Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Religion

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2. Januar 2014

Die Synagoge als mentaler Fitnessclub

Wie eine »Gebets-Erzählung« auch nichtreligiöse Juden inspirieren kann. Der Gebetsleitfaden wirkt wie spirituelles Konditionstraining. Von  Rabbiner David Suissa, erschienen auf Jüdische Allgemeine Online, 2.1.2014.

Wenn die Ausübung des Judentums auf dem Besuch der Synagoge basiert und der Besuch der Synagoge auf dem passiven Aufsagen der Gebete, dann hat das Judentum ein Problem. Das Ritual des eintönigen gemeinsamen Betens hat vielleicht im osteuropäischen Schtetl geholfen, die Juden bei der Stange zu halten, im heutigen Amerika aber funktioniert es nicht mehr.

Vielen Juden – insbesondere nichtreligiösen – erscheint der Akt des Betens an sich seltsam. Wofür bete ich? Schuldet mir Gott mehr als das, was ich bereits habe und als selbstverständlich ansehe? Und wenn ich für etwas bete, um Gesundheit zum Beispiel, wäre es nicht besser, ich ginge ins Fitnessstudio und achtete auf meine Ernährung?

Es könnte wirklich sein, dass Beten das größte Problem für die Annahme des Judentums darstellt. Warum müssen die Menschen ihre Zeit mit etwas verplempern, was sie im Grunde gar nicht verstehen und von dem sie nicht glauben, dass es ihnen nutzt? Die Synagogengemeinden spüren diese Vorbehalte sehr wohl. Das ist einer der Gründe dafür, warum sie den Wert der Gemeinschaft so sehr betonen. Mitglied einer Synagoge zu werden, bedeutet, einer erweiterten »Familie« anzugehören, die ein Unterstützungs- und Freundschaftsnetzwerk bietet, rabbinischen Beistand bei Geburt, Hochzeit und Todesfall, Privilegien (wie etwa feste Plätze) an den Hohen Feiertagen, Sonderkurse, Programme und vieles mehr.

Modell

Synagogen sind für ihr Überleben auf Mitgliedsgebühren angewiesen. Dieses traditionelle Synagogenmodell wird so bald nicht verschwinden, kann so bald nicht verschwinden. Aber wenn die jüdische Welt einen Durchbruch sucht in ihrem Bemühen, all jene Juden zurückzugewinnen, die sich nicht zugehörig fühlen, die dem Judentum gleichgültig gegenüberstehen oder desillusioniert sind, wäre sie gut beraten, dieses alte Modell unter die Lupe zu nehmen und mit einer Reihe sinnvoller Upgrades zu experimentieren.

Ein guter Ausgangspunkt wäre, das Gebet neu zu definieren, sodass es auf seinen eigenen Füßen stehen kann. Überall in den USA wurde in den Synagogen bereits vielversprechende Arbeit auf diesem Gebiet geleistet. Ein gutes Beispiel sind spirituelle Gemeinschaften wie IKAR, Nashuva und die Carlebach-Minjans, die beinahe wie Stammesrituale anmutende Gebetsgottesdienste anbieten, mit mitreißenden Melodien und gemeinsamem Sprechgesang.

Doch eine andere Gebetsmethode, die meiner Meinung nach nicht genügend beachtet wird und mir besonders vielversprechend scheint, ist die Idee einer »Gebets-Erzählung«. Diese Methode ist ein eher introspektiver Ansatz, durch den der Gottesdienst zu einer persönlichen spirituellen Reise wird, bei der der Betende von Anfang bis Ende eine tiefe Verbundenheit zu den Gebeten fühlt.

Ich erörterte diese Idee letztes Jahr mit meinem Freund Rabbi Yoel Glick, einem spirituellen Lehrer, der in Südfrankreich lebt und eine Website mit dem Namen »Daat Elyon« betreibt. Er war fasziniert von der Herangehensweise und schrieb eine »siebenstufige geistige Reise« für den Gottesdienst am Schabbatmorgen. Dieser siebenstufige Führer verändert keines der eigentlichen Gebete, sondern rahmt sie auf eine Weise, die ihnen eine tiefe persönliche Bedeutung verleiht.

