Kultur
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3. Juni 2011
Zeuge seines Jahrhunderts – zum Tod von Hans Keilson
Nachruf von Harald Loch, erschienen auf Jüdische Allgemeine Online: „Am 12. Dezember 1909 wurde ich in Freienwalde an der Oder geboren«, schrieb Hans Keilson am Anfang seiner Erinnerungen, die vor Kurzem in „seinem“ Verlag S. Fischer unter dem Titel Da steht mein Haus erschienen sind. Am 31.5.2011 ist Keilson im Alter von 101 Jahren im niederländischen Hilversum gestorben. Sein erster Roman Das Leben geht weiter war 1933 als letztes Buch eines jüdischen Autors noch vom alten Samuel Fischer verlegt worden, aber praktisch schon vor dem Druck von den Nazis verboten worden. Keilson konnte rechtzeitig in die Niederlande emigrieren und überlebte dort mit gefälschten Papieren.
Keilson wurde Arzt und Psychoanalytiker und behandelte vor allem jüdische Waisenkinder, der Eltern von den Nazis ermordet worden waren. Sequentielle Traumatisierung bei Kindern hieß das wissenschaftliche Werk, das Zeugnis von dieser Arbeit ablegt und das Keilson selbst für seine wichtigste Arbeit hielt: „Das ist das Buch, das überleben wird. Was will ich mehr?“
In seinen Erinnerungen erzählt Keilson vom Ersten Weltkrieg, in dem sein Vater als Frontsoldat kämpfte und ausgezeichnet wurde. Wir lesen von den schwierigen Bedingungen, unter denen seine Eltern ihr kleines Textilgeschäft nordöstlich von Berlin führten, erfahren von frühen antisemitischen Diskriminierungen, denen Keilson noch während seiner Gymnasialzeit ausgesetzt war, von seinem Studium in Berlin, dem Leben im Untergrund in den Niederlanden.
Mehr als 70 Jahre Niederländer – aber schrieb weiter in seiner Muttersprache: Deutsch
Die Memoiren sind in 22 Sequenzen gegliedert, verweigern sich strenger Chronologie und verbinden das Anekdotische mit dem Nachdenklichen, das ein über hundertjähriges Leben einem in Deutschland geborenen Juden abverlangte. So war es Keilson etwa gelungen, auch seine Eltern aus Deutschland in die Niederlande zu holen. Aber dort konnte er – selbst im Untergrund lebend – sie nicht vor der Deportation und der Ermordung schützen. „Als ich mit meiner Schwester nach dem Kriege diese Vorgänge besprach, erklärte sie, wenn sie in Holland gewesen wäre, hätte sie meine Eltern gerettet. Diesen Satz habe ich ihr nie verziehen.“
Hans Keilson war über 70 Jahre Niederländer, aber schrieb weiter in seiner Muttersprache Deutsch. Wer ihm – wie ich – vor einigen Jahren in seiner Brandenburger Geburtsstadt begegnen durfte, erlebte einen alten Herrn mit jungem Herzen und klarem Verstand. Diese Erfahrung werden posthum auch die vielen Leser machen, die Keilsons Erinnerungen zu wünschen sind.
Hans Keilson: „Da steht mein Haus. Erinnerungen“. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, 143 S., 16,95 EUR
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Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786
Kultur
»Wie rettet man das Tote Meer?«
Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage
Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel
Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.
Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.
Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka
»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation
Moderation: Emanuel Rotstein
Eintritt frei.
Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91
Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm
Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18
Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786
Kultur
„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter
Beginn 19:00Buchpräsentation
Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.
Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »
Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786
Kultur
Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor
Beginn 19:00Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
