Vermischtes
« Zurück
27. Mai 2014
Zu Fuß durch Israel: Wanderer zwischen den Welten
Christian Seebauer aus Vierkirchen durchwandert in 46 Tagen den Israel National Trail. Ohne einen Cent in der Tasche. Den ehemaligen Banker hat seine Arbeit krank gemacht. Jetzt sucht er Ruhe und Kraft in der Kunst – und als Abenteurer. Von Benjamin Emonts, erschienen auf Süddeutsche Zeitung Online, 26.5.2014.
Menschen, die verreisen, erzählen im Rückblick oft von magischen Momenten, die sie erlebt haben. Christian Seebauer aus Vierkirchen ist etwa dieser in Erinnerung geblieben: An Tag 33 seiner Reise sitzt er am Abgrund des Nahal Yemin, einer 200 Meter tiefen Schlucht auf dem Israel National Trail. Er blickt hinab auf ein ausgetrocknetes Flusstal, am Horizont erstreckt sich eine unendliche Wüste aus Sand und Stein. In diesem Moment, er hat bereits 700 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, denkt er an seine Familie. Die Schönheit seiner Umgebung macht ihn zwar glücklich, doch gleichzeitig ist er traurig: „Da war einfach niemand, mit dem ich diese Schönheit teilen konnte.“
Suche nach dem Glück
Momente wie diese brennen sich ein in der Erinnerung, sie lösen im Menschen etwas aus, das ihn das Leben spüren lässt. Momente wie diese hat Seebauer lange Zeit vermisst. Bis vor zwölf Jahren war der heute 47-Jährige noch Verwaltungsdirektor einer Bank und hat sich mit Versicherungen und Baufinanzierungen beschäftigt. „Ich habe damals gut verdient“, sagt er, „aber irgendwann hat mich der Job krank gemacht, bis hin zum Burnout“. Denn seine Arbeit, das war Seebauer längst bewusst geworden, „widersprach eigentlich meinem Naturell. Ich bin ein kreativer Mensch.“
Jetzt, da Seebauer über die schwere Zeit erzählt, sitzt er in seinem Atelier, im hellen Dachgeschoss seines Hauses im Vierkirchner Ortsteil Rettenbach, das einen Panoramablick über Wiesen und Felder bietet. Seebauer trägt ein pinkes, grell leuchtendes Hemd, ebenso hell leuchten die vielen Ölgemälde, die überall herumstehen. Seitdem er seinen Job vor zwölf Jahren gekündigt hat, widmet sich der ehemalige Banker nämlich seinem Kindheitstraum: dem Malen und dem Schreiben.
„Es geht immer um die Suche nach dem Glück, der inneren Ruhe“, sagt er. Diese holt sich Seebauer auf Reisen wie der, die er von Anfang März bis Mitte April über den Israel National Trail gemacht hat, ein etwa 1000 Kilometer langer Wanderweg, der weitgehend größere Ortschaften und Städte vermeidet.
Ein bisschen wie Allgäu
Ausgehend vom Norden des heiligen Landes, von der kleinen Ortschaft Kibbuz Dan, ist Seebauer in 46 Tagen 1050 Kilometer bis in den Süden nach Eliat gewandert. Im Norden Israels, so schildert es Seebauer, durchstreift er eine „grüne, gebirgige“ Landschaft, „es sieht ein bisschen aus wie im Allgäu, nur war es heißer.“ Schließlich geht die Reise weiter entlang der Mittelmeerküste, vorbei an Haifa bis nach Tel Aviv, „mediterranes Klima vergleichbar mit Griechenland oder Korsika“. Wobei es so richtig heiß erst auf dem letzten Drittel seiner Reise wurde: in den Wüstenlandschaften der Judäawüste und der Negev. Die meiste Zeit wandert Seebauer allein. Der Großteil der Wanderer wählt die Route von Süd nach Nord. Doch der 47-Jährige wollte den Menschen lieber entgegen kommen anstatt mit ihnen zu gehen.
