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24. September 2014
Rosch Haschana – Grußwort der Präsidentin zum Neuen Jahr
Weltmeisterlich?! – Von von Charlotte Knobloch, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen vom 24.9.2014. Mit dem neuen jüdischen Jahr endet bald das »Gedenkjahr der Superlative«. Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, vor 75 Jahren begann der Zweite. 25 Jahre sind vergangen, seit die Mauer, die unser Land teilte, fiel.

Die Müchner Synagoge Ohel Jakob vor dem Rosch-Haschana-Gottesdienst. © Vitaly Ushakov
Geschichte ist nie vorbei. Täglich sollten wir durch die Vergegenwärtigung der historischen Verläufe lernen. Zumal unser Hier und Heute Parallelen aufweist, die uns herausfordern, klüger und besonnener zu agieren als damals.
Sündenfälle der Geschichte nicht wiederholen
Der Historiker Christopher Clark, der in Cambridge einen renommierten Lehrstuhl innehat, schildert in seinem viel beachteten Buch Die Schlafwandler, dass der Krieg 1914 weder zwangsläufig noch alternativlos war. Eine Kette von Ereignissen hatte etwas in Bewegung gesetzt, und unter den Verantwortlichen in Europa fand sich niemand, der dem schlafwandlerischen Treiben entschieden Einhalt bot. Vielmehr wurde in allen beteiligten Hauptstädten mit dem Feuer gespielt – der erste (!) Sündenfall des 20. Jahrhunderts.
Und heute? Werden wir wieder Zeugen von Versäumnissen, die rückblickend diplomatisch oder militärisch als Schlafwandeln analysiert werden könnten? Wer hätte die Situation in der Ukraine prophezeit? Wie steht es um die überschrittenen roten Linien in Syrien? Was wurde aus den Hoffnungen angesichts des bejubelten »Arabischen Frühlings«, dessen Herbst blutiger und brutaler nicht hätte ausfallen können?
Wie umgehen mit der neuen Feindesdimension ohne greifbare Strukturen? Wie soll der sogenannte Westen auf jene dunkle Macht reagieren, die sich zur Weltherrschaft erkoren fühlt und deren Ideologie aus unaufgeklärter Vorzeit stammt, ihre Kommunikation und Bewaffnung jedoch ebenso hochmodern sind wie die Geldgeschäfte und globalen Verstrickungen ihrer Unterstützer?
Globale Gefahr durch islamistischen Terror
Hunderttausende werden Opfer grausamster Verbrechen. Millionen sind auf der Flucht. Unmenschlichkeit bricht sich in einer Weise Bahn, die »der Westen« nicht akzeptieren kann und darf. Die Gefahr durch den »Islamischen Staat« (IS) und andere islamistische Terrororganisationen bedroht nicht nur die Menschen in Syrien, Irak und dem ganzen Nahen Osten.
Die gesamte liberale Welt ist im Visier der Dschihadisten. Sie hassen nicht isoliert Israel oder Amerika. Sie verabscheuen unsere Lebensweise, in der die Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Credo »leben und leben lassen« die Basis des respektvollen und friedlichen Miteinanders ist.
Die Gefahr ist real und nah. Auch Hunderte Terrorrekruten aus Deutschland haben sich dschihadistischen Gruppen angeschlossen. In den paramilitärischen Camps trainieren junge Europäer für den »Heiligen Krieg«. Sie und ihre internationalen Kumpanen töten nicht nur in Syrien und Irak. Sie planen auch Anschläge in aller Welt, wie jüngst das Beispiel Australien zeigt.
Die Welt ist unerwartet schwieriger geworden
Was passiert, wenn sie heimkehren, zeigen auch Attentate wie die Ermordung dreier Kinder und eines Rabbis vor einer jüdischen Schule in Toulouse vor zwei Jahren, oder der Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel, bei dem im Mai vier Menschen erschossen wurden. Ein 20-Jähriger, der wegen IS-Mitgliedschaft vor Gericht steht, hat noch 2011 für Makkabi Frankfurt gekickt.
Die Welt ist unerwartet schwieriger geworden. Klare Konfliktlinien existieren nicht mehr. Intransparent, diffus und ständig wandelnd verlaufen die geopolitischen Frontlinien. Gefestigt geglaubte Partnerschaften zerbrechen. Vermeintliche Freunde werden zu Widersachern, Feinde zu Verbündeten – jedoch nicht auf dem Fundament geteilter Werte, sondern auf der brüchigen Basis eines gemeinsamen Gegners.
Nicht nur in Israel sind die Probleme also zu komplex, um sie leicht lösen zu können. Wie wichtig wären die richtigen Lehren aus der Geschichte. Es ist die Verpflichtung jedes verantwortungsbewussten Politikers, das dichte Geflecht an Möglichkeiten auszuloten und umzusetzen, um die weltweit existierenden Krisen zu deeskalieren. Fest steht aber auch: Es gibt Szenarien und Aggressoren, die eine militärische Intervention erfordern. So ist es nur konsequent, dass sich auch die Bundesrepublik Deutschland ihrer Rolle und Verantwortung in der Welt stellt.
