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3. April 2014
Fackel der Aufklärung
Klaus Schultz rezitierte aus den »Letzten Tagen der Menschheit« von Karl Kraus. Von Ellen Presser, erschienen in der Jüdischen Allgemeinen, 3.4.2014. Tagesaktuelle Schlagzeilen wie »Russland besetzt die Krim und bricht das Völkerrecht« und »Von der Krim-Krise zum Finanz-Krieg« werden in der Münchner Jüdischen Gemeinde nicht nur von ehemaligen Kontingentflüchtlingen bedacht und diskutiert. Die Stadt München selbst thematisiert das Kriegsthema übers ganze Jahr in rund 140 Beiträgen – Filmen, Vorträgen, Lesungen, Ausstellungen und Diskussionen. Es geht allerdings um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, mit dem »das alte Europa unterging«.

»Gegen das falsche Erinnern an den Krieg«: Klaus Schultz bei seiner Lesung im Jüdischen Gemeindezentrum. © Marina Maisel
Das Programm »1914–2014. Die Neuvermessung Europas« soll diese »ungeahnten Umbrüche« thematisieren und dazu führen, »die Gegenwart im europäischen Kontext besser zu verstehen«. So steht es im Booklet des Kulturreferats, das dieses ambitionierte Jahresprojekt zusammenfasst. Man kann es nur vermuten, aber einer hätte die Phrase von der »Neuvermessung Europas« nicht durchgehen lassen, wo es doch um ein Schlachthaus auf den Feldern Europas ging, um Nervengas und Kriegsgewinnler, den Untergang von Dynastien und Schuldzuweisungen: nämlich Karl Kraus.
GEDENKEN
Klaus Schultz, von 1977 bis 1982 Chefdramaturg und Pressesprecher der Bayerischen Staatsoper sowie fast elf Jahre Intendant und Chefdramaturg des Staatstheaters am Gärtnerplatz, ist auch ein leidenschaftlicher Rezitator. Sein Vorschlag, unter dem Motto »Karl Kraus bekämpft den Krieg« einen kritischen Beitrag zum 100-jährigen Gedenken an jenen ersten großen internationalen Krieg hinzuzufügen, wurde im Jüdischen Gemeindezentrum in die Tat umgesetzt. Aus dem Drama Die letzten Tage der Menschheit, in den Jahren 1915 bis 1919 geschrieben und bis 1922 bearbeitet und ergänzt, traf Schultz eine Auswahl und fand seinen eigenen Ton (unvergesslich ist die legendäre Interpretation des österreichischen Schauspielers Helmut Qualtinger).
»Die Mitwelt, die geduldet hat, dass die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen«, zitierte Schultz zu Beginn aus dem Vorwort. Dann nahm er sein großes, gebannt lauschendes Publikum mit auf einen Lese-Trip, eine »Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend«.
Die Auswahl von Schultz ist klug, die Vorlage von Kraus subtil, gnadenlos, dem Volk, dem Militär, den Herrschenden, dem Klerus, der Finanzwelt – der Ausdruck sei gestattet – aufs Maul geschaut. Alle Denk- und Sprachebenen werden vorgeführt. Im Vorspiel, 1. Szene, Wien Sirk-Ecke, kündigt ein Zeitungsausrufer: »Extraausgabe! Ermordung des Thronfolgers! Da Täta vahaftet!« an. Daraufhin ein Korsobesucher zu seiner Frau: »Gottlob kein Jud.« Dann geht es weiter mit einer Konversation unter Offizieren. Kraus braucht nur ein paar Zeilen, und neben dem Thema Antisemitismus sind auch gleich militärische Selbstüberschätzung und Patriotismus angerissen.
AUSMASS
In seiner 1899 gegründeten und seit 1912 nur mehr mit eigenen Beiträgen bestückten Zeitschrift »Die Fackel« heißt es unter dem Datum 5. Dezember 1914 in einem Text mit dem Titel »In dieser großen Zeit«: »Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige.« Der aus Böhmen stammende Satiriker, Schriftsteller, Aphoristiker sowie Sprach- und Kulturkritiker Kraus war damals 41 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt konnte er weder das Ausmaß des Ersten Weltkriegs noch seine Konsequenzen kennen.
Was den Abend so besonders machte, war zunächst die Auswahl und Modulationsfähigkeit des Rezitators, der die Dialekte und Sprechweisen der Akteure des Dramas wiederzugeben wusste. Hinzu kam die Darbietung von Filmausschnitten, entstanden 1934 zum 60. Geburtstag des gefürchteten Polemikers. Kraus las die 55. Szene über »Die Raben«. Man sieht an seinen Gesten: Gleichgültig war dieser Mann nie.
Kraus bekämpfte den Krieg mit seinen Mitteln – einer außerordentlich spitzen Feder. Und er bekämpfte »das falsche Erinnern an den Krieg«, wie Klaus Schultz anhand des Textes »Reklamefahrt zur Hölle«, basierend auf einer Annonce in den Basler Nachrichten, vorführte. Manchmal lassen sich Dummheit und Gefühllosigkeit aufzeigen, indem man nur zitiert.
»ENDSIEG«
Die letzten Tage der Menschheit kulminieren in dem zeitlos aktuellen Prosagedicht »Eine Stimme von oben«. Gleich zu Beginn kommt ein Wort zum Tragen, dessen Verwirklichung Kraus, der 1936 verstarb, gar nicht mehr erlebte: »Zu eurem unendlichen Schädelspalten haben wir bis zum Endsieg durchgehalten.« Heute gehört diese Zeile zu dem Grundwissen, dass ohne den Ersten Weltkrieg die Schoa so nie möglich geworden wäre.
Kraus wirft den Menschen ihre Jagd nach Territorien und Rohstoffen, nach Macht und Geld vor. Die Marsianer seines Menschheitsdramas künden den Erdlingen die Chance auf eine Zukunft auf, weil sie »sich Schlachten geliefert und Schanden gewonnen, im Frevel geeint, von Süden bis Norden, den Geist nur verwendet, um Leiber zu morden und einverständlich von Osten bis Westen die Luft mit Rache und Rauch zu verpesten, die beten konnten, um besser zu töten und nicht vor Scham, nur von Blut erröten, ihren Gott gelästert und ihrer Natur zertreten die letzte lebendige Spur«. Am Ende, so Kraus’ Fantasie, setzt ein Meteorregen ein.
Klaus Schultz schloss mit den Worten: »Der Sturm gelang. Die Nacht war wild. Zerstört ist Gottes Ebenbild!« Der letzte Satz – Gott zugeschrieben: »Ich habe es nicht gewollt« – führte in langes Schweigen und anschließend in frenetischen Applaus.
An diesem Abend war es um mehr als die »Neuvermessung Europas« gegangen, ein Vorgang, der – man erlebt dies Tag für Tag – nicht beendet ist. Es ging ums Welttheater, bei dem der letzte Vorhang fallen könnte, wenn der Mensch des Menschen Feind bleibt.
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Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786
Kultur
»Wie rettet man das Tote Meer?«
Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage
Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel
Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.
Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.
Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka
»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation
Moderation: Emanuel Rotstein
Eintritt frei.
Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91
Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm
Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18
Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786
Kultur
„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter
Beginn 19:00Buchpräsentation
Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.
Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »
Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786
Kultur
Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor
Beginn 19:00Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
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