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15. März 2018

Child Survivors: Das fünfte Mädchen

73 Jahre nach der Schoa trafen sich zwei Frauen aus derselben Stadt zufällig wieder. Von Katrin Diehl, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 15. März 2018. »Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte?«, fragt Ruth Melcer und erwartet keine Antwort. Es ist ein kleines Glück passiert.

Oder sagen wir, es hat eine äußerst überraschende Begegnung stattgefunden. Ruth Melcer ist 82 Jahre alt und seit »ewigen Zeiten« zu Hause in München, wo sie ein »gastfreundliches Haus führt«, wie es in ihrem jüdischen Kochbuch von 2015 heißt, das »wunderbare Rezepte« entlang ihrer Biografie vorstellt.

Lebte vor der Schoa in Tomaszów Mazowiecki südlich von Lodz: Ruth Melcer, Kochbuchautorin aus München © Christian Rudnik

Lebte vor der Schoa in Tomaszów Mazowiecki südlich von Lodz: Ruth Melcer, Kochbuchautorin aus München © Christian Rudnik

 

Ruth Melcer besitzt die Gabe, sachlich zu bleiben. Zu große Wellen, welcher Art auch immer, wehrt sie mit einer lässigen Handbewegung ab. Bringt sie damit auf die angemessene Größe.

Ihre analytische Urteilskraft ist ihr nicht zu nehmen, auch nicht von dieser »unglaublichen Geschichte«. Manchmal, sagt Ruth Melcer, »war das schon emotional«, wie zum Beispiel, als ihre Freundinnen hier zusammen mit ihr auf dem Sofa im hellen Wohnzimmer Platz genommen hatten und sie die ganze Geschichte noch einmal genau erzählen musste.

»Da saßen wir dann alle einfach nebeneinander und haben geheult.« Was das wirklich bedeutet, wenn sie sagt »Das war schon emotional«, weiß keiner. Am Ende existieren für sie klare Prioritäten. Dabei lenkt sie den Blick gerne etwas weg von der eigenen Person. »Zunächst einmal ist es mir wichtig, dass auf diese Organisation aufmerksam gemacht wird.«

Skopusberg

»Diese Organisation«, das ist die »World Federation of Jewish Child Survivors of the Holocaust and Descendants« mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Die Vereinigung richtet ihr Augenmerk auf Juden, die den Holocaust als Kinder überlebt haben, lädt sie einmal im Jahr zu einer internationalen Konferenz ein, meistens irgendwo in den USA, aber auch Berlin war zum 25. Jubiläum an die Reihe gekommen, und im vergangenen November dann schließlich Jerusalem.

»Das war schon etwas Besonderes«, sagt Ruth Melcer. Das habe nicht so einen Eventcharakter gehabt wie sonst, sei aber auch nicht so rein akademisch »und ein bisschen kalt« gewesen, wie vor drei Jahren in Berlin, »sondern klug und emotional zugleich«. Etwa 125 Überlebende sind ins Dan Hotel gekommen, wunderbar gelegen an einer Anhöhe des Skopusbergs, um die 150 Familienangehörige der »Second Generation«, ungefähr 35 der »Third Generation«.

Am letzten Tag hat sich Ruth Melcer zusammen mit Freundinnen, die eine aus den USA, die andere aus Tel Aviv, für ein Seminar in hebräischer Sprache entschieden, »wo ich doch in Deutschland kaum Möglichkeiten habe, mit dieser Sprache in Berührung zu kommen«. Gesprochen wurde über das Schicksal der Kinder, die nach dem Krieg keine Eltern mehr hatten, also wirklich ganz alleine dastanden. Sehr emotional sei das gewesen, sagt Ruth Melcer, »wirklich sehr emotional«.

Tova

Etwa 15 Leute saßen in der Runde, erinnert sie sich, vor allem Damen, und dann sollte sich jeder erst einmal kurz vorstellen. Wie das eben so läuft. Irgendwann kam eine »wirklich vitale« Tova an die Reihe, eine gewisse Tova Friedman aus New York. Sie erzählte, dass sie Auschwitz überlebt hat, dass sie dort, gerade einmal fünf Jahre alt, zusammen mit ihrer Mutter befreit worden war. Ruth Melcer horcht auf.

Am Abend trifft sie Tova am Buffet wieder. Sie spricht sie an. »Du wurdest in Auschwitz befreit?« »Ja.« »Ich auch. Und wo genau wurdest du befreit?« »Im Zigeunerlager.« »Ich auch. Und wo kommst du ursprünglich her?« »Aus Tomaszów Mazowiecki.« »Ich auch!« Stille. »Dann bist du«, ruft Tova Friedman aufgeregt, »dann bist du das fünfte Mädchen, nach dem ich so lange gesucht habe!«

In der polnischen Stadt Tomaszów Mazowiecki, die bekannt war für ihre Textilindustrie und die etwa 55 Kilometer südwestlich von Lódz gelegen ist, lebten vor dem Zweiten Weltkrieg etwa 13.000 Juden, davon waren ungefähr 5000 Kinder. Nach 1945 sind es gerade einmal etwa 200 Überlebende gewesen, die nach Tomaszów Mazowiecki zurückgekehrt sind, in der Hoffnung, dort auf vermisste Familienangehörige zu stoßen, unter ihnen fünf Kinder, fünf Mädchen. Eines mit Namen Ruth, damals noch Ryta, Ryta Cukierman.