Stufen

Jeder Gebetsabschnitt öffnet ein Thema, an das der darauffolgende Abschnitt anknüpft. Die ersten drei Abschnitte führen zum Höhepunkt, dem Schema Israel, während die letzten drei Abschnitte die Auflösung bilden. Glick thematisiert die sieben Stufen wie folgt: »Bewusstsein«, »Dankbarkeit und Anerkennung«, »Erkenntnis Gottes und des Guten«, »Bejahung – Licht und Liebe«, »Gemeinschaft«, »Kontemplation« und am Schluss »Tikkun Olam und Einssein«.

Für jedes Thema führt er spirituelle Einsichten auf, die man beim Beten mitbetrachtet. In der ersten Phase zum Beispiel (»Bewusstsein«) meditiert man über »eine Reihe von Segnungen, durch die wir uns des außerordentlichen Segens bewusst werden, ein leben- der, atmender und ichbewusster Mensch zu sein«. Die Reise erfordert Mühe und Konzentration, doch das Ziel ist, sich am Ende des Gottesdienstes geistig lebendiger und sowohl dem Glauben als auch seinem eigenen einzigartigen Lebenszweck enger verbunden zu fühlen.

Der Gebetsleitfaden wirkt wie spirituelles Konditionstraining. Genauso wie ein persönlicher Trainer dazu anleitet, verschiedene Teile des Körpers zu trainieren, leitet Glick dazu an, verschiedene Teile der eigenen Seele und des eigenen Menschseins zu trainieren.

Verbesserung

Schwer vorstellbar, dass dieser persönliche und introspektive Ansatz – den jeder in jeder Art von Gebetsgottesdienst anwenden kann – keine Verbesserung darstellt gegenüber dem passiven Aufsagen von undurchsichtigen Gebeten, die viele von uns überhaupt nicht verstehen. Das Beste für mich aber ist die Tatsache, dass Glick eine sinnvolle Antwort auf die Frage bietet, die das moderne Judentum dringend beantworten muss: »Was kann mir das Judentum geben?«

Diese Frage soll keine Beleidigung sein. So sieht die Realität nun einmal aus – in der heutigen Welt wird das Judentum nur dann erfolgreich sein, wenn es etwas Reales und Sinnvolles zu bieten hat. Das Beten neu zu definieren, damit es persönlicher und sinnvoller wird, ist ein wichtiger Baustein, wenn wir die Millionen von Juden gewinnen wollen, die am Samstagmorgen überall sein wollen, bloß nicht in einem Gebetshaus.

An den Hohen Feiertagen pilgern jedes Jahr Massen von Juden zur Synagoge. Unsere spirituellen Führer sollten anfangen, über eigene Methoden nachzudenken, wie sie ihrem Gottesdienst mehr Bedeutung verleihen können. Es ist umso wahrscheinlicher, dass all diese Menschen auch an gewöhnlichen Schabbatot wiederkommen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie etwas erleben, was ihr Leben im spiritueller Hinsicht verbessert – und auch in anderen Bereichen.

Ich sehe es so: Wenn die Leute aus dem Fitnessklub kommen und sich großartig fühlen, wieso können sie sich nicht genauso fühlen, wenn sie aus einem Gottesdienst kommen? Ist Gott nicht mächtiger als ein Fitnessklub?

David Suissa ist Präsident von TRIBE Media Corp./Jewish Journal. Übersetzung und Abdruck in der Jüdischen Allgemeinen mit freundlicher Genehmigung des Autors. davids@jewishjournal.com.

