Kultur
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12. Mai 2016
Literatur: Scholem Alejchem, der Bewahrer des Schtetls
Zum 100. Todestag des jiddischsprachigen Schriftstellers Scholem Alejchem. Von Welf Grombacher, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, von 12.5.2016. Der Schnurrbart ist schuld! Immer wieder wurde Scholem Alejchem »der jüdische Mark Twain« genannt. Das ist erstaunlich, vergleicht man die Bücher der beiden miteinander.
Sicher trägt eine Figur wie der naiv-sorglose Mottl, der Kantorssohn aus Alejchems gleichnamigem Roman, Züge von Huckleberry Finn. Im Grunde aber liegen Welten zwischen beiden Schriftstellern. Schaut man sich allerdings historische Porträtfotos der beiden an, wie sie verwegen hinter ihrem stattlichen Walrossbart hervorlinsen, liegt auf der Hand, wie es zu dem Vergleich kam.

Der jüdische Mark Twain? Mitnichten. Scholem Alejchem in einer Aufnahme um 1910 © Ullstein
Am 13. Mai jährt sich der Todestag von Scholem Alejchem zum 100. Mal. Neben Mendele Moicher Sforim (1836–1917) und Jizchok Leib Perez (1852–1915) galt Alejchem schon zu Lebzeiten als wichtigster jiddischsprachiger Schriftsteller. Am Tag seiner Beisetzung auf dem Arbeiterfriedhof in Brooklyn blieben die jüdischen Läden in New York geschlossen – und mehr als 150.000 Menschen sollen am Straßenrand den Trauerzug gesäumt haben.
Broadway
Noch populärer wurde er postum, nachdem sein Schwiegersohn Isaak Dow Berkowitz die Bücher Alejchems ins Hebräische übersetzt hatte. Eines nach dem anderen konnte so nun auch in anderen Sprachen erscheinen, sodass auch viele Nichtjuden sie lesen konnten. Am bekanntesten aber machte ihn die – wenn auch stark veränderte – Musicalfassung von Tewje, der Milchmann, die 1964 am Broadway unter dem Titel Fiddler On The Roof uraufgeführt wurde.
Eigentlich hieß Scholem Alejchem ja Scholem Rabinowitsch. Er wurde 1859 im ukrainischen Perejaslaw als Sohn eines Gutspächters geboren, der mit Holz und Getreide handelte. Sein Pseudonym nahm er erst nach seinen ersten Veröffentlichungen in jiddischer Sprache in den 80er-Jahren an. Parallel zur russischen Fachschule studierte er auch die Tora und begann danach als Hauslehrer bei einem reichen Gutsbesitzer. Mit seiner Schülerin Olga las er die großen Werke der Weltliteratur und heiratete sie 1883. Etwa zeitgleich begann er, auf Jiddisch zu schreiben, nachdem er zuvor schon auf Hebräisch und Russisch Texte verfasst hatte.
Insgesamt 28 Bände mit Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Essays umfasst die Gesamtausgabe seiner Werke. Als Herausgeber der Sammelbände Di Jydische Folkss-Bibliotek (1888/89) erwarb er sich zudem Verdienste, was die Normierung der jiddischen Schriftsprache angeht.
Pleite
Als sein Schwiegervater 1885 starb, war Scholem Alejchem plötzlich ein reicher Mann. Mit Olga zog er nach Kiew, verzockte aber das gesamte Vermögen an der Börse. Nach seiner Pleite widmete er sich ab 1890 ausschließlich dem Schreiben. In rascher Folge entstanden seine Bücher, in denen er der Welt des Ostjudentums ein literarisches Denkmal setzte.
»Aus ihm spricht die Stimme eines ganzen Volkes, das Armut, den ständigen Schikanen und Bedrohungen mit einer Form intellektueller Bewältigung begegnet, die bewundernswert ist«, schreibt Armin Eidherr im Nachwort seiner gerade erschienenen Neuübersetzung von Tewje, der Milchmann. Dem harten Alltag, der Armut und den Judenpogromen stellen die tragischen Helden Scholem Alejchems die tröstliche Macht ihres Glaubens entgegen. Naiv sind sie, aber herzensgut. Überzeichnet, Karikaturen ihrer selbst – das aber macht sie so sympathisch.