Denn so bietet sich ihm die Möglichkeit, die Entgegenkommenden nach Proviant zu fragen. Seebauer, das ist das Bemerkenswerte, hat die 1000 Kilometer nämlich zurückgelegt, ohne einen Cent auszugeben. Er hat bewusst den Kontrast zu seinem Leben in Deutschland gewählt, wo alles jederzeit verfügbar ist. „Das macht einen demütiger und man findet auf den Boden der Tatsachen zurück“, sagt er. Seine Ausrüstung hat sich der Abenteurer kostenlos bei Geschäften in Dachau zusammen gesucht. Er bekommt ein Zelt, einen Rucksack, Sonnenbrille und Reiseapotheke. 20 Kilo Gepäck schleppt Seebauer in den ersten Tagen mit sich – zu viel. Bereits kurz nach Aufbruch verschenkt er etwa das Stativ seiner Kamera, später sogar sein Zelt. „Ich war total oversized. Die ersten Etappen waren extrem schwer.“ Zumal der Vierkirchner nur ein durchschnittlich sportlicher Mensch sei, wie er sagt. Für das Abenteuer Israel hat er nicht einmal extra trainiert, „23 Kilometer pro Tag sind absolut machbar“, sagt er sich. Denn nicht die körperliche Beanspruchung sei das Problem, sondern die mentale: die Einsamkeit, die Angst vor Unterversorgung. „Einmal, als ich drei Tage niemanden gesehen habe, dachte ich ans Aufgeben. Aber die Schönheit der Natur hält einen davon ab.“
Eine neue Generation
Seebauer zieht seine Reise durch, er sagt: „Dass ich das geschafft habe, ist ein Kompliment an die vielen Menschen entlang des Trails, die mir tagtäglich etwas zu essen und zu trinken gegeben haben.“ Im Vorfeld der Reise hatte sich Seebauer noch Gedanken gemacht: „Wenn man als Deutscher nach Israel reist, befürchtet man, die Vergangenheit zu spüren zu bekommen.“ Er erfährt das Gegenteil: „Die Menschen haben zu mir gesagt, ich sei aus einer ganz anderen Generation. Die Israelis sind weltoffen, neugierig und einzigartig hilfsbereit.“ Hungern musste der Vierkirchner deshalb nur selten. Ob Pita-Brot, Müsli-Riegel, Äpfel oder Paprika: Irgendetwas hat Seebauer immer bekommen von den Einheimischen. „Am schwierigsten war es, tagtäglich meinen Stolz zu überwinden und nach Lebensmitteln zu fragen.“
Seit Mitte April ist Seebauer nun wieder in Vierkirchen und arbeitet das Erlebte in seinem Atelier auf. Aktuell schreibt er an einem Erlebnisbericht, den er als Buch herausbringen will – so hatte er es nach seiner Reise entlang des Jakobswegs auch schon gemacht. Und natürlich die Malerei. Auf eine seiner Leinwände hat er in hellen Brauntönen und blauen Schattierungen die Weiten der Negev-Wüste gemalt. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen.
Mehr von und über Christian Seebauer unter www.seebauers-world.com.
VeranstaltungenÜberblick »
März 2026 | Adar I-Adar II
- So
- Mo
- Di
- Mi
- Do
- Fr
- Sa
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
- 6
- 7
- 8
- 9
- 10
- 11
- 12
- 13
- 14
- 15
- 16
- 17
- 18
- 19
- 20
- 21
- 22
- 23
- 24
- 25
- 26
- 27
- 28
- 29
- 30
- 31
Aktuelle Veranstaltungen
Do. 05.03.2026 | 16. Adar 5786
Kultur
»Wie rettet man das Tote Meer?«
Vorstellung eines Dokumentarfilmprojekts und Vortrag im Rahmen der 17. Jüdischen Filmtage
Initiatoren: Florentinfilm, Herzliya / Israel
Das Tote Meer stirbt. Es verliert anderthalb Meter pro Jahr. Der Wasserspiegel sinkt, die Strände verschwinden, Erdfälle öffnen sich. Wenn das so weitergeht, ist es in 30 Jahren verschwunden.
Der in Entstehung befindliche Film will die Geschichte dieses Binnenmeeres aus der Perspektive von drei Personen erzählen: Mosche Bernstein, einem orthodoxen jungen Mann, der statt in der Jeschiwa zu lernen, mit seiner Kamera die Salzschichten, Rückzugslinien, sich ändernden Farben, dokumentiert; Oded Rahav, Umweltaktivist , Extremsportler und Gründer der Initiative Dead Sea Guardians; Jackie ben Zaken, ehem. Marine-Soldat, der dort seine innere Ruhe wiederfand und nun Bewußtseins-Touren leitet, mit Blick auf die sich ändernden Landschaften und seltene geologische Phänomene, die das zurückweichende Wasser freigibt.
Präsentation des Film-Teasers zur in Vorbereitung befindlichen Film-Dokumentation mit den Filmemachern Harel Yana und Mordechai Malka
»Last chance to save the Dead Sea«
Vortrag des Umweltaktivisten Oded Rahav
in engl. Sprache mit Powerpoint-Präsentation
Moderation: Emanuel Rotstein
Eintritt frei.
Anmeldung erbeten unter karten@ikg-m.de oder (089) 202 400 4i91
Veranstalter: Kulturzentrum der IKG München & Oberbayern mit freundlicher Unterstützung von florentinfilm
Veranstaltungsort: Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18
Di. 10.03.2026 | 21. Adar 5786
Kultur
„Lieber Gott als nochmals Jesus“ – eine humoristische Beichte mit Ilja Richter
Beginn 19:00Buchpräsentation
Dienstag, 10. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Ilja Richter nimmt seine Zuhörerschaft mit auf (s)eine Suche nach religiöser Heimat und Zugehörigkeit. Dabei umkreist er das