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Aktuelle Veranstaltungen


So. 06.09.2026 | 24. Elul 5786

Kultur

»Nicht«. Ein Abend mit Dror Mishani

Beginn 17:00 Uhr:

Buchpräsentation und Gespräch zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur

Moderation: Richard C. Schneider (Journalist und Sachbuchautor)
Lesung: Robert Dölle (Residenztheater)
Sprachen: Englisch & Deutsch (mit einer Lesekostprobe auf Hebräisch)

Ursprünglich erwartete das IKG-Kulturzentrum den Schriftsteller Dror Mishani bereits im Juni 2025 zur Vorstellung von »Fenster ohne Aussicht. Tagebuch aus Tel Aviv«, entstanden nach dem 7. Oktober 2023. Der am 13. Juni 2025 ausgebrochene israelisch-iranische Zwölftagekrieg machte diese Einladung zunichte.
Inzwischen hat Dror Mishani einen neuen Roman vollendet mit dem Titel »Nicht«. Es geht darin um Liebe: die zwischen Mann und Frau, Lebende und Erinnerte, Künstlerin und Musik, Mensch und Tier. Kann eine Lüge eine Liebe retten? Oder gewinnt das Zerstörerische darin die Oberhand? Dror Mishani ist ein Meister der Charakterstudie und weit mehr als ein Krimiautor. Er sagt: »Ich habe angefangen, Kriminalromane zu schreiben, um die Wahrheit menschlicher Gewalt zu dokumentieren und den Versuch zu unternehmen, sie zu verstehen«.

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So. 06.09.2026 | 24. Elul 5786

Kultur

Einladung zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur 2026 unter dem Motto »Liebe«

Beginn 10:00 Uhr:

»An der frischen Luft«
10:00 Uhr
Rundgang am Alten Israelitischen Friedhof
an der Thalkirchner Straße mit Ellen Presser
bereits ausgebucht

Voranmeldung für weitere Führung am
So, 25. Oktober (mit Rückbestätigung) per
E-Mail unter karten@ikg-m.de (Stichwort: Ende Sommerzeit)


»Auf jüdischen Spuren durch die Münchner Altstadt«

mit Chaim Frank
11:00 Uhr
Begrenzte Teilnehmerzahl. Beitrag 10 Euro.
Voranmeldung unter karten@ikg-m.de (Stichwort: Stadtführung)
4.09. – Treffpunkt wird mit Rückbestätigung mitgeteilt.

»Die Synagoge Ohel Jakob« (Zelt Jakobs)
von vielen Seiten«
Referentin: Dinah Zenker
Vortrag mit Besichtigung, Einlass am Synagogenportal,
ohne Voranmeldung
13:00 Uhr (Einlass ab 12:30 Uhr)
15:00 Uhr (Einlass ab 14:30 Uhr)
Beitrag 5 Euro.

Bücher- und CD-Flohmarkt
12:00 – 17:00 Uhr

»Liebe geht auch durch den Magen«
Jüdische koschere Spezialitäten
im Restaurant Einstein
12:00 – 21:00 Uhr
Tischreservierung unter www.einstein-restaurant.de

Informationen unter (089) 202 400 491
www.ikg-m.de/kulturzentrum/aktuell/

Organisation: Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Mi. 23.09.2026 | 12. Tischri 5787

Kultur

»Briefe an meinen Vater«. Von und mit Konrad Bernheimer

Beginn 19:00 Uhr:

Moderation: Ellen Presser

Konrad Bernheimer stellt das Schicksal seines Vaters Kurt sehr persönlich in den historischen Kontext dessen Lebenszeit: als Sohn des renommierten Kunsthändlers und Antiquitätensammlers Otto Bernheimer, als Bruder, Student der Kunstgeschichte, Emigranten in den venezolanischen Anden und Familienvater. 1954 kommt Konrad mit Mutter und zwei Schwestern zum Großvater nach München – ohne den Vater. Erst viel später erfährt Konrad Bernheimer, inzwischen selbst ein international erfolgreicher Kunsthändler, was mit seinem Vater einst geschah. Aus überlieferten Dokumenten und Familienerinnerungen entwickelt Bernheimer jr. eine Zwiesprache mit dem abwesenden Vater über Scham und Schuld, Liebe und Prägungen und die Last, die einem die Geschichte auferlegt, denn »Erinnerung bedeutet, dass etwas bleibt – auch wenn so vieles verschwunden ist«.

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