Kultur
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29. April 2011
Teofila Reich-Ranicki ist tot
Sie teilte seine Leidenschaft für Literatur und Musik und entkam gemeinsam mit ihm den Vernichtungslagern der Nazis. Unzählige Leser haben an ihrem Schicksal in dem Buch „Mein Leben“ teilgenommen. Am 29.4.2011 ist Teofila, die Frau Marcel Reich-Ranickis, im Alter von 91 Jahren gestorben. Felicitas von Lovenberg für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Bis vor zwölf Jahren war sie in der Öffentlichkeit vor allem als die Frau an seiner Seite bekannt. Ob im „Literarischen Quartett“ oder bei den zahlreichen Ehrungen und Preisen, die ihr Mann entgegennahm: Wo immer Marcel Reich-Ranicki auftrat, sah man die zierliche, elegant gekleidete Dame mit dem feinen Lächeln in der ersten Reihe. Jedem, der das Paar so erlebte, vermittelte sich ein starker Eindruck von Zusammengehörigkeit: Er das Tosen und die Brandung, sie der Fels.
Erst als im Jahr 1999 ihre Zeichnungen aus dem Warschauer Getto erstmals ausgestellt und bald darauf auch in Buchform veröffentlicht wurden (siehe Teofila Reich-Ranicki: Es war der letzte Augenblick – Leben im Warschauer Getto), konnten alle sehen, dass Teofila Reich-Ranicki, von allen, die sie kannten, liebevoll Tosia genannt, eine Künstlerin eigenen Ranges war.
Im Untergrund versteckt
Ihr langes Leben war geprägt vom existentiellen Schrecken des nationalsozialistischen Terrors. Geboren in Lodz am 12. März 1920 in eine weltoffene, großbürgerliche jüdische Kaufmannsfamilie, musste die junge Tosia, die die deutsche Schule besucht hatte, fließend Englisch und Französisch sprach, hervorragend Klavier spielte und leidenschaftlich zeichnete, ab dem Jahr 1939 erst die Zerrüttung und schließlich den Selbstmord ihres von den Nazis enteigneten und gedemütigten Vaters erleben, dann von 1940 bis 1943 im Warschauer Getto, bei der Flucht und später im Untergrund versteckt ständig Todesangst ausstehen.
Sie selbst war einer der berüchtigten „Großen Selektionen“ im Getto ausgesetzt gewesen, hatte in einer der Menschenkolonnen gestanden, aus denen die SS-Soldaten mit einem Peitschenwink nach rechts oder links bestimmten, wer im Getto bleiben durfte und wer ins Vernichtungslager Treblinka transportiert wurde. Wie sehr diese Erlebnisse sie ihr Leben lang heimgesucht und gequält haben, konnten selbst nahe Freunde nur ahnen; wissen tut es nur der eine, der die Bedrohung wie durch ein Wunder mit ihr durchgestanden und überlebt hat: ihr Mann.
Der Mann ist dramatisch, die Ehe episch
Die entsetzlichen Umstände, unter denen sich das Ehepaar Reich-Ranicki am 21. Januar 1940, dem Tag des Selbstmordes ihres Vaters Pawel Langnas, kennengelernt hat, sind seit „Mein Leben“, der millionenfach gelesenen Autobiographie des großen Literaturkritikers, bekannt; vor zwei Jahren rief sie die Verfilmung des Buchs mit Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer in den Hauptrollen erneut ins Bewusstsein (siehe Frank Schirrmachers Artikel Die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Leben ist ein Glücksfall). Doch während ihr Mann das große Publikum stets suchte, hielt sie sich im Hintergrund, nicht aus Scheu, sondern in der durchaus stolzen Gewissheit, dass sie immer seine erste, seine eigentliche Zuschauerin und Zuhörerin war. Den berühmten Satz von Novalis abwandelnd, könnte man im Fall dieser beiden vielleicht sagen: Der Mann ist dramatisch, die Frau lyrisch, die Ehe episch.
Nach dem Krieg hat Teofila Reich, wie sie seit der eiligen Hochzeit am 22. Juli 1942, dem Tag, an dem die Deportationen der Gettobewohner nach Treblinka begannen, hieß, ihre Arbeit als Grafikerin eine Zeitlang wieder aufgenommen. Doch nach einem Semester an der Warschauer Kunsthochschule brach sie das Studium ab: Die quälenden Bilder dessen, was sie im Getto gesehen und erlebt hatte, waren stärker als jeder Pinselstrich der Phantasie. Bis die Familie – Sohn Andrew wird 1948 geboren – sich 1958 in der Bundesrepublik niederlässt, arbeitete sie als Journalistin bei der Polnischen Presseagentur und im Rundfunk, außerdem als literarische Übersetzerin.
