Kultur
« Zurück
29. August 2013
Kino: Brüchige Idyllen
Nahost am Lido: Jüdisches und Israelisches bei den Filmfestspielen Venedig von Rüdiger Suchsland, erschienen auf Jüdische Allgemeine Online, 29.8.2013. Sie ist die Mutter aller Filmfestivals – die »Mostra« von Venedig, wie sie in Italien nur kurz genannt wird. 1932 gegründet, ist dieses erste Filmfestival der Welt ein Kind der Diktatur; genauer gesagt, ein Einfall des Grafen Volpi, der nicht nur eine Weile in Benito Mussolinis Kabinett als Kulturminister diente, sondern dem vor allem das »Excelsior« gehörte, das luxuriöseste Hotel am Lido, jenem schmalen Sandstreifen, der die Lagune vor Venedig vor den Gezeiten schützt.
Zur Nachsaison Anfang September sollten Filme und Stars noch einmal das Geschäft ankurbeln, so Volpis Überlegung. Die Rechnung aus Tourismus und Politik ging auf, und die Idee des Filmfestivals war geboren. 1936 zog die UdSSR mit Moskau nach, und nach dem Krieg übernahmen die Demokratien das Konzept: Cannes, Berlin und andere folgten.
Wettbewerb
Seit Mittwoch nun läuft am Lido die 70. Jubiläumsausgabe der Mostra, die mit Gravity des Mexikaners Alfonso Cuarón eröffnet wurde. Bernardo Bertolucci, der Grandseigneur des italienischen Kinos, ist Jurypräsident. Das israelische Kino und jüdische Filmemacher sind in allen Sektionen präsent.
Im Wettbewerb begegnet das Publikum einem guten israelischen Bekannten. Fast möchte man glauben, als habe Amos Gitai, der schon acht Filme in Venedig präsentierte, ein Abonnement auf die Wettbewerbsteilnahme. Und als er gerade mal keinen Film fertig hatte, war Gitai in der Jury.
Bei seiner neuen Produktion Ana Arabia scheint der 62-Jährige sich zunächst einmal eine formale Herausforderung gestellt zu haben. Der Film besteht aus einer einzigen, 84-minütigen Plansequenz, einer Kameraeinstellung, die durch keinen Schnitt unterbrochen wurde. Das pure Leben, unverfälscht. Ana Arabia ist gleichwohl fiktional und inszeniert. Im Zentrum steht Yael, eine junge israelische Journalistin, die eine Enklave zwischen Jaffa und Bat Yam besucht. Sie begegnet den Menschen und ihren individuellen Hoffnungen und Enttäuschungen und erkundet die Lebenswelt dieses Ortes jenseits aller Klischees.
Zugleich entdeckt sie auch einen entlegenen Ort, an dem Israelis und Palästinenser die fragile Möglichkeit einer Koexistenz leben – »eine universale Metapher«, so Gitai: »Ich habe solche langen Einstellungen schon immer gern dazu genutzt, um Fragmente und Widersprüche miteinander zu verbinden. Das ist natürlich auch eine Art künstlerisches Statement, das die Tatsache kommentiert, dass die Schicksale von Juden und Arabern in dieser Gegend nicht geteilt sind, nicht zerschnitten. Sie sind vielmehr verwoben und müssen Wege finden, miteinander auszukommen und sich zu stimulieren, anstatt Konflikte aneinanderzureihen.«
Gewalt
Yuval Adlers Debütfilm Bethlehem, der in der Sektion »Venice Days« Premiere hat, handelt von Sanfur, einem Palästinenser, der aus einer Familie militanter Aktivisten stammt, heimlich aber für den israelischen Geheimdienst arbeitet. Sein Mossad-Führungsoffizier Razi ist über die Jahre zu einem Ersatzvater für ihn geworden. Nun aber ist Razi hinter Sanfurs älterem Bruder her und will ihn tot oder lebendig zur Strecke bringen.
Adler erzählt von den schweren Loyalitäts- und Identitätskonflikten, denen sowohl Sanfur wie Razi ausgesetzt sind. Auch hier geht es, wie bei Gitai, um Koexistenzen und innere Grenzüberschreitung. Für seinen Film hat der junge Regisseur, der in Tel Aviv und New York studierte, zahlreiche Mossad-Mitarbeiter interviewt. »Das Geheimnis des Rekrutierens informeller Mitarbeiter«, berichtet er, »liegt darin, eine geradezu intime Beziehung zum Informanten zu entwickeln«.
Nicht um Nahost, sondern um Afrika dreht sich Noaz Deshes White Shadow in der Reihe »Settemana della Critica«. Deshe, ein Israeli, der zwischen Berlin und New York pendelt, und dessen Film in Deutschland produziert wurde, hat im ostafrikanischen Tansania gedreht. Größtenteils mit Laiendarstellern besetzt, erzählt er die Geschichte einer Gruppe von Albinos.
