Jugend
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7. September 2012
Elite-Unis online: Harvard für alle
Von Giuseppe Paletta, erschienen auf Spiegel Online, 6.9.2012. Sie sitzen an Laptops in Bulgarien, Ägypten, Indien – und studieren dennoch gemeinsam: Zehntausende Jungakademiker lernen mit den Online-Angeboten großer US-Unis. Bisher sind die Kurse gratis, doch die Elite-Hochschulen planen voraus: Sie kämpfen um den Bildungsmarkt der Zukunft.
Studieren kann so wunderbar sein, findet Ahmed Salah, 24. Der junge Ägypter gerät noch heute ins Schwärmen, wenn er über das Schaltkreis- und Elektronikseminar spricht, an dem er im vergangenen Winter teilnahm.
Eine „großartige Erfahrung“ nennt er den Kurs und findet es „phantastisch“, dass er kostenlos von Professoren des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) unterrichtet wurde – und dass er dafür noch nicht mal sein kleines Zimmer in Kairo verlassen musste.
Meh als eine technische Weiterentwicklung
Mit 150.000 Studenten und Interessierten aus mehreren Ländern absolvierte Salah den Kurs online; das MIT hatte das Seminar im Dezember versuchsweise angeboten – das Interesse war riesig. Im Frühling dann startete die amerikanische Universität, gemeinsam mit der Elite-Uni Harvard, das Projekt „edX“: Unter diesem Namen sollen künftig weit mehr Online-Seminare angeboten werden. Die Hochschulen investierten nach eigenen Angaben jeweils 30 Millionen Dollar, im Sommer schloss sich auch die Westküsten-Uni Berkeley an.
Es ist nicht bloß eine technische Weiterentwicklung, die da vor sich geht, sie wirbelt das bisherige Geschäftsmodell der elitären US-Universitäten durcheinander. Die „New York Times“ schreibt: Auch wenn es Online-Studiengänge schon lange gebe, erlebe die Hochschullandschaft gerade das, was Zeitungen und Magazine seit Jahren kennen – eine Neuordnung im Netz.
Das Online-Studium bei renommierten Dozenten und an drei der prestigeträchtigsten Universitäten soll, zumindest vorerst, gebührenfrei bleiben. Beim Studium auf dem Campus hingegen können sich die Studiengebühren schon mal auf einige zehntausend Dollar pro Jahr belaufen. Wer konsequent an den Web-Seminaren teilnimmt und die Prüfungen besteht, bekommt ein Zertifikat von den Hochschulen.
Wie die Traditionsunis ein neues Geschäftsfeld erobern wollen
Das hat bei Ahmed Salah zwar nicht geklappt, er habe in seinem eigentlichen Beruf als Mechatroniker zu viel zu tun gehabt und deshalb einige Tests verpasst, erinnert er sich. Beim edX-Angebot in diesem Herbst will er aber wieder dabei sein. Zu den 7000 Online-Studenten, die jetzt ein Zertifikat aus dem Winterkurs haben, gehört hingegen Evelina Petkova, 31, aus Bulgarien. Auch die Physikstudentin hat das MIT-Seminar besucht und sagt, die Erwartungen an die Teilnehmer waren sehr hoch. Doch weil der Lernstoff kompakt und strukturiert vermittelt wurde, war es gut zu schaffen: Bei festen Deadlines für Hausaufgaben habe man keine Chance gehabt, die Arbeit vor sich herzuschieben. Wöchentliche Videovorlesungen, dazu Tutorien und ein Forum, in dem sich die Studenten gegenseitig halfen – all das fand Petkova motivierend, wie sie sagt.
Warum aber machen die Hochschulen das? Schließlich gefährden sie ihr traditionelles Geschäftsmodell. Sie geben sich idealistisch: „Das Ziel von edX ist, Millionen Studenten auf der Welt Bildung zu ermöglichen“, sagt Piotr Mitros, Chefwissenschaftler des Projekts, „besonders denen, die überhaupt keinen Zugang dazu haben.“
Allerdings bleibt den Unis auch kaum etwas anderes übrig, als sich auf dem neuen Geschäftsfeld als starke Marken zu etablieren. Denn längst gibt es andere Lernplattformen. Coursera bietet Lehreinheiten der Elite-Unis Stanford und Princeton, der Ex-Stanford-Professor Sebastian Thrun gegründete Udacity. Thrun ist Experte für Künstliche Intelligenz und hatte genug vom alten Uni-Geschäft: „Die Uni nutzt Methoden wie vor tausend Jahren“, wetterte er im SPIEGEL-ONLINE-Interview und kündigte an, nur noch online zu lehren.
Ein Zertifikat ist kein Abschluss – Online-Studium zweiter Klasse?
Auch diese Plattformen bieten kostenlose Seminare an und hatten in kurzer Zeit erheblichen Zulauf: Coursera gibt an, dass sich rund eine Million Studenten aus 196 Ländern für mindestens einen Kurs eingeschrieben haben. Fürchten dir Traditionsunis also, sie könnten einen Trend verschlafen und ihnen könnten Dozenten und Studenten davonlaufen?
John Wilton, Vizekanzler für Verwaltung und Finanzen in Berkeley, gibt sich gelassen: „Es existieren zwar andere Online-Plattformen“, aber sie gehörten nicht komplett den Unis, anders als das neue Portal edX. Der Wettbewerb belebe die Innovation – und schließlich müssten Fakultäten und Studenten selbst entscheiden, mit welchem Anbieter sie lernen und arbeiten wollen. Das soll wohl auch heißen: Wer bei Udacity, Coursera oder anderswo lernt, dem entgeht das Label Harvard, Berkeley oder MIT. Wie bei T-Shirts und Kaffeebechern als Werbemittel setzten die Unis auf ihre großen Namen, um ihr Angebot bekanntzumachen.
Der Name allerdings ist auch der Haken an dem Modell: Genau genommen absolvieren die Studenten ihre Online-Seminare nämlich nicht bei Harvard oder Berkeley, sondern bei „HarvardX“ und „BerkeleyX“. So nennen sich die Universitäten auf ihrer Plattform, und so steht es auch auf dem Zertifikat (siehe Fototrecke), das erfolgreiche Teilnehmer bekommen. „Obwohl ich ein Zertifikat mit einer sehr guten Note bekommen habe, würde ich es nicht mit einem regulären Zeugnis vergleichen“, sagt Prakash Wadhwani aus Indien, der auch am MIT-Versuchskurs teilgenommen hat. „Aber ich finde das Zertifikat ist sowieso unbedeutend. Wichtig sind die Fähigkeiten, die man in den Seminaren erwirbt.“
Ähnlich sieht es Michael Smith, Dekan der Fakultät für Künste und Wissenschaften an der Universität Harvard: „Die Zertifikate können nicht zu einem formalen Abschluss angerechnet werden, aber sie belegen, dass die Studenten die Lernziele erreicht haben und den Lerninhalt verstanden haben.“
Und mittelfristig wollen die Unis dann auch für die Zertifikate kassieren: „Es ist geplant, in Zukunft einen angemessenen Beitrag für die Zertifikate zu verlangen“, steht auf der Internetseite edx.org. Für die Kurse im Herbst 2012 seien sie aber noch kostenlos. Im September und Oktober beginnen die ersten, etwa „Einführung in die Grundlagen der Festkörperchemie“ oder „Einführung in Informatik und Programmierung“.
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