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11. September 2014
Standpunkt: Warum wir mit Euch gehen
Der BILD-Chef Kai Diekmann erklärt, weshalb er am Sonntag, 14.9.2014, gegen Antisemitismus demonstriert. Von Kai Diekmann, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen am 11.9. 2014.
Neulich erhielt ich einen Anruf, der mich traurig zurückließ. Eigentlich war es ein ganz normaler Rückruf. Mein Reisebüro. Es ging um eine Buchung für meine Familie. Mitten zwischen Flugoptionen rutschte es meinem Reiseberater raus. Er sei sich nicht mehr sicher, ob Deutschland noch ein Land sei, in dem er sich sicher fühlen könnte. Er ist Jude. Wenn ich an dieses Gespräch denke, tut es mir körperlich weh.
Ist es wirklich so weit? Nein, aber allein der Gedanke, dass ein Jude in Deutschland Angst haben kann, schmerzt. Ich arbeite für ein Haus, das sich die Verantwortung für den Schutz der Juden in seine Fundamente eingemeißelt hat. Axel Springer hat damals, nach dem Krieg, nach dem Holocaust, diese Verantwortung erkannt und demonstriert, weil niemand anders – die Gesellschaft nicht und auch der Staat nicht – in dieser Deutlichkeit dazu bereit war.
Ich habe Axel Springer für den Mut, für seine Werte einzutreten, immer bewundert. Sein Ethos hat unser Haus geprägt, hat die wichtigste Zeitung von Axel Springers Verlag, BILD, geprägt. Deshalb ist BILD am 25. Juli mit der Schlagzeile »Nie wieder Judenhass« erschienen, indem von Angela Merkel bis Ulrich Wickert, Menschen, zu denen wir aufsehen, ihre Stimme erhoben haben, deshalb bin ich auch selber dabei, wenn wir am 14. September zur Verteidigung unserer Verantwortung für das Judentum auf die Straße gehen.
Grundethos
Antisemitismus hat in Deutschland keinen Platz. Das ist nicht nur das Grundethos des Axel-Springer-Verlags, das ist auch der der Bundesrepublik Deutschland. Zur fundamentalsten Gründungs- und Daseinsberechtigung der Bundesrepublik gehört die Verantwortung, die aus der Geschichte des Judentums in Deutschland erwächst. Deutschland ist ein Land der Juden. Die jiddische Sprache ist ein deutscher Dialekt. Wir gehen in einer Stadt auf die Straßen, die wie kaum eine andere ihren kulturellen Aufstieg Juden zu verdanken hat. Der Riss, der zwischen Judentum und Deutschland durch Auschwitz entstanden ist, ist die Grundtragik der deutschen Nation. Die Pflicht, sich der Verantwortung zu stellen, die diese Tragik nach sich zieht, ist der wichtigste – der uns definierende – Konsens dieses Landes.
Gerne wird behauptet, es gebe gar keinen neuen deutschen Antisemitismus. Das was wir erleben, sei vielmehr ein importierter Antisemitismus, die Kids, die uns – unbehelligt durch Sicherheitskräfte – mit Schreien wie »Jude, Jude, feiges Schwein« aufgeschreckt hätten, seien doch in Wirklichkeit, Jugendliche mit »Migrationshintergrund«. Bei solchen Relativierungen wird mir, ehrlich gesagt, übel. Einerseits jubeln wir Fußballern mit ebenjenem »Migrationshintergrund« zu und freuen uns, wenn sie im Nationaltrikot »Einigkeit und Recht und Freiheit« singen, andererseits sehen wir krampfhaft weg, wenn junge Deutsche den Konflikt im Heiligen Land nutzen, um anti-jüdische Ressentiments zu schüren.
Mainstream
Noch beunruhigender ist: Der publizistische Mainstream trägt dies – abgesehen von unverbindlichen Gardinenpredigten – mit. Die Technische Universität Berlin (TU) hat neulich einen Bericht vorgelegt, in dem das Vorurteil untersucht wurde, die deutsche Presse gehe zu zaghaft mit Kritik an Israel um. Das Gegenteil trifft zu. Die Berichterstattung über den Nahen Osten wurde mit Artikeln über die Lage der Menschenrechte und Konflikte in anderen Ländern verglichen, darunter Russland, China, Saudi-Arabien und Nordkorea. Kaum eines der Länder schnitt so schlecht ab wie Israel. Von 400 Schlagzeilen des Jahres 2012 wurden in drei Viertel Israel als der aggressive Part dargestellt.