Der »Luftmensch« Menachem Mendel etwa aus dem gleichnamigen Roman (1892), der als Makler, Geldverleiher, Heiratsvermittler, Schriftsteller und Versicherungsagent sein Glück versucht und reich werden will, ist solch eine Figur. Für seine Ehefrau, der er seine Erlebnisse in Briefen schildert, sind seine Unternehmungen alles nur »Ohrfeigengeschichten«. Am Ende bleibt ihm nur die Flucht ins gelobte Amerika wie so vielen Figuren von Alejchem. Auch in seiner Geschichte Mottl, der Kantorssohn (1922) sucht der Protagonist in den USA nach einem besseren Leben. In Kasrilewke bricht er auf, um der Enge des Schtetls zu entkommen. Sein Leidensweg führt über Brody, Lemberg, Wien, Antwerpen und London schließlich nach New York. Dort aber nehmen die Prüfungen kein Ende, denen er stets mit jugendlichem Optimismus begegnet.
Tewje
Am bekanntesten aber ist freilich seine Figur Tewje, der Milchmann (1894/ 1916), der vielen als Schtetlroman schlechthin gilt und vom allmählichen Versinken einer vormals geordneten Welt erzählt. Der Held Tewje sei eine Art »neuer Hiob«, der die Schicksalsschläge in seinem Leben mit Witz und Gottvertrauen meistert, schreibt Armin Eidherr. Und Schicksalsschläge gibt es jede Menge in Tewjes Leben.
Er gelangt zu Reichtum, weil er zwei verirrten Damen aus dem Wald heraushilft und dafür fürstlich belohnt wird. Ehefrau Golda will das Geld erst gar nicht annehmen. »Das ist koscheres Geld«, muss Tewje ihr erst versichern. Dummerweise überlässt er das Geld einem windigen Spekulanten, der damit sofort verschwindet. Wie gewonnen, so zerronnen. Zum Glück bleibt ihm noch die alte Kuh, mit der er durch viel Fleiß sein Auskommen als Milchmann findet.
Zudem kommt dem armen Tewje eine Tochter nach der anderen abhanden. Obwohl er immer die Hoffnung hegt, sie an eine gute Partie gewinnbringend zu verheiraten. Die älteste, Zeitel, ist schon einem reichen Mann versprochen. Sie aber weint herzerweichend, sodass der gutmütige Vater sie doch ihren geliebten Schneider heiraten lässt. Die zweitälteste, Hodel, verguckt sich in einen Revoluzzer und folgt ihm hinter den Ural. Die dritte, Chava, liebt einen Goj und wird verstoßen. Während die vierte, Sprinze, von einem Tunichtgut aus reichem Hause sitzengelassen wird und ins Wasser geht.
Israel
Lediglich die Jüngste, Bejlke, heiratet wirklich einen Reichen. Mit dem Resultat, dass sie tatenlos zusieht, wie der ihrem Vater nahelegt, das Land zu verlassen und nach Israel auszuwandern – nur, weil er sich vor seinen reichen Freunden des armen Schwiegervaters schämt. Geld verdirbt eben den Charakter.
Auch Scholem Alejchem selbst suchte schließlich sein Glück in der Fremde und emigrierte 1905 nach Amerika, wohin er vor den Pogromen in Russland floh. Mehrmals noch kehrte er nach Europa zurück. Glücklich wurde er weder in der Alten noch in der Neuen Welt, wie sich aus seinen vielen nachgelassenen Briefen entnehmen lässt. Sein Gottvertrauen aber war – wie bei seinen Figuren – bis zuletzt ungebrochen.
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Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786
Kultur
»Wie rettet man das Tote Meer?«
Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage
Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel
Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.
Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.
Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka
»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation
Moderation: Emanuel Rotstein
Eintritt frei.
Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91
Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm
Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18
Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786
Kultur
„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter
Beginn 19:00Buchpräsentation
Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.
Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »
Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786
Kultur
Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor
Beginn 19:00Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
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E-Mail: empfang@ikg-m.de