Rechtsruck in Europa
Letztlich ist jeder Einzelne gefordert, sich gegen die Zerbrechlichkeit von Frieden zu stemmen. Dies offenbart sich direkt vor unserer Haustür. Bei den Europawahlen haben Rechtsextreme und -populisten alarmierende Stimmenanteile errungen. Dieser Rechtsruck verheißt eine weitere Zunahme fremdenfeindlicher, rassistischer, antisemitischer, homophober oder anderweitig menschenfeindlicher Entgleisungen. Wir Juden spüren das schon lange. In Wellen offenbart sich reflexartig und ungeniert die tief verwurzelte latente Judenfeindschaft und wird zu offenem manifestem Judenhass.
Insbesondere der Antisemitismus unter den Muslimen ist auch hierzulande ein enormes Problem. Zumal er belegt, dass die Integration in unsere demokratische Grundordnung in nennenswerten Teilen dieser Community gescheitert ist. Und die muslimischen Verbände gefallen sich zu gut in der Opferrolle, als dass sie diesen Missstand eingestehen oder gar aktiv bekämpfen.
Doch wenn widerlichste antijüdische Hassparolen durch die Republik und das Internet »schallen«, stammen sie von Fundamentalisten jeder Färbung. Neben den radikalen und gewaltbereiten Islamisten wettern die Ewiggestrigen. Und mit ihnen Extremisten von Rechts und Links.
Antisemitismus – auch ein Phänomen der Mitte
Besonders traurig: In der breiten Mitte der Gesellschaft ist die antisemitische Anhängerschaft größer als befürchtet. Auch über einige Medien kann man nur den Kopf schütteln. Der neue alte Judenhass hat viele Deckmäntelchen und Formen. Er war nie weg. Er ist da – massiver und bedrohlicher, als ich mir das nach 1945 je hätte vorstellen können.
Glücklicherweise spüren wir den Rückhalt der Politik, allen voran von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das ist der entscheidende Unterschied zu den 1930er-Jahren, an die sich manche bereits erinnert fühlten. Jedoch klafft eine spürbare Lücke zwischen der politischen Räson und der Gesellschaft.
Es müsste mal wieder ein Ruck durch unser Land gehen. Ein Ruck des Entsetzens und des Protests. Denn Judenhass ist nur eine Form der Menschenfeindlichkeit. Und Hass ist wandelbar. Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind unteilbar, müssen universell beschützt werden. Einzelfälle gibt es ebenso wenig wie Kleinigkeiten. JEDEM Anfang ist zu wehren. Sonst ist »Nie wieder!« nur eine Floskel.
Ich wünsche mir mehr aufgeklärte Patrioten
Wann, wenn nicht jetzt, im »Gedenkjahr der Superlative«, sollten passive Gedenkrituale abgelegt und die historischen Lehren in aktive Handlungsprämissen umgesetzt werden? Wir sind doch Weltmeister – oder etwa nicht? Die Deutschen können, ja sollten auf die Errungenschaften der letzten 65 Jahre stolz sein, dürfen aber niemals vergessen, wie schnell aus Stimmungen Hass und aus Hass Massenmord werden kann. Ich wünsche mir, dass Deutschland aufwacht, und zu einer Gesellschaft aufgeklärter Patrioten wird. Menschen, die unsere Heimat lieben und unsere Werte verteidigen.
Möge das neue Jahr 5775 für Sie, Ihre Familien und Freunde ein glückliches Jahr werden und für den Staat Israel den ersehnten Frieden bringen.
Schana towa – Gmar chatima towa!
Ihre Charlotte Knobloch
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Aktuelle Veranstaltungen
Mi. 23.09.2026 | 12. Tischri 5787
Kultur
»Briefe an meinen Vater«. Von und mit Konrad Bernheimer
Beginn 19:00 Uhr:Moderation: Ellen Presser
Konrad Bernheimer stellt das Schicksal seines Vaters Kurt sehr persönlich in den historischen Kontext dessen Lebenszeit: als Sohn des renommierten Kunsthändlers und Antiquitätensammlers Otto Bernheimer, als Bruder, Student der Kunstgeschichte, Emigranten in den venezolanischen Anden und Familienvater. 1954 kommt Konrad mit Mutter und zwei Schwestern zum Großvater nach München – ohne den Vater. Erst viel später erfährt Konrad Bernheimer, inzwischen selbst ein international erfolgreicher Kunsthändler, was mit seinem Vater einst geschah. Aus überlieferten Dokumenten und Familienerinnerungen entwickelt Bernheimer jr. eine Zwiesprache mit dem abwesenden Vater über Scham und Schuld, Liebe und Prägungen und die Last, die einem die Geschichte auferlegt, denn »Erinnerung bedeutet, dass etwas bleibt – auch wenn so vieles verschwunden ist«.
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