Tova Friedman hat sich später, als sie in den USA lebte, auf die Suche nach den Mädchen von damals gemacht. Und sie hat sie gefunden, Rachel Hyams, die in Kanada lebte und sich 2008 das Leben genommen hat; Renia Chernoff, die 2016 in Brooklyn gestorben ist; Frieda Tenenbaum aus Boston und jetzt endlich auch Ruth Melcer aus München. Das sind sie, die »five girls«, die fünf Mädchen aus Tomaszów.

Pogrom

Seither habe sie Tova schon ein paar E-Mails geschickt, sagt Ruth Melcer, aber noch keine Antwort darauf erhalten. Einmal haben sie telefoniert. Weil es da schon noch einiges gibt, was sie genauer wissen möchte. Zumal Tova damals viel länger als sie in Tomaszów geblieben ist.

»Nach dem Pogrom von Kielce im Juli 1946 mit ungefähr 40 jüdischen Todesopfern sind wir schnell weggegangen aus Polen«, sagt Ruth Melcer. Vor drei Jahren ist sie dann doch noch einmal zurückgekehrt in die Stadt, aus der sie ursprünglich kommt, zusammen mit ihrer Großfamilie in einem Bus. Sie haben sich einiges angesehen. Vieles war kaum wiederzuerkennen. Und dann hat eine Historikerin, die recherchiert hatte, Ruth Melcer eine Stelle im Wald bei Blizyn gezeigt.

In Blizyn, etwa 100 Kilometer von Tomaszów entfernt, hat sich damals ein Arbeitslager befunden, in das vor der Deportation nach Auschwitz »der Rest der Familie« gekommen ist.

»Hier könnte es gewesen sein«, hat die Historikerin gesagt, hier könnte 1943 Ruth Melcers kleiner Bruder Mirek im Alter von sechs Jahren ermordet worden sein.

Ruth Melcer will keine großen Bilder von sich in der Zeitung sehen. »Was soll denn das?« Lieber will sie davon erzählen, dass sie bei jenem wichtigen Treffen in Jerusalem ganz überraschend eine Batmizwa-Feier bekommen hat. »Wir alten Herrschaften sind samt Rollatoren und Rollstühlen mit dem Bus ganz nahe an die Kotel gefahren, um einem 85-Jährigen, der seine Barmizwa nachholen wollte, Gesellschaft zu leisten. Da sind natürlich dann auch einige Tränen geflossen. Und dann kam auch gleich die Frage an uns Frauen, wer noch keine Batmizwa gehabt hatte, und also wurde auch das nachgeholt.«

Irrtum

Ruth Melcer war schwer beeindruckt von dem Klagemauer-Tunnel, wie schön alles dort extra für sie vorbereitet worden war, gutes Essen stand bereit, »auch wenn daran gerade keiner denken konnte«. Und dann sagt sie ganz unvermittelt: »Nein, da hat Tova wirklich nicht recht, da hat sie sich total geirrt, es waren da nicht nur wir fünf Mädchen, da war auch noch ein Junge, ein hübscher Junge.«

Er habe in einem Bunker überlebt, habe nach dem Krieg kaum gerade gehen können. »Er ist, glaube ich, Professor geworden in Amerika.« An seinen Namen erinnert sich Ruth Melcer leider nicht mehr. Doch die Geschichte jedenfalls ist aus ihrer Sicht noch lange nicht zu Ende.

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Aktuelle Veranstaltungen


Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787

Kultur

Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen

Beginn 20:30 Uhr:

Beitrag der IKG München und Oberbayern

Auf einen Blick:

Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser

Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)

Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.

Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska

Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.

Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.

Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de

So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787

Kultur

»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre

Beginn 17:00 Uhr:

Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens

Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.

Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de

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Mi. 21.10.2026 | 10. Cheschwan 5787

Kultur

Filmvorführung „Noga“

Beginn 19:00

Filmvorführung
Mittwoch, 21. Oktober 2026, 19 Uhr

Ein Film von Jono & Benji Bergmann mit Noga Erez und Ori Rousso
Produktion: Babka Film in Koproduktion u.a. mit Sperl Film + Fernsehproduktion
Österreich/ Deutschland/ Israel 2026, 96 Min.
Originalsprache: Hebräisch, Englisch, mit deutschen Untertiteln

Die israelische Musikerin Noga Erez ist mit ihrem kreativen Partner und Lebensgefährten Ori Rousso auf dem Weg zum internationalen Durchbruch. Zwischen ausverkauften Konzertsälen mit provokanten Hits wie »End of the Road«, politischer Zuspitzung und persönlichen Spannungen, kämpft sie darum, weiterhin gehört, vor allem aber verstanden zu werden – in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Weiterlesen »

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