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12. März 2013

„Dieser Terror überraschte sogar die Nazis“

Am 12. März 1938, also vor genau 75 Jahren, inhalierte Adolf Hitlers NS-Regime Österreich. Der ungebremste Judenhass in Graz erstaunte sogar die deutschen Nazis, sagt der Historiker Dieter A. Binder im Interview mit der österreichischen Zeitung Kleine Zeitung, erschienen am 11.3.2013.

DIETER A. BINDER: Auch wenn verschiedene Kolleginnen und Kollegen das nicht gerne hören: Weitgehend ist der März 1938 heute historisiert und aus dem aktuellen Bewusstsein verschwunden. Da spielt sicherlich die politische Entwicklung der Republik eine Rolle, aber auch die Generationsablöse.

Eröffnet das die Chance, das damalige Geschehen weniger emotionalisiert zu diskutieren?

BINDER: Ja, ich würde das durchaus auch im positiven Sinne so sehen.

Dennoch: Während in Wien dieser Tage Symposien, Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen laufen, gibt es in Graz diesbezüglich kaum etwas. Wird die Stadt ungerne an diesen Teil ihrer Geschichte erinnert?

BINDER: Aus welchem Bewusstsein heraus die steirischen politischen Eliten erstmals seit Langem bei einem Jubiläum dieser Art keine Großveranstaltung gemacht haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es war zweifellos so, dass Graz einen wesentlichen Anteil an der innerösterreichischen Machtübernahme der Nationalsozialisten gehabt hat. Daher wurde die Stadt in der Nazizeit auch mit dem Ehrentitel „Stadt der Volkserhebung“ ausgezeichnet. Nach 1945 hat Graz diese Rolle lange Zeit stark relativiert und versucht, möglichst nichts an diese Phase erinnern zu lassen. Es ist für mich ja bezeichnend, dass man 1938 den Franzensplatz wieder in Freiheitsplatz umbenannt hat und man bei dieser Ortsbezeichnung bis heute geblieben ist, obwohl die Freiheit von 1938 wohl etwas anderes meint als eine Freiheit von 1918 oder 1945.

Graz hat die Deutschen 1938 bereits mit nationalsozialistischer Beflaggung empfangen. War der deutschnationale Boden in Graz fruchtbarer als anderswo?

BINDER: In Graz gab es seit dem Februar 1938 systematisch organisierte Demonstrationen der Nationalsozialisten. Das war wirklich der harte Kern. Im Unterschied etwa zu Salzburg, Linz oder Wien hat in Graz bei der nationalsozialistischen Machtergreifung die Universität eine führende Rolle übernommen. Ihre Angehörigen – und ich meine die Studentenschaft und das akademische Personal – waren zu mehr als zwei Dritteln nationalsozialistisch eingestellt, an der Technik waren es wohl noch mehr. 1945 gab es dort nur noch zwei Professoren, die nicht NSDAP-Mitglieder waren. Dazu kommt, dass es in Graz eine sehr stark deutschnational orientierte Sozialdemokratie gegeben hat.

Wer hatte in den Tagen um den Anschluss die steirische Bevölkerung insgesamt hinter sich?

BINDER: Ich würde offen meinen: die Nationalsozialisten. Mit dem schleichenden Staatsstreich und der Etablierung des austrofaschistischen Ständestaats Anfang der Dreißigerjahre hat die Regierung neben den Nationalsozialisten auch die Sozialdemokraten in die Illegalität gedrängt. Dieses Potenzial war von da an politisch im Wartesaal. Als die sozialdemokratische Führerschaft zurückwich, traten jüngere, aktivistische Personen in den Vordergrund, die sich hin zu den Nationalsozialisten orientierten.

Inwiefern wurde der Anschluss angesichts dessen überhaupt als Bruch empfunden?

BINDER: Das hängt von den Milieus ab. Für Leute mit harten antinationalsozialistischen Positionen, ob Kommunisten, Monarchisten oder Anhänger des Ständestaats, oder für die Juden war das natürlich die Katastrophe.

Was bedeutete sie für das rege jüdische Leben in der Steiermark unmittelbar?

BINDER: Trotz aller antijüdischer, rassistischer Maßnahmen des deutschen Regimes hat das, was sich mit dem Anschluss hier bei uns abgespielt hat, sogar die deutschen Nazis überrascht. Dieser offene Terror gegen die jüdische Bevölkerung, diese systematischen Übergriffe von Einzelpersonen – all das führte ja auch dazu, dass der Prozess der Arisierungen vom Staat sehr rasch in die Hand genommen wurde, um die vielen wilden Bereicherungen hintanzuhalten.

Diese Stimmung kam von innen und wurde nicht von den Deutschen ins Land getragen?

BINDER: Ja. Bereits in der Nacht vom 12. auf den 13. März wird der rassistische Übergriffswille sichtbar. Noch bevor Nazitruppen und Gestapo überhaupt in der Stadt sind, werden prominente jüdische Grazer Bürger verhaftet, Otto Loewi etwa. Die Leute stellen sich sofort an, um zu arisieren. Es ist eine der Geschmacklosigkeiten der Politik in diesem Land gewesen, dass einer dieser Ariseure dann in den Siebzigern langjähriger Präsident der Handelskammer war.

Wie verhielt sich der steirische Klerus in diesen Tagen?

BINDER: Bischof Pawlikowski kam als einziger Bischof für 24 Stunden in Haft, auch seine Ehrenbürgerschaft in Graz wurde gelöscht. Insgesamt ist die Kirchenführung 1938 aber an der stillen Beerdigung Österreichs mitbeteiligt. Man sah sich gefährdet und leistete keinen Widerstand. Vonseiten der kirchlichen Hierarchie ist übrigens bis heute kein wie immer geartetes Denkmal für ihre im Nationalsozialismus ermordeten Priester errichtet worden.

INTERVIEW: GÜNTER PILCH; JOHANNA BIRNBAUM, BERND HECKE
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Mirna Funk, 1981 in Ost-Berlin geboren, studierte Philosophie und arbeitet als Autorin sowie freie Journalistin u. a. für NZZ, DIE WELT und Die ZEIT. Für ihr Romandebüt »Winternähe« wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Mirna Funk lebt in Berlin und Tel Aviv.

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