Mittelpunkt eines großen Freundeskreises
Denn sie teilte die Leidenschaft ihres Mannes für Literatur und Musik, die existentielle Wurzeln hat: „Immer wieder haben wir versucht, unsere Trauer zu vergessen und unsere Angst zu verdrängen, immer wieder war die Literatur unser Asyl, die Musik unsere Zuflucht. So war es einst im Getto, so ist es bis heute geblieben.“ Das schreibt Marcel Reich-Ranicki 1999, am neunundsiebzigsten Geburtstag seiner Frau. Wie überlebenswichtig dieses literarische Asyl war, zeigen eindringlich die 56 von Hand abgeschriebenen und illustrierten Gedichte aus Erich Kästners „Lyrischer Hausapotheke“ (siehe Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke mit Illustrationen von Teofila Reich-Ranicki), die Tosia ihrem Mann 1941 im Getto zum Geschenk machte und die es in einer schönen Faksimile-Ausgabe ebenfalls in Buchform gibt. Zu den vielen Versen, die sie darin unterstrichen hat, gehört auch dieser: „Wir suchen nicht. Wir lassen uns bloß finden“ aus „Ein Mann gibt Auskunft“, jenem Gedicht, das mit den – gleich mehrfach unterstrichenen – Zeilen endet: „Das Jahr war schön und wird nie wiederkehren. / Und wer kommt nun? Leb wohl! Ich habe Angst.“
Während ihr Mann sein geistiges Zuhause in der deutschen Literatur fand, blieb seine Frau lesend ihrer polnischen Heimat treu. Lieber als in der Bundesrepublik hätte sie sich wohl in Großbritannien niedergelassen, wo sie die Lebensart und den Sprachwitz der Menschen schätzte und wo inzwischen seit langem auch ihr Sohn Andrew lebt, Professor für Mathematik an der Universität Edinburg. Aber wo ihr Mann Marcel war, da wollte auch Tosia sein, und so bildete sie über Jahrzehnte in Frankfurt den Mittelpunkt eines großen Freundeskreises. Wer sie kannte, bewunderte ihr fabelhaftes Gedächtnis für Namen, Daten, Eindrücke und ihre ausgesucht elegante Garderobe. Als begeisterte Raucherin von Mentholzigaretten war sie legendär. Doch vor allem aufgrund ihrer Klugheit, Güte und Geduld und ihres wunderbaren Humors flogen ihr die Herzen zu.
Am 29.4.2011 ist Teofila Reich-Ranicki im Alter von einundneunzig Jahren in Frankfurt gestorben.
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Nach seinen Expeditionen »Allein unter Deutschen«, war er allein unter Juden, Amerikanern, Flüchtlingen und orthodoxen Juden. Inzwischen verbrachte Tenenbom acht Monate im Westjordanland unter Siedlern und sprach mit allen: religiösen Zionisten, politisch engagierten Siedlern, antizionistischen Charedim, mit Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen dort leben, mit Aktivisten, Journalisten, Politikern und Palästinensern.
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Beginn 18:15Scholem-Alejchem-Vortrag in ondenk fun Evita Wiecki s“l
Mittwoch, 17. Juni 2026, 18:15 Uhr
Vortrag in jiddischer Sprache
- Begrüßung: Prof. Dr. Martina Niedhammer
- Einführung: Dr. Dasha Vakhrushova
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der jiddische Buchmarkt in Osteuropa neben traditionell-religiöser chassidischer Literatur immer mehr auch von weltlichen Publikationen geprägt. Diese neuen Texte richteten sich an ein breiteres jiddischsprachiges Lesepublikum, das tatsächlich großes Interesse an den neuen Formen und Inhalten zeigte. In dieser Zeit erschienen auch die ersten jiddischen Zeitungen, ein erschwingliches und leicht zugängliches Mittel der Verbreitung allgemeinen Wissens und aufklärerischer Ideen. Allmählich wurden diese Zeitungen zu einer wichtigen Bühne für literarische Werke unterschiedlichster Qualität. Der Vortrag möchte die große Bandbreite jiddischer Publikationen aufzeigen, zu denen jiddische Leser von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Zugang hatten, und stellt eine repräsentative Auswahl dieser Werke vor. Dazu gehören belletristische Werke diverser Genres und Stilrichtungen von verschiedener Qualität, darunter die sogenannte shund-literatur [Trivialliteratur] sowie populärwissenschaftliche Werke, die auf die Bedürfnisse der osteuropäischen jiddischen Leserschaft zugeschnitten waren. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
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