Nachrichten
« Zurück
16. November 2017
Gedenken am 9. November: „Jeder hatte einen Namen“
Prominente Münchner würdigten ermordete Künstler mit einer Lesung am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 16.11.2017. Es war eine jener unsäglichen Hetzreden, die Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels am 9. November 1938 im Saal des Alten Rathauses hielt. Die unmittelbare Folge waren die Novemberpogrome, der Beginn des Holocaust, die Entrechtung, Deportation und Ermordung der Juden. 79 Jahre später, am vergangenen Donnerstag, gedachte München an dem historischen Ort den Opfern des Wahnsinns.
- Setzte gemeinsam mit vielen anderen Münchnern ein beeindruckendes Zeichen der Erinnerung: Regisseurin Caroline Link © Marina Maisel
- eteiligte sich ebenfalls an der Namenslesung: Regisseurin Doris Dörrie © Marina Maisel
- Ungewohnt ernst: die Kabarettistin Luise Kinseher © Marina Maisel
- Für ihn war die Teilnahme an der Gedenkstunde eine Herzensangelegenheit: Mario Adorf © Marina Maisel
- Durch das Verlesen aller Namen soll die Erinnerung wachgehalten werden, sagte der Regisseur Michael Verhoeven © Marina Maisel
- Für die offene Gesellschaft, gegen jeden Antisemitismus: die Schauspielerin Sunnyi Melles © Marina Maisel
Die öffentliche Namenslesung zuvor am Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße war in diesem Jahr den Künstlern gewidmet, die in München gelebt hatten und der Verfolgung durch die Nazis zum Opfer fielen. Diesem Dienst der Erinnerung stellten sich Kulturreferent Hans-Georg Küppers, Petra Reiter, die Gattin des Oberbürgermeisters, und die Kabarettistin Luise Kinseher.
Zeichen
Mit ihrer Beteiligung an der Namenslesung setzten auch viele prominente Münchner ein sichtbares Zeichen: Mario Adorf, Volker Banfield, Dieter Borchmeyer, Nikolaus Brass, Sibylle Canonica, Dieter Dorn, Doris Dörrie, Dietrich Fink, Jens Malte Fischer, Christian Gerhaher, Peter Michael Hamel, Peter Hamm, Gert Heidenreich, Franz Hitzler, Stefan Hunstein, Caroline Link, Andreas Meck, Waltraud Meier, Thomas Meinecke, Sunnyi Melles, Albert Ostermaier, Georg M. Oswald, Hans Pleschinski, Bettina Reitz, Tobias Schneid, Michael Semff, Bernhard Sinkel, Kerstin Specht, Michael Verhoeven, Anne Sofie von Otter und Armin Zweite.
Die zentrale Gedenkfeier fand am Abend im Alten Rathaus statt. Während der in wenigen Monaten aus dem Amt scheidende Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums, Winfried Nerdinger, zum Thema »Bedeutung und Formen der Erinnerung« referierte, gingen Oberbürgermeister Dieter Reiter und IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch auch auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation ein, insbesondere auf das Erstarken der rechtsradikalen Kräfte in Deutschland und die Zunahme von Antisemitismus aus unterschiedlichen Richtungen und auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Dieter Reiter, Charlotte Knobloch und Winfried Nerdinger bei der Gedenkstunde im Alten Rathaus (v.l.) © Marina Maisel
Oberbürgermeister Dieter Reiter erinnerte zunächst daran, dass damals während der Novemberpogrome Proteste seitens der nichtjüdischen Bevölkerung so gut wie ausgeblieben seien. »Die meisten haben einfach zugeschaut, bisweilen in die Hetzgesänge der Ausführenden mit eingestimmt oder sich im schlimmsten Fall sogar aktiv an den Zerstörungen und Brandschatzungen beteiligt«, sagte Reiter. Seinen Worten zufolge gilt dies auch für die damalige Münchner Stadtverwaltung als »willfährigen Handlanger und eigenständigen Akteur«. Auch daraus wachse die dauerhafte Verpflichtung gegenüber den Opfern, das viel beschworene »Nie wieder!« zum Maßstab praktischen Handelns zu machen.
»Israelkritik«
Ebenso wie Oberbürgermeister Reiter äußerte auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch ihre große Besorgnis über den anwachsenden Antisemitismus, der im Zuge der rechtspopulistischen und rechtsextremen Renaissance wuchere. Den Einzug der AfD in den Bundestag bezeichnete sie in diesem Zusammenhang als »eine Zäsur«. Darüber hinaus gebe es aber auch in Teilen des linken politischen Spektrums antisemitische Motive, die unter dem Schlagwort »Israelkritik« verbreitet und verfestigt oder als Imperialismus- und Kapitalismuskritik getarnt würden. Hinzu komme weiterhin der Judenhass unter vielen Muslimen.
Nach Überzeugung von Charlotte Knobloch gebe es für die, die offenen und verdeckten Antisemitismus verurteilen würden, auch keine Alternative, als klar gegen die antisemitische Kampagne »Boycott, Divestment and Sanctions« (BDS) Stellung zu beziehen. Sie brachte dabei auch ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass der von der CSU und der SPD getragene Vorstoß »Gegen jeden Antisemitismus – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung« eine breite Zustimmung im Stadtrat finden und damit ein bundesweites Zeichen gesetzt werde.
»Dieser Antrag«, sagte Charlotte Knobloch, »ist von größter Wichtigkeit.« Sie appellierte in diesem Zusammenhang an die Wachsamkeit der Bürger und erklärte: »Unsere Demokratie darf nicht ihre innere Kraft verlieren. Sie lebt von Zivilcourage und der Unterstützung jeder einzelnen Bürgerin, jedes einzelnen Bürgers. Lassen Sie uns keine Zeit verlieren.«
Erinnerungskultur
Winfried Nerdinger, Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums, erinnerte in seinem Vortrag an die jahrelange Verdrängung der NS-Zeit in der jungen Bundesrepublik. Erst die Nachfolgegeneration habe das Schweigen mit einer intensiven Erinnerungskultur durchbrochen. Er warnte in seiner Rede indes davor, die Emotionalisierung und Inszenierung beim Umgang mit dem Nationalsozialismus in den Fokus zu stellen, um der Wahrheit näherzurücken.
»Lernen sollte man aus der rationalen, kritisch distanzierten Auseinandersetzung mit den Tätern«, erklärte Nerdinger. Den aktuell wiedererwachenden Nationalismus betrachte er als die größte Gefahr für die »Wiederkehr der Barbarei«. Deshalb, so seine Schlussfolgerung, seien Orte wie das NS-Dokumentationszentrum auch so wichtig.
VeranstaltungenÜberblick »
Juni 2026 | Ijar-Siwan
- So
- Mo
- Di
- Mi
- Do
- Fr
- Sa
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
- 6
- 7
- 8
- 9
- 10
- 11
- 12
- 13
- 14
- 15
- 16
- 17
- 18
- 19
- 20
- 21
- 22
- 23
- 24
- 25
- 26
- 27
- 28
- 29
- 30
Aktuelle Veranstaltungen
Di. 09.06.2026 | 24. Siwan 5786
Kultur
„Vier Tage im Juni. Eine nahöstliche Tetralogie. Mossul – Tel Aviv – Babel – Istanbul“ mit Mona Yahia
Beginn 19:00Lesung und Gespräch
Dienstag, 9. Juni 2026, 19 Uhr
In ihrem Roman »Vier Tage. Eine nahöstliche Tetralogie« erzählt Mona Yahia die Geschichte einer jüdischen Familie zwischen Mossul, Tel Aviv, Babel und Istanbul. Ausgehend von einem Wendepunkt im Jahr 1918 entfaltet sich über vier Generationen hinweg ein vielschichtiges Panorama von Aufbruch, Verlust und Exil. In eindringlichen Momentaufnahmen – jeweils verdichtet auf einen einzigen Tag – verknüpft die Autorin persönliche Schicksale mit den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts und stellt die Frage nach Zugehörigkeit, Erinnerung und dem eigenen Platz in der Welt. Weiterlesen »
Mo. 15.06.2026 | 30. Siwan 5786
Kultur
Buchvorstellung mit Tuvia Tenenbom: „Wie nennt Ihr dieses Land hier? Unter Siedlern“
Beginn 19:00Buchpräsentation und Gespräch
Mit Fotos von Isi Tenenbom
Montag, 15. Juni 2026, 19 Uhr
Nach seinen Expeditionen »Allein unter Deutschen«, war er allein unter Juden, Amerikanern, Flüchtlingen und orthodoxen Juden. Inzwischen verbrachte Tenenbom acht Monate im Westjordanland unter Siedlern und sprach mit allen: religiösen Zionisten, politisch engagierten Siedlern, antizionistischen Charedim, mit Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen dort leben, mit Aktivisten, Journalisten, Politikern und Palästinensern.
Je mehr Gespräche er führte, desto deutlicher wurde: Ein einheitliches Bild lässt sich angesichts dieser komplexen Gemengelage nicht zeichnen. Gewalt verschweigt er nicht: »Ich gebe niemandem einen ›Rabatt‹. Ich weise nur darauf hin, dass dies ein kleiner Teil einer äußerst komplexen Geschichte ist – einer Geschichte mit vielen Schichten.« Weiterlesen »
Mi. 17.06.2026 | 2. Tamusz 5786
Kultur
Scholem-Alejchem-Vortrag: „ביכער פֿאַר אַלע“ – „Bücher für alle – populäre jiddische Literatur in Osteuropa, 1860 – 1914“
Beginn 18:15Scholem-Alejchem-Vortrag in ondenk fun Evita Wiecki s“l
Mittwoch, 17. Juni 2026, 18:15 Uhr
Vortrag in jiddischer Sprache
- Begrüßung: Prof. Dr. Martina Niedhammer
- Einführung: Dr. Dasha Vakhrushova
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der jiddische Buchmarkt in Osteuropa neben traditionell-religiöser chassidischer Literatur immer mehr auch von weltlichen Publikationen geprägt. Diese neuen Texte richteten sich an ein breiteres jiddischsprachiges Lesepublikum, das tatsächlich großes Interesse an den neuen Formen und Inhalten zeigte. In dieser Zeit erschienen auch die ersten jiddischen Zeitungen, ein erschwingliches und leicht zugängliches Mittel der Verbreitung allgemeinen Wissens und aufklärerischer Ideen. Allmählich wurden diese Zeitungen zu einer wichtigen Bühne für literarische Werke unterschiedlichster Qualität. Der Vortrag möchte die große Bandbreite jiddischer Publikationen aufzeigen, zu denen jiddische Leser von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Zugang hatten, und stellt eine repräsentative Auswahl dieser Werke vor. Dazu gehören belletristische Werke diverser Genres und Stilrichtungen von verschiedener Qualität, darunter die sogenannte shund-literatur [Trivialliteratur] sowie populärwissenschaftliche Werke, die auf die Bedürfnisse der osteuropäischen jiddischen Leserschaft zugeschnitten waren. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de






