Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Nachrichten

« Zurück

9. Mai 2012

Stimmen des Hasses: Rechtsextreme Partei zieht mit Hitlergruß ins griechische Parlament ein

Von Kai Strittmatter, erschienen in der Süddeutsche Zeitung vom 9. Mai 2012, Seite 7. Vielleicht die bemerkenswerteste Pressekonferenz am Abend der Wahl in Griechenland war die der Chrysi Avgi, der „Goldenen Morgenröte“. Nicht nur weil ihr Führer, Nikos Michaliolakos, flankiert von zwei muskulösen Glattrasierten, beim Ablesen seiner Rede mehrfach über das „vici“ in „veni, vidi, vici“ stolperte, bevor er sich für „wicki“ entschied. Nicht nur, weil er die Politiker der alten Parteien „Verräter“ nannte und eine Botschaft für sie hatte: „Sie sollten sich jetzt fürchten. Wir kriegen Sie.“

Nicht nur, weil er den Sieg den „mutigen Schwarzhemden“ seiner Partei widmete, sondern vor allem, weil die Partei die „Konfrontation“, die sie der „tyrannischen“ Presse versprach, an dem Abend gleich in die Tat umsetzte. Das Video von dieser Pressekonferenz ist seither eines der meistgeklickten vom Wahlabend. Man sieht einen Skinhead in den Raum kommen, in dem die wartenden Journalisten sitzen. Dann ertönt der gebellte Ruf „Aufstehen!“, auf Altgriechisch. Ordner der Partei zerren die Journalisten in die Höhe, die dem Befehl nicht gleich Folge leisten, und als eine Journalistin sich weigert, da wird sie des Saales verwiesen. Es gehe um „Respekt“ vor dem Führer, blaffen die Ordner. Die Zeitung To Vima schrieb hernach: „Diese Partei mag das demokratische System benutzt haben für ihren Aufstieg, aber sie hat keinerlei Respekt vor der Demokratie.“ Und weiter: „Viele, die amSonntag für Chrysi Avgi gestimmt haben, haben schon am Tag danach eine Gänsehaut bekommen. Viele wussten nicht wirklich, was sie da taten.“

21 Sitze, fast sieben Prozent. Eine Partei, die sich offen nationalsozialistisch nennt, zieht in das Parlament jenes Landes, das bis heute stolz darauf ist, Widerstand gegen Hitlers Truppen geleistet zu haben wie kaum ein anderes. Eine Partei, die für „Nation, Rasse und Volk“ kämpft und deren Führer im Athener Stadtparlament mit Hitlergruß auftrat (Nein, kein Hitlergruß, erklärte Michaliolakos hinterher: Hitler habe seinen Arm stets im 90-Grad-Winkel von sich gestreckt, er hingegen bevorzuge 75 Grad). Eine Partei, diemit demWahlslogan antrat, Griechenland „vom Schmutz zu befreien“; eine Partei, die die Grenze zur Türkei wieder verminen will, diesmal nicht gegen türkische Panzer, sondern gegen „fremdrassige Immigranten“.

Proteststimmen waren am Sonntag die meisten, aber diese sieben Prozent, das war mehr: das waren Stimmen des Hasses. Chrysi Avgi gibt es schon seit 1993, aber noch 2009 kam sie gerade mal auf 0,29 Prozent der Stimmen. Gegründet wurde die Partei von Sympathisanten des Obristen-Regimes. Es ist auch kein Zufall, dass sie ihre Kandidaten für die Wahlam 21. April vorstellte, dem Jahrestag des Militärputsches von 1967. Ihre Funktionäre leugnen den Holocaust, sie wollen ausländische Supermarkt-Ketten wie Lidl des Landes verweisen und die Politiker des alten Systems vor Sondergerichte stellen und in Straflager schicken.

Ihren Aufstieg aber verdankt Chrysi Avgi einzig einem Thema: dem Zustrom der illegalen Immigranten, die über die türkische Grenze ins Land kommen und die mittlerweile Teile des historischen Zentrums von Athen zu einer Dritten Welt mitten in Europa gemacht haben. Griechenland – ein Land von elf Millionen – ist mit dem Zustrom von einer Million Illegaler längst überfordert, Kriminalität und Drogenhandel steigen stark an. Die Schwarzhemden von Chrysi Avgi stellen Bürgerwehren auf, die tagsüber Rentner zum Einkaufen begleiten – und abends zur Jagd auf dunkelhäutige Immigranten blasen. Kritische Journalisten erhalten von ihnen Briefe, in denen ihnen auch schon mal ein „Attentat“ in Aussicht gestellt wird. Die Faschisten profitieren von dem Versagen der alten Parteien, die das Thema illegale Migration lange ignorierten.Gleichfalls profitieren die Rechtspopulisten von den „Unabhängigen Griechen“, deren Vorsitzender Panos Kammenos oft in einem Atemzug gegen Immigranten,Deutsche und den IWF hetzt, und der mit dieser Strategie mehr als zehn Prozent holte.

