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12. Juli 2012

Dritter Rücktritt beim Inlandsgeheimdienst

Mit Sachsens Reinhard Boos räumt der nächste Verfassungsschützer seinen Posten wegen Pannen rund um die NSU-Ermittlungen. Von Manuel Bewarder, Martin Lutz und Uwe Müller, erschienen auf Welt Online. Man hat den Eindruck, dass sich gerade eine überaus schlechte Geschichte wiederholt: Der Verfassungsschutz soll den parlamentarischen Aufklärern der Hintergründe der Neonazi-Mordserie nämlich erneut Dokumente vorenthalten haben.

Vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass ein Referatsleiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) den Präsidenten Heinz Fromm über den Verbleib von Dokumenten über das Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) getäuscht hatte. Nun kommt heraus, dass im sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz in einem Schrank noch eine Akte lagerte, obwohl eigentlich alle relevanten Dokumente schon längst bei den zuständigen Gremien angekommen sein sollten.

Die politischen Folgen sind die gleichen: Dem 63-jährigen Fromm blieb ebenso wie nun Sachsens Verfassungsschutzpräsident Reinhard Boos nur der Rückzug vom Posten. Zusammen mit dem von Thüringen in den vorläufigen Ruhestand geschickten Landesverfassungsschutzchef Thomas Sippel verliert der dritte führende Verfassungsschützer sein Amt.

Die Pannen bei den Ermittlungen zur Zwickauer Zelle, bestehend aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, haben sich damit zu einem regelrechten Verfassungsschutzskandal ausgeweitet. Und wie bei den Hintergründen von Fromms Rückzug gibt es nun viele Fragen: Warum wurde diese Akte nicht weitergegeben? Warum nicht gelöscht?

Keine Verschwörungen – „Schlamperei“

Im sächsischen Innenministerium will man von Verschwörungstheorien nichts hören. Dort spricht man von „Schlamperei“. Minister Markus Ulbig (CDU) erkennt ein „eklatantes Fehlverhalten“ einzelner Mitarbeiter. Dem Präsidenten sei dies nicht zuzuschreiben. Dessen Bitte um Versetzung entspreche er nur schweren Herzens, sagte Ulbig.

Bei den erst jetzt aufgetauchten Dokumenten handelt es sich um Protokolle einer Telefonüberwachung, die vom BfV geleitet wurde. 1998, im Jahr, als das Zwickauer Trio untertauchte, wurde Sachsen tätig. Die Maßnahme galt einem mutmaßlichen Unterstützer der drei. Das Stichwort lautete „Umfeldsuche“. Die Spur war gar nicht schlecht: Schließlich wohnte das Trio in der Folge lange Zeit in Sachsen. Eigentlich hätte die Akte irgendwann an das Bundesamt zurückgeschickt werden müssen. Doch nichts passierte. Auch der Generalbundesanwalt bekam sie in den letzten Monaten nicht. Zudem wurde die Aufbewahrungszeit überschritten – und die Akte landete nicht im Schredder.

Noch vor einer Woche hatte der Innenminister seinem obersten Verfassungsschützer gute Arbeit bescheinigt. Boos hatte immer beteuert, dass seine Behörde keine Erkenntnisse gegen die Zwickauer Zelle zurückgehalten habe. Das Ministerium wiederum schrieb, man unterrichte „ständig und umfassend über den aktuellen Sachstand“. Nun allerdings übernahm Boos die politische Verantwortung für den überraschenden Fund im Schrank. Doch auch sein Dienstherr Ulbig gerät unter Druck. „Das ist der Super-GAU für den Innenminister“, sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Karl Nolle der „Welt“. Kein Mitarbeiter im Verfassungsschutzamt könne auf eigene Veranlassung handeln. Er kritisierte zudem, dass der Untersuchungsausschuss Sachsen im Unterschied zu den Gremien im Bundestag und in Thüringen noch nicht richtig mit der Arbeit begonnen habe. „Bisher wurde gerade mal ein Sachverständiger gehört. Es gibt offenbar kein wirkliches Interesse an Aufklärung“, sagte Nolle. Grüne und Linke forderten Ulbig bereits zum Rücktritt auf. Auch das Grünen-Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag, Hans-Christian Ströbele, hält weitere personelle Konsequenzen für zwingend. Allerdings reichten Rücktritte nicht aus. Die gesamte Organisation der Geheimdienste und vor allem des Verfassungsschutzes müsse auf den Prüfstand und zur Disposition stehen.

Diskussion um Zukunft der deutschen Sicherheitsarchitektur

So befeuert der Vorgang die Diskussion über die Zukunft der deutschen Sicherheitsarchitektur. Wie sieht es mit Regeln, Dienstanweisungen und der Kontrolle bei den Geheimdiensten aus? Warum versagt immer wieder die Zusammenarbeit der Behörden? Die Parlamentarische Kontrollkommission des sächsischen Landtags will in einer Sondersitzung am heutigen Donnerstag erst mal den Aktenfund aufklären. „Wir wollen die Originalakten umgehend sehen und auswerten“, sagte der Vorsitzende Günther Schneider (CDU). Vielleicht wird man sogar Rückschlüsse auf die Ermittlungspannen zum NSU ziehen.