Sie sind nicht nur Opfer von Ausgrenzung unter ihren schwarzen Landsleuten. In den letzten Jahren ist zunehmend auch der alte Aberglaube an die angebliche »heilende« und »magische« Kraft ihrer Körperteile zu einer regelrechten Menschenjagd eskaliert – befeuert von Zauberern und Schamanen, die vom Handel mit teuer bezahlten Albinokörperteilen profitieren. Über 200 Albinos wurden allein zwischen 2008 und 2010 ermordet.
»Albinos sterben nicht, sie verschwinden einfach«, heißt es in dem Film, der sich dem jungen Alias auf die Fernen heftet, dessen Familie Opfer eines Massakers wurde. Deshe zeigt ein Afrika jenseits aller idyllischen Bilder, einen düsteren Kontinent voll alltäglicher Gewalt und primitiver Barbarei.
Philosophie
Wiederum bei den »Venice Days« läuft Venezia Salva, die zweite Regiearbeit von Serena Nono, der jüngsten Tochter des Komponisten Luigi Nono. Venezia Salva ist die freie Adaptation eines Theaterstücks der französischen Philosophin Simone Weil (1909–1943) – ein Mantel- und Degenstück, das im Venedig des Jahres 1618 angesiedelt ist und von einer Verschwörung erzählt: Der spanische Botschafter versucht, die Republik zu stürzen. Hinter dieser mit erotischen Verwicklungen aufgepeppten aktuellen politischen Rahmengeschichte über Demokratie und ihre Widersacher, über Macht und Gewalt, steht für Nono Grundsätzliches: »Ich wollte die Essenz von Simone Weils Ideen bewahren, die eine geradezu griechische Tragödie erzählt – dass Wahrheit zum Unglück führt, aber auch dass in der Schönheit Wahrheit liegt.«
In der Jubiläumsretrospektive der »Venice Classics« wird unter anderem Chantal Akerman geehrt. Zwei Filme der belgischen Regisseurin werden gezeigt, die hier vor 40 Jahren liefen. Hotel Monterey (1972) ist ein Stummfilm über ein New Yorker Hotel, das zum Zufluchtsort für viele vergessene Alte im »Big Apple« wurde. Le 15/8 von 1973 stellt ein junges Mädchen aus Finnland ins Zentrum.
Akerman beobachtet sie während eines ganzen Tages – dem 15. August 1973 – in einem Pariser Appartement, in dem die junge Frau als Au-pair arbeitet. Le 15/8 ist das Porträt einer Nach-68er-Jugend, die ihre Zukunft bereits lange vor Castingshows und Sozialen Netzwerken an die Konsumgesellschaft verschleudert hat. Akermans Filme wirken heute wie eine doppelte Flaschenpost aus einer verlorenen Zeit – für das Kino wie für die Gesellschaft.
VeranstaltungenÜberblick »
Oktober 2026 | Tischri-Cheschwan
- So
- Mo
- Di
- Mi
- Do
- Fr
- Sa
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
- 6
- 7
- 8
- 9
- 10
- 11
- 12
- 13
- 14
- 15
- 16
- 17
- 18
- 19
- 20
- 21
- 22
- 23
- 24
- 25
- 26
- 27
- 28
- 29
- 30
- 31
Aktuelle Veranstaltungen
Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787
Kultur
Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen
Beginn 20:30 Uhr:Beitrag der IKG München und Oberbayern
Auf einen Blick:
Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser
Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)
Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.
Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska
Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München
Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.
Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.
Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de
So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787
Kultur
»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre
Beginn 17:00 Uhr:
Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens
Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.
Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de
Mi. 21.10.2026 | 10. Cheschwan 5787
Kultur
Filmvorführung „Noga“
Beginn 19:00Filmvorführung
Mittwoch, 21. Oktober 2026, 19 Uhr
Ein Film von Jono & Benji Bergmann mit Noga Erez und Ori Rousso
Produktion: Babka Film in Koproduktion u.a. mit Sperl Film + Fernsehproduktion
Österreich/ Deutschland/ Israel 2026, 96 Min.
Originalsprache: Hebräisch, Englisch, mit deutschen Untertiteln
Die israelische Musikerin Noga Erez ist mit ihrem kreativen Partner und Lebensgefährten Ori Rousso auf dem Weg zum internationalen Durchbruch. Zwischen ausverkauften Konzertsälen mit provokanten Hits wie »End of the Road«, politischer Zuspitzung und persönlichen Spannungen, kämpft sie darum, weiterhin gehört, vor allem aber verstanden zu werden – in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
