverhofft unruhigen und unsicheren frühen 70er-Jahre manövrieren musste. Und es gelang ihm dank seiner Besonnenheit und seiner guten Verbindungen zu Politik und Verwaltung.

Seine verlässlichen und von gegenseitigem Vertrauen geprägten guten Beziehungen zur Stadt haben vieles erleichtert. Kein Leichtes, war doch die Gemeinde damals alles andere als finanziell gut aufgestellt. Von so etwas wie einem Staatsvertrag konnte man nur träumen. Aber ihm gelang es auf seine unvergleichliche kontaktfreudige, offene und offensive Art, die Belange und Interessen der Gemeinde und ihrer Mitglieder durchzubringen. Er lebte vor, wie man eine Gemeinde richtig führt und lenkt. Und ich lernte von ihm über den Umgang mit Menschen. Sein Herz schlug für die Menschen. Sie standen im Zentrum seines Schaffens. Wer Hilfe oder Rat brauchte, fand bei Hans Lamm stets ein offenes Ohr. Er war immer zur Stelle und setzte sich für jeden Einzelnen ein.

Bis heute bewundere ich diese Souveränität, seine Beharrlichkeit und eben seine Menschlichkeit. Hatte ich bereits von meinem Vater gelernt, das mir Aufgegebene mit Umsicht, Hartnäckigkeit, Disziplin und Zielstrebigkeit anzugehen, so war es die Beobachtung und das Begleiten von Hans Lamm, das mein Bewusstsein dieser Tugenden schärften.

Heimat

In einer Phase, da viele von uns zufällig und eher unfreiwillig in Deutschland verblieben waren und noch nach einem Platz in der Gesellschaft suchten, hatte sich Hans Lamm längst entschieden: München war seine Heimat, und sie sollte es bleiben. Als ich ihm 1985 im Amt nachfolgte, habe ich es mir zum Ziel gemacht, diesen seinen Gedanken für alle Juden in unserer Stadt erlebbar, greifbar und schließlich real zu machen.

Ich bin sicher, dass er – und am heutigen Abend kann ich seine Anwesenheit förmlich spüren – sehr stolz auf diesen Ort blicken würde, auf unser Gemeindezentrum und die neue Münchner Hauptsynagoge im Herzen der Stadt. Denn mit ihrer Eröffnung ist es gelungen, den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt wieder eine Heimat in der Mitte der Gesellschaft zu schaffen – und ich glaube, sagen zu dürfen: auch in den Herzen der Menschen. Dies verdanken wir vielen Menschen, aber vor allem ganz besonders auch: Hans Lamm.

Ich verneige mich in Dankbarkeit und Hochachtung vor diesem großartigen Menschen und seinem Lebenswerk.

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 06.09.2026 | 24. Elul 5786

Kultur

»Nicht«. Ein Abend mit Dror Mishani

Beginn 17:00 Uhr:

Buchpräsentation und Gespräch zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur

Moderation: Richard C. Schneider (Journalist und Sachbuchautor)
Lesung: Robert Dölle (Residenztheater)
Sprachen: Englisch & Deutsch (mit einer Lesekostprobe auf Hebräisch)

Ursprünglich erwartete das IKG-Kulturzentrum den Schriftsteller Dror Mishani bereits im Juni 2025 zur Vorstellung von »Fenster ohne Aussicht. Tagebuch aus Tel Aviv«, entstanden nach dem 7. Oktober 2023. Der am 13. Juni 2025 ausgebrochene israelisch-iranische Zwölftagekrieg machte diese Einladung zunichte.
Inzwischen hat Dror Mishani einen neuen Roman vollendet mit dem Titel »Nicht«. Es geht darin um Liebe: die zwischen Mann und Frau, Lebende und Erinnerte, Künstlerin und Musik, Mensch und Tier. Kann eine Lüge eine Liebe retten? Oder gewinnt das Zerstörerische darin die Oberhand? Dror Mishani ist ein Meister der Charakterstudie und weit mehr als ein Krimiautor. Er sagt: »Ich habe angefangen, Kriminalromane zu schreiben, um die Wahrheit menschlicher Gewalt zu dokumentieren und den Versuch zu unternehmen, sie zu verstehen«.

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So. 06.09.2026 | 24. Elul 5786

Kultur

Einladung zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2026 unter dem Motto »Liebe«

Beginn 10:00 Uhr:

»An der frischen Luft«
10:00 Uhr
Rundgang am Alten Israelitischen Friedhof
an der Thalkirchner Straße mit Ellen Presser
bereits ausgebucht

Voranmeldung für weitere Führung am
So, 25. Oktober (mit Rückbestätigung) per
E-Mail unter karten@ikg-m.de (Stichwort: Ende Sommerzeit)


»Auf jüdischen Spuren durch die Münchner Altstadt«

mit Chaim Frank
11:00 Uhr
Begrenzte Teilnehmerzahl. Beitrag 10 Euro.
Voranmeldung unter karten@ikg-m.de (Stichwort: Stadtführung)
4.09. – Treffpunkt wird mit Rückbestätigung mitgeteilt.

»Die Synagoge Ohel Jakob« (Zelt Jakobs)
von vielen Seiten«
Referentin: Dinah Zenker
Vortrag mit Besichtigung, Einlass am Synagogenportal,
ohne Voranmeldung
13:00 Uhr (Einlass ab 12:30 Uhr)
15:00 Uhr (Einlass ab 14:30 Uhr)
Beitrag 5 Euro.

Bücher- und CD-Flohmarkt
12:00 – 17:00 Uhr

»Liebe geht auch durch den Magen«
Jüdische koschere Spezialitäten
im Restaurant Einstein
12:00 – 21:00 Uhr
Tischreservierung unter www.einstein-restaurant.de

Informationen unter (089) 202 400 491
www.ikg-m.de/kulturzentrum/aktuell/

Organisation: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Mi. 23.09.2026 | 12. Tischri 5787

Kultur

»Briefe an meinen Vater«. Von und mit Konrad Bernheimer

Beginn 19:00 Uhr:

Moderation: Ellen Presser

Konrad Bernheimer stellt das Schicksal seines Vaters Kurt sehr persönlich in den historischen Kontext dessen Lebenszeit: als Sohn des renommierten Kunsthändlers und Antiquitätensammlers Otto Bernheimer, als Bruder, Student der Kunstgeschichte, Emigranten in den venezolanischen Anden und Familienvater. 1954 kommt Konrad mit Mutter und zwei Schwestern zum Großvater nach München – ohne den Vater. Erst viel später erfährt Konrad Bernheimer, inzwischen selbst ein international erfolgreicher Kunsthändler, was mit seinem Vater einst geschah. Aus überlieferten Dokumenten und Familienerinnerungen entwickelt Bernheimer jr. eine Zwiesprache mit dem abwesenden Vater über Scham und Schuld, Liebe und Prägungen und die Last, die einem die Geschichte auferlegt, denn »Erinnerung bedeutet, dass etwas bleibt – auch wenn so vieles verschwunden ist«.

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