Man muss zwischen Antisemitismus und Israel-Kritik trennen, sicher. Aber ist Israel-Bashing nicht längst eine sozial akzeptierte Form von Antisemitismus geworden? Als Kind der 60er-Jahre wurde natürlich auch ich durch jene Lehrer geprägt, die uns die Einzigartigkeit des Holocausts eingebläut haben. Aber oft waren es auch die gleichen Lehrer, die für die PLO Partei ergriffen. Meine Schulzeit hat mich daher auch für die unterschwellige anti-jüdische Spannung sensibilisiert, die innerhalb der deutschen Linken stilprägend ist. Aber auch im Bürgertum werden tradierte antisemitische Klischees langsam wieder salonfähig.
Deshalb erhebe ich meine Stimme. Das, was mich meine Lehrer von der Einzigartigkeit des Holocausts gelehrt haben, stimmt nun mal! Deshalb müssen diese Ressentiments in Deutschland, besonders wenn sie politisch korrekt verkleidet daher kommen, beim Namen genannt und bekämpft werden.
Solidarisierung
Es gibt zur Solidarisierung mit Israel keine Alternative. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Ich behaupte, dass Bürger jedes Landes berechtigt sind, über die Angemessenheit der israelischen Antwort auf Gewalt aus den Palästinensergebieten zu diskutieren – gerade in Israel wird das ja sehr leidenschaftlich getan –, aber dass es Deutschen gut zu Gesicht steht, sich bei dieser Diskussion nicht aus dem Fenster zu lehnen. Das darf natürlich nicht in Denk- oder Redeverboten enden – aber es muss endlich eine Rückbesinnung stattfinden auf unsere völlig einzigartige Verantwortung für den Schutz eines Volkes, dem Deutschland so unendlich viel zu verdanken hat, an dem es sich aber auch auf nie mehr gut zu machende Art versündigt hat.
Wir werden nicht danebenstehen, wenn in unserem Land Juden geschmäht werden. Unser Haus wird da nicht danebenstehen, unsere Zeitung wird da nicht daneben stehen, meine Freunde und meine Familie werden da nicht danebenstehen. Wir werden am 14. September – und auch danach – mit Euch gehen.
Der Autor ist Herausgeber der BILD-Gruppe und Chefredakteur der BILD-Zeitung.
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Aktuelle Veranstaltungen
So. 18.01.2026 | 29. Tewet 5786
Kulturzentrum
„Balagan“ von und mit Mirna Funk
Beginn 17:00Buchpräsentation und Gespräch
Sonntag, 18. Januar 2026, 17 Uhr
Moderation: Ellen Presser
Mirna Funk, eine der mutigsten und unkonventionellsten jüdischen Stimmen Deutschlands erzählt von Recht und Unrecht in der Kunstwelt, von schwieriger Restitution und von der Suche einer jungen Frau nach einem Weg durch das Chaos (hebr. »Balagan«), das die deutsch-jüdische Geschichte im Allgemeinen und in ihrer Familie angerichtet hat.
Mirna Funk, 1981 in Ost-Berlin geboren, studierte Philosophie und arbeitet als Autorin sowie freie Journalistin u. a. für NZZ, DIE WELT und Die ZEIT. Für ihr Romandebüt »Winternähe« wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Mirna Funk lebt in Berlin und Tel Aviv.
Mi. 21.01.2026 | 3. Schwat 5786
Kultur
Dan Ariely x Guy Katz: About the Path to Hate
Beginn 19:00Gespräch in Englisch
Mittwoch, 21. Januar 2026, 19 Uhr
An Evening on the Psychology of Antisemitism
Antisemitism is growing, raising the painful question: why? Join world-renowned behavioral scientist Dan Ariely to explore the psychological mechanisms behind hatred and how we might break these destructive cycles. His work reveals predictable patterns in human behavior, even harmful. Weiterlesen »
Do. 29.01.2026 | 11. Schwat 5786
Kultur
Hommage: „Ein Abend für Gertrud Kolmar“
Beginn 19:00Donnerstag, 29. Januar 2026, 19 Uhr
Mit Friederike Heimann und Anette Daugardt (Rezitation)
Gertrud Kolmar – geboren 1894 in Berlin, 1943 in Auschwitz ermordet – verleiht in ihren dichten, manchmal archaischen und doch oft überraschend modernen Bildwelten immer wieder dem Fremden und Ungekannten, dem Stummen und Sprachlosen, eine Stimme. Dabei durchdringen sich das Weibliche und das Jüdische in ihrer Poetik auf vielfache Weise. Nun seh‘ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen / Da ich vor Rom, vor Karthago schon war, heißt es in „Die Jüdin“, die eine Forscherreise rüsten möchte in ihr eigenes uraltes Land.
Durch die Gedichtlesung führt Friederike Heimann, Literaturwissenschaftlerin und Autorin einer Biographie über Gertrud Kolmar» In der Feuerkette der Epoche« (Suhrkamp 2023).. Die Gedichte werden von der Berliner Schauspielerin Anette Daugardt vorgetragen. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
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