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7. Juni 2013
Zerstörte Heimat
Vor 75 Jahren wurde die Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße auf Hitlers Befehl dem Erdboden gleichgemacht. Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, war damals fünf Jahre alt – den Tag hat sie nicht vergessen. Von Jakob Wetzel, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 7.6.2013.
Die Zylinder sind ihr im Gedächtnis geblieben. Zu hohen Feiertagen trugen die Männer in der Münchner Hauptsynagoge die Hüte, und Charlotte Knobloch schwärmt davon noch heute. Damals, im Jahr 1938, war sie fünf Jahre alt. Mit ihrer Großmutter stand sie in der Synagoge auf der Frauengalerie und beobachtete von oben die Männer mit ihren Zylindern. Wurde es ihr langweilig, ging sie leise die Stufen hinab zu ihrem Vater. Charlotte Knobloch liebte die Synagoge. Mit ihren Türmen und Fensterbögen kam sie ihr wie eine Burg vor, robust und dauerhaft. Doch wenige Monate später verwandelte sich diese Burg in einen Berg aus Schutt.
Vor 75 Jahren, am 9. Juni 1938, ließ die Stadt München die Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße abreißen. ‚Verkehrstechnische Gründe‘ schob die Stadtverwaltung vor. Tatsächlich hatte Adolf Hitler den Abriss befohlen, das prächtige Gotteshaus passte nicht in sein Bild Münchens als ‚Hauptstadt der Bewegung‘. Wenig später stand die kleine Charlotte Knobloch vor dem Trümmerhaufen, der einmal der Stolz der Münchner Juden gewesen war, und verstand die Welt nicht mehr.
Der Abbruch der Münchner Hauptsynagoge war ein Fanal
Der Abbruch der Münchner Hauptsynagoge war ein Fanal. Das Gebäude war das erste jüdische Gotteshaus, das im nationalsozialistischen Deutschland zerstört wurde, fünf Monate vor der Reichspogromnacht. Sein Abriss war ein Schlag gegen das Selbstverständnis der Münchner Juden. Denn die Synagoge war weit mehr gewesen als ein Tempel, sie war ein Symbol. Mit ihrem Bau hatten die jüdischen Münchner einen lange gehegten Traum verwirklicht und selbstbewusst ein Zeichen gesetzt: ein Zeichen der Zugehörigkeit zu München – nach Jahrhunderten, in denen sie aus der Stadt verbannt oder staatlich gegängelt worden waren, in denen sie religiöse Feste nur im Verborgenen hatten feiern können. Die von Albert Schmidt entworfene und im September 1887 eingeweihte Hauptsynagoge duckte sich nicht mehr zurückhaltend in eine Häuserzeile wie die zuvor genutzte Synagoge in der Westenriederstraße. Der Neubau stand an prominenter Stelle, war weithin sichtbar und als erster neoromanischer Monumentalbau Münchens ein beliebtes Postkartenmotiv. Wie die Frauenkirche bestand die Synagoge aus Backstein. Und sie war nach den Synagogen in Berlin und Breslau die drittgrößte im Deutschen Reich, sie bot Platz für 1000 Männer und 800 Frauen.
Das Ende der Synagoge kam abrupt
Das Ende der Synagoge kam abrupt. Am 7. Juni sahen Gemeindemitglieder Hitlers Auto nahe der Synagoge. Am 8. Juni erhielt die Israelitische Kultusgemeinde die Weisung, das Gebäude noch am selben Tag zu räumen und zu verkaufen, Widerstand sei zwecklos. Der überrumpelten Gemeinde blieb wenig Zeit. Am Abend feierte sie eilig einen Gottesdienst. Da der deutsche Rabbinerverband gerade in München tagte, nahmen zahlreiche Rabbiner teil, unter ihnen Leo Baeck, der Vorsitzende der ‚Reichsvertretung der Juden in Deutschland‘ und damit deren höchster Repräsentant.
Auch Fritz Neuland war dabei, Charlotte Knoblochs Vater. Am Ende trugen die Gemeindemitglieder die Thorarollen aus dem weißen Marmorschrein der Synagoge. Bereits am nächsten Morgen um 6 Uhr rückte die von der Stadt beauftragte Baufirma mit Sprengladungen und Abrissbirne an. Charlotte Knobloch erinnert sich lebhaft, wie ihr Vater vom Abriss der Synagoge erzählte, wie ihre Großmutter versunken dasaß und weinte. ‚Für sie war das der Anfang vom Ende‘, sagt Knobloch. Der 9.Juni 1938 sei die Vorstufe zur Pogromnacht am 9. November gewesen. ‚Im Juni ging es noch um das Gebäude, später um die Menschen.‘ Heute erinnert nur wenig an die Synagoge. Das Grundstück wurde planiert und bis Juli 1938 als Parkplatz ausgewiesen, später wieder bebaut. Seit 1969 gibt es zumindest ein Mahnmal, das an die Synagoge erinnert.
Die Israelitische Kultusgemeinde gedenkt der Zerstörung an diesem Samstag im Gottesdienst zum Sabbat. Die liberale Gemeinde Beth Shalom feiert am Sonntag um 15 Uhr einen Gedenkgottesdienst im Künstlerhaus. Den jüdischen Münchnern ist von der Synagoge wenig mehr geblieben als die Erinnerung und alte Postkarten. Vom Bau erhalten blieb nur eine Kapsel aus dem Schlussstein der Hauptsynagoge, sie enthält neben einem Satz Münzen und Zeitungen von September 1887 eine Urkunde über den Bau des Gotteshauses. Und auch eine der 1938 aus der Hauptsynagoge geborgenen Thorarollen kehrte nach langer Odyssee aus New York nach München zurück, zur Eröffnung des neuen Gemeindezentrums 2006. Sie ruht im Thora-Schrein der Synagoge am Sankt-Jakobs-Platz.
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Mirna Funk, eine der mutigsten und unkonventionellsten jüdischen Stimmen Deutschlands erzählt von Recht und Unrecht in der Kunstwelt, von schwieriger Restitution und von der Suche einer jungen Frau nach einem Weg durch das Chaos (hebr. »Balagan«), das die deutsch-jüdische Geschichte im Allgemeinen und in ihrer Familie angerichtet hat.
Mirna Funk, 1981 in Ost-Berlin geboren, studierte Philosophie und arbeitet als Autorin sowie freie Journalistin u. a. für NZZ, DIE WELT und Die ZEIT. Für ihr Romandebüt »Winternähe« wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Mirna Funk lebt in Berlin und Tel Aviv.
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Beginn 19:00Donnerstag, 29. Januar 2026, 19 Uhr
Mit Friederike Heimann und Anette Daugardt (Rezitation)
Gertrud Kolmar – geboren 1894 in Berlin, 1943 in Auschwitz ermordet – verleiht in ihren dichten, manchmal archaischen und doch oft überraschend modernen Bildwelten immer wieder dem Fremden und Ungekannten, dem Stummen und Sprachlosen, eine Stimme. Dabei durchdringen sich das Weibliche und das Jüdische in ihrer Poetik auf vielfache Weise. Nun seh‘ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen / Da ich vor Rom, vor Karthago schon war, heißt es in „Die Jüdin“, die eine Forscherreise rüsten möchte in ihr eigenes uraltes Land.
Durch die Gedichtlesung führt Friederike Heimann, Literaturwissenschaftlerin und Autorin einer Biographie über Gertrud Kolmar» In der Feuerkette der Epoche« (Suhrkamp 2023).. Die Gedichte werden von der Berliner Schauspielerin Anette Daugardt vorgetragen. Weiterlesen »
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