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1. Februar 2018
Meinung | »›Nie wieder‹ reicht nicht«
Nur sie konnten und können das Unbegreifliche am einzelnen Schicksal, am eigenen Schicksal, mit dem Gewicht der Erfahrung annähernd zur Sprache bringen. Das wird unwiederbringlich verloren gehen und eine Lücke hinterlassen, die durch nichts und niemanden zu füllen ist.
Das stellt die Generation der Nachgeborenen, die Erkenntnisgeneration, vor die gewaltige Aufgabe, unsere gewachsene Kultur des Gedenkens und der Erinnerung an das singuläre Menschheitsverbrechen klug und nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Heutigen müssen die Botschaft der Überlebenden beherzigen und bewahren und sich ihrer Verantwortung bewusst sein – im Gedenken an die Opfer und in der Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft.
Bewusstsein
Auf politischer Ebene wird die Bundesrepublik Deutschland ihrer besonderen erinnerungskulturellen Verantwortung gerecht. Das kommt nicht nur in den auf vielen verschiedenen Ebenen institutionalisierten und wichtigen Ritualen des Gedenkens zum Ausdruck, sondern spiegelt sich etwa auch in dem jüngsten Bundestagsbeschluss »Antisemitismus entschlossen bekämpfen«, der die besondere Verantwortung Deutschlands betont. Dennoch belegen sowohl die gesellschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit als auch mehrere Untersuchungen, dass das Geschichtsbewusstsein hierzulande nicht in ausreichendem Maße ausgebildet wird.
Anders kann ich es mir nicht erklären, dass eine sich offen rechtsradikal und rassistisch gerierende, völkisch-nationalistische Kraft, die geschichtsklitternde Antisemiten und Leugner des Holocaust in ihren Reihen nicht nur duldet, sondern hält, zur drittstärksten Partei in unserem Land werden konnte. Ihre Zustimmung zum oben erwähnten Bundestagsbeschluss ist nichts als Augenwischerei und der schäbige Versuch, die berechtigten Ängste der jüdischen Gemeinschaft für die eigene rassistische Islamfeindlichkeit zu instrumentalisieren.
Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Antisemitismus hierzulande wieder ein Ausmaß angenommen hat, das die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland ernsthaft gefährdet. Das Phänomen breitet sich seit Jahren im rechtsextremen ebenso wie im linken Spektrum aus und ist auch in der Mitte der Gesellschaft tief verwurzelt. Hinzu kommt der regelrechte Judenhass, der unter hier lebenden Muslimen herrscht und aus dem arabischen und muslimischen Ausland bestärkt wird. Der Blick nach Schweden oder Frankreich zeigt uns eine Unheil verkündende Warnung.
Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Umfragen zufolge knapp die Hälfte der Schüler ab 14 Jahren nicht weiß, wofür der Begriff »Auschwitz-Birkenau« steht. 81 Prozent der Deutschen geben an, die Geschichte der Judenverfolgung »hinter sich lassen« zu wollen.
Missstände
Die Gleichgültigkeit in nennenswerten Teilen der Bevölkerung angesichts dieser Missstände und Fehlentwicklungen treibt mich um. Über viele Jahre glaubte ich, eine stete Verbesserung zu beobachten. Sogar eine »Normalität« im jüdisch-nichtjüdischen Miteinander schien in greifbare Nähe zu rücken. Derzeit ist sie wieder in weiter Ferne. Die Gleichgültigkeit war in den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts verheerend. Unsere demokratischen Gesellschaften dürfen sie sich in keiner Weise erlauben.
Gedenken und Erinnern dürfen niemals nur Selbstzweck sein, leere Symbolik, bloße Routine. Erinnern muss Erkenntnisse zutage fördern und konkrete Denk- und Handlungsprämissen zur Folge haben – alles andere ist nutzlos. Unsere freiheitliche, als eine wehrhafte konstituierte Demokratie basiert auf den Lehren aus der Geschichte.
Die Verantwortlichen in Politik und vielen Bereichen der Gesellschaft haben das verinnerlicht. Aber in weiten Teilen der Gesellschaft ist das Bewusstsein für die aus der Vergangenheit resultierende Verantwortung nicht mehr vorhanden – oder sie wird schlicht abgelehnt.
Integration
Aus diesem Grund fordere ich eine gründliche Evaluierung der bestehen den Lehrpläne, eine gründliche Evaluierung der erinnerungskulturellen Maßnahmen, der Module in der politischen Bildung und nicht zuletzt der Integrationskurse. Denn jeder, der in Deutschland lebt, muss wissen, dass er in einem Land mit besonderer Vergangenheit lebt und in einer besonderen Verantwortung steht. Das gilt gleichermaßen für Einheimische wie diejenigen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind und in Deutschland eine Heimat finden wollen.
Nachhaltiges, kluges Erinnern schlägt eine Brücke in die Gegenwart und geht zudem mit Erkenntnissen einher, mit klaren Grundsätzen für unser Denken und Handeln im Heute. Wer sich nicht erinnern will, wer nicht bereit ist, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, läuft Gefahr, die Fehler von einst zu wiederholen – mit aller zerstörerischen Wirkung für Menschenleben, Freiheit und Demokratie.
Die Autorin des Meinungsbeitrags ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.
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Aktuelle Veranstaltungen
Mi. 07.10.2026 | 26. Tischri 5787
Kultur
»Sie kamen, um uns zu töten. Mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« – Ein Abend mit Dafna Gerstner
Beginn 19:00Buchpräsentation & Gespräch mit der Autorin
Mittwoch, 7. Oktober 2026, 19 Uhr
Lesung: Ulla Wagener
Moderation: Richard Volkmann
Dafna Gerstner stammt aus Israel und lebt seit 2011 in Deutschland. 2023 wurde sie Zeugin des brutalen Massakers der Hamas vom 7. Oktober im Kibbuz Be’eri. Wie durch ein Wunder überlebte sie in einem nicht abschließbaren Schutzraum in der Wohnung ihres Bruders Eitan. Dreißig Menschen von dort, darunter Kleinkinder, wurden nach Gaza verschleppt – nicht alle haben die Geiselhaft überlebt. Es starben insgesamt 102 aus dem Kibbuz Be‘eri, darunter auch Dafnas Bruder Eitan, der als Mitglied der Bereitschaftseinheit das Leben zahlreicher Kibbuz-Mitglieder rettete im für ihn tödlichen Kampf gegen die Terroristen.
In ihrem Buch erzählt die Überlebende Dafna Gerstner vom Leben im Kibbuz vor und nach dem Massaker, aber auch davon, was es heißt zu überleben. Sie berichtet von den traumatischen Folgen des Terrorangriffs – sowohl für sie persönlich als auch für die israelische Gesellschaft. Doch auch die Spaltung der deutschen Gesellschaft hat ihr Leben als Jüdin in Deutschland verändert.
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