Eines haben die Rechtsausleger schon geschafft: Die etablierten Parteien sind auf den Zug aufgesprungen. Michalis Chrysochoidis, bis vergangene Woche Pasok-Bürgerschutzminster, ordnete eilig den Bau von 30 Internierungslagern an, Gesundheitsminister Andreas Loverdos warnte vor Aids und anderen Krankheiten der Flüchtlinge, und Antonis Samaras, Chef der konservativen Nea Dimokratia, nannte die Immigranten die „Tyrannen“  des Volkes. Manche Griechen hoffen, bei einer Neuwahl könnten viele Wähler ihre Stimme für Chrysi Avgi überdenken. Andere sind weniger optimistisch: Eine Wahlnachfrage des Staatssenders NET am Sonntag zeigte, dass unter den Jungwählern Chrysi Avgi mit 13 Prozent hinter dem Linksbündnis Syriza schon zweitstärkste Kraft war.

Alle Beiträge der Kategorie Nachrichten ansehen »

VeranstaltungenÜberblick »

Aktuelle Veranstaltungen


Di. 09.06.2026 | 24. Siwan 5786

Kultur

„Vier Tage im Juni. Eine nahöstliche Tetralogie. Mossul – Tel Aviv – Babel – Istanbul“ mit Mona Yahia

Beginn 19:00

Lesung und Gespräch
Dienstag, 9. Juni 2026, 19 Uhr

In ihrem Roman »Vier Tage. Eine nahöstliche Tetralogie« erzählt Mona Yahia die Geschichte einer jüdischen Familie zwischen Mossul, Tel Aviv, Babel und Istanbul. Ausgehend von einem Wendepunkt im Jahr 1918 entfaltet sich über vier Generationen hinweg ein vielschichtiges Panorama von Aufbruch, Verlust und Exil.  In eindringlichen Momentaufnahmen – jeweils verdichtet auf einen einzigen Tag – verknüpft die Autorin persönliche Schicksale mit den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts und stellt die Frage nach Zugehörigkeit, Erinnerung und dem eigenen Platz in der Welt. Weiterlesen »

Mo. 15.06.2026 | 30. Siwan 5786

Kultur

Buchvorstellung mit Tuvia Tenenbom: „Wie nennt Ihr dieses Land hier? Unter Siedlern“

Beginn 19:00

Buchpräsentation und Gespräch
Mit Fotos von Isi Tenenbom
Montag, 15. Juni 2026, 19 Uhr

Nach seinen Expeditionen »Allein unter Deutschen«, war er allein unter Juden, Amerikanern, Flüchtlingen und orthodoxen Juden. Inzwischen verbrachte Tenenbom acht Monate im Westjordanland unter Siedlern und sprach mit allen: religiösen Zionisten, politisch engagierten Siedlern, antizionistischen Charedim, mit Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen dort leben, mit Aktivisten, Journalisten, Politikern und Palästinensern.

Je mehr Gespräche er führte, desto deutlicher wurde: Ein einheitliches Bild lässt sich angesichts dieser komplexen Gemengelage nicht zeichnen. Gewalt verschweigt er nicht: »Ich gebe niemandem einen ›Rabatt‹. Ich weise nur darauf hin, dass dies ein kleiner Teil einer äußerst komplexen Geschichte ist – einer Geschichte mit vielen Schichten.« Weiterlesen »

Mi. 17.06.2026 | 2. Tamusz 5786

Kultur

Scholem-Alejchem-Vortrag: „ביכער פֿאַר אַלע“ – „Bücher für alle – populäre jiddische Literatur in Osteuropa, 1860 – 1914“

Beginn 18:15

Scholem-Alejchem-Vortrag in ondenk fun Evita Wiecki s“l
Mittwoch, 17. Juni 2026, 18:15 Uhr

Vortrag in jiddischer Sprache

  • Begrüßung: Prof. Dr. Martina Niedhammer
  • Einführung: Dr. Dasha Vakhrushova

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der jiddische Buchmarkt in Osteuropa neben traditionell-religiöser chassidischer Literatur immer mehr auch von weltlichen Publikationen geprägt. Diese neuen Texte richteten sich an ein breiteres jiddischsprachiges Lesepublikum, das tatsächlich großes Interesse an den neuen Formen und Inhalten zeigte. In dieser Zeit erschienen auch die ersten jiddischen Zeitungen, ein erschwingliches und leicht zugängliches Mittel der Verbreitung allgemeinen Wissens und aufklärerischer Ideen. Allmählich wurden diese Zeitungen zu einer wichtigen Bühne für literarische Werke unterschiedlichster Qualität. Der Vortrag möchte die große Bandbreite jiddischer Publikationen aufzeigen, zu denen jiddische Leser von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Zugang hatten, und stellt eine repräsentative Auswahl dieser Werke vor. Dazu gehören belletristische Werke diverser Genres und Stilrichtungen von verschiedener Qualität, darunter die sogenannte shund-literatur [Trivialliteratur] sowie populärwissenschaftliche Werke, die auf die Bedürfnisse der osteuropäischen jiddischen Leserschaft zugeschnitten waren. Weiterlesen »

Alle Veranstaltungen »

Israelitische Kultusgemeinde
Kontakt
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de