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28. September 2017

Kanzler mit Kippa

Rafael Seligmann stellte in der IKG seinen neuen Roman »Deutsch meschugge« vor. Von Helmut Reister, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 28.09.2017. Vor zwei Jahren begann er mit dem Schreiben. Nun ist Rafael Seligmanns neuer Roman Deutsch meschugge endlich erschienen: ein satirischer Blick in die nahe politische Zukunft der Bundesrepublik.

»Der Mensch ist verführbar«: Schriftsteller Rafael Seligmann, IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (v.l.) © Sharon Bruck

»Der Mensch ist verführbar«: Schriftsteller Rafael Seligmann, IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (v.l.) © Sharon Bruck

 

Doch als der streitbare, auch der Provokation nicht aus dem Weg gehende Autor, Politologe, Historiker, Talkmaster, Politikberater und Herausgeber in der vergangenen Woche im IKG-Gemeindezentrum neben Alt-Oberbürgermeister Christian Ude auf der Bühne saß, um sein neues literarisches Werk vorzustellen, kam er ziemlich schnell um eine nüchterne Feststellung nicht herum: Die Wirklichkeit, sagte Seligmann, sei der im Buch geschilderten Fiktion in den vergangenen zwei Jahren bereits gefährlich nahe gekommen. Auch der Begriff »eingeholt« fiel in diesem Zusammenhang.

Parallelen

Deutsch meschugge erzählt die Geschichte der – fiktiven – »Deutsch-Nationalen Mehrheitspartei«, die bei vorgezogenen Bundestagswahlen einen überwältigenden Sieg feiert, was nicht weniger als einer faschistischen Revolution gleichkommt.

In den Mittelpunkt der Handlung stellt Rafael Seligmann den jüdischen Politiker Paul Levite, der machiavellistische Züge entwickelt und seine Seele der Macht opfert. Um Einfluss, die Versuchung der Macht und die Verführbarkeit des Menschen geht es in dem Roman – und um Parallelen zur aktuellen Politik in Deutschland. Deutsch meschugge treffe die politische Wirklichkeit ganz gut, meinte Seligmann schmunzelnd.

Wer so lange wie Christian Ude Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt war, von 1993 bis 2014, hat Übung darin, in Aktenbergen mit komplexen Inhalten schnell die Zusammenhänge und wesentlichen Inhalte herauszufiltern und auf den Punkt zu bringen. Diese Fähigkeit setzte er in sehr überzeugender Weise auch im Gespräch mit Rafael Seligmann ein, um die Motivation, die Sichtweise und die Absichten des Autors weiter auszuleuchten.

Alibi-Jude

Um eine Frage, die sich bei der Lektüre des Buches nahezu zwangsläufig aufdrängt, kam auch Christian Ude nicht herum: Ist ein jüdischer Politiker, ein Alibi-Jude, in rechtsextremen Parteien denkbar? Die Antwort Seligmanns, der den jüdischen Protagonisten Paul Levite in seinem Buch besonders detailliert darstellt, fällt mit nahezu gefrierender Sachlichkeit aus. »Juden«, erklärte der Autor, »sind nicht die besseren Menschen, aber auch nicht die schlechteren. Ein Jude verkauft seine Seele, ein Christ, ein Muslim, wer auch immer. Wenn es um Macht geht, ist alles möglich. Und in der Politik geht es nur um Macht.«

In Deutsch meschugge heißt die Langzeit-Bundeskanzlerin Hedwig Kleinert, die rechtspopulistische Partei wird von einem Urban Hansen geführt. Ähnlichkeiten, die sich trotz der Fantasienamen ohne Schwierigkeiten auf handelnde Personen des aktuellen Politikbetriebs projizieren lassen, sind in dem Buch sicherlich kein Zufallsprodukt, eher der gewünschte Effekt.

Das real existierende Pendant zur fiktiven Deutsch-Nationalen Mehrheitspartei im Buch, die AfD, kam nicht erst im Verlauf des kurzweiligen Abends mit ernstem Hintergrund zur Sprache. IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch hatte die »beängstigende Entwicklung« der AfD bereits bei der Begrüßung der Gäste angesprochen.

Angst

»Es ist wieder möglich«, sagte Knobloch, »dass Politik mit Angst gemacht werden kann. Es ist wieder möglich, dass eine Partei in den Bundestag einzieht, die mit völkischen, nationalistischen, rassistischen, antisemitischen und geschichtsklitternden Thesen und Personen aufgestellt ist. Das ist alles schon mehr als meschugge. Das ist beschämend.«

Der Einzug einer rechtsextremen und nationalistischen Partei in die Parlamente, den die IKG-Präsidentin ansprach, ist die Realität, die politische Machteroberung Fiktion. Aber wie weit liegen Fiktion und Wirklichkeit auseinander? Christian Ude stellte diese Frage ins Zentrum seiner Überlegungen und kam zu dem Schluss, dass im politischen Leben mit dem Begriff »unvorstellbar« inzwischen sehr vorsichtig umgegangen werden muss.

»Vieles, was vor kurzer Zeit noch unvorstellbar erschien, ist Realität geworden«, analysierte Ude und lieferte mit »Donald Trump«, »Brexit« oder »Erdogan« auch gleich einige Stichworte zur Untermauerung seiner These. Dem Fazit des Alt-Oberbürgermeisters, dass der Faktor »Unvorhersehbarkeit« inzwischen eine stabile Konstante im politischen Leben darstellt, wollte Rafael Seligmann nicht widersprechen – ganz im Gegenteil.

»Als ich das Buch schrieb, bin ich nicht darauf gekommen, dass der so stark belastete Begriff ›entsorgen‹ zum Sprachgebrauch eines Politikers gehören könnte«, erklärte Seligmann, erkennbar betroffen, mit Blick auf entsprechende Äußerungen aus der AfD-Spitze.

Rafael Seligmann: »Deutsch meschugge«. Transit, Berlin 2017, 288 S., 24 €

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Scholem-Alejchem-Vortrag in ondenk fun Evita Wiecki s“l
Mittwoch, 17. Juni 2026, 18:15 Uhr

Vortrag in jiddischer Sprache

  • Begrüßung: Prof. Dr. Martina Niedhammer
  • Einführung: Dr. Dasha Vakhrushova

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der jiddische Buchmarkt in Osteuropa neben traditionell-religiöser chassidischer Literatur immer mehr auch von weltlichen Publikationen geprägt. Diese neuen Texte richteten sich an ein breiteres jiddischsprachiges Lesepublikum, das tatsächlich großes Interesse an den neuen Formen und Inhalten zeigte. In dieser Zeit erschienen auch die ersten jiddischen Zeitungen, ein erschwingliches und leicht zugängliches Mittel der Verbreitung allgemeinen Wissens und aufklärerischer Ideen. Allmählich wurden diese Zeitungen zu einer wichtigen Bühne für literarische Werke unterschiedlichster Qualität. Der Vortrag möchte die große Bandbreite jiddischer Publikationen aufzeigen, zu denen jiddische Leser von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Zugang hatten, und stellt eine repräsentative Auswahl dieser Werke vor. Dazu gehören belletristische Werke diverser Genres und Stilrichtungen von verschiedener Qualität, darunter die sogenannte shund-literatur [Trivialliteratur] sowie populärwissenschaftliche Werke, die auf die Bedürfnisse der osteuropäischen jiddischen Leserschaft zugeschnitten waren. Weiterlesen »

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