Auf jeden Fall hat die Aufklärungsarbeit schon wieder kaum Fassbares über den Geheimdienst zutage gefördert. Und da passt es irgendwie ins Bild, dass ausgerechnet Thüringens ehemaliger Verfassungsschutzpräsident Helmut Roewer laut MDR ein Tagebuch seiner Amtszeit veröffentlichen will. „Drastisch“ werde dies werden. Das mag schon etwas heißen, wenn dies Roewer sagt, der noch am Montag mitteilte, er könne sich nicht an die Übergabe seiner Ernennungsurkunde erinnern – er sei zu betrunken gewesen. Es sind sehr schlechte Tage für den Verfassungsschutz.

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Aktuelle Veranstaltungen


Mi. 07.10.2026 | 26. Tischri 5787

Kultur

»Sie kamen, um uns zu töten. Mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« – Ein Abend mit Dafna Gerstner

Beginn 19:00

Buchpräsentation & Gespräch mit der Autorin
Mittwoch, 7. Oktober 2026, 19 Uhr

Lesung: Ulla Wagener
Moderation: Richard Volkmann

Dafna Gerstner stammt aus Israel und lebt seit 2011 in Deutschland. 2023 wurde sie Zeugin des brutalen Massakers der Hamas vom 7. Oktober im Kibbuz Be’eri. Wie durch ein Wunder überlebte sie in einem nicht abschließbaren Schutzraum in der Wohnung ihres Bruders Eitan. Dreißig Menschen von dort, darunter Kleinkinder, wurden nach Gaza verschleppt – nicht alle haben die Geiselhaft überlebt. Es starben insgesamt 102 aus dem Kibbuz Be‘eri, darunter auch Dafnas Bruder Eitan, der als Mitglied der Bereitschaftseinheit das Leben zahlreicher Kibbuz-Mitglieder rettete im für ihn tödlichen Kampf gegen die Terroristen.

In ihrem Buch erzählt die Überlebende Dafna Gerstner vom Leben im Kibbuz vor und nach dem Massaker, aber auch davon, was es heißt zu überleben. Sie berichtet von den traumatischen Folgen des Terrorangriffs – sowohl für sie persönlich als auch für die israelische Gesellschaft. Doch auch die Spaltung der deutschen Gesellschaft hat ihr Leben als Jüdin in Deutschland verändert.

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Sa. 17.10.2026 | 6. Cheschwan 5787

Kultur

Zum 27. Mal: »Die lange Nacht der Münchner Museen

Beginn 20:30 Uhr:

Beitrag der IKG München und Oberbayern

Auf einen Blick:

Vorträge (je 30 Min.)
20:30 Uhr Dinah Zenker
22:00 Uhr Ellen Presser

Konzerte des Synagogenchors »Schma Kaulenu«
unter Leitung von David Rees
21:15 Uhr und 22:30 Uhr (ca. 30 Min.)

Eine Synagoge, wörtlich Ort der Zusammenkunft (zum Gebet), ist von zentraler Bedeutung für jüdisches Leben. Der Vortrag erläutert, woher der Name »Ohel Jakob kommt, ferner architektonische Besonderheiten und die Rolle der Musik.

Musikalische Begleitung: Luisa Pertsovska

Veranstaltungsort: Synagoge »Ohel Jakob«, St.-Jakobs-Platz 18, 80331 München

Das Restaurant Einstein im Jüdischen Gemeindezentrum bietet koschere Köstlichkeiten.

Das Ticket kostet 20 Euro und berechtigt zum Eintritt in über 100 beteiligte Häuser.

Weitere Informationen unter www.muenchner.de und www.ikg-m.de

So. 18.10.2026 | 7. Cheschwan 5787

Kultur

»Shvayg Mayn Harts«. Jiddische Lieder aus der goldenen Ära des New Yorker Yiddish Theatre

Beginn 17:00 Uhr:

Sasha Lurje & Roman Grinberg – Gesang
Shvayg Mayn Harts Orchestra
Dirigent: Michael Alexander Willens

Mit „Shvayg Mayn Harts“ erfüllt sich Michael Alexander Willens einen lang gehegten persönlichen Traum: die Musik seiner beiden Großväter Alexander Olshanetsky und
Herman Yablokoff wieder auf die Bühne zu bringen. Beide gehörten zu den prägenden Persönlichkeiten des jiddischen Theaters in New York.
Als Komponisten, Sänger und Bühnenstars schufen sie Lieder, die weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus bekannt wurden und bis heute zum Schatz des jiddischen Musiktheaters zählen. Werke wie „Papirosn“, „Mayn Shtetele Belz“, „Hopkele“ oder „Ikh hob dikh tsufil lib“ erzählen von Liebe und Sehnsucht, von Heimweh und Hoffnung, von den Erinnerungen an die alte Heimat und vom Traum eines neuen Lebens in Amerika.
Gemeinsam mit dem eigens gegründeten „Shvayg Mayn Harts Orchestra“ lässt Michael Alexander Willens diese musikalische Welt neu aufleben. Mit Sasha Lurje und Roman Grinberg, der auch für die Orchesterarrangements verantwortlich zeichnet, stehen zwei der führenden Stimmen der internationalen jiddischen Musikszene auf der Bühne. Sie führen durch ein Programm voller Emotionen, Humor und Lebensfreude und schlagen eine Brücke von den Anfängen des jiddischen Theaters in Osteuropa bis zu seiner Blütezeit in New York.

Voranmeldung erforderlich möglichst bis 7. Oktober unter: festkonzert@ikg-m.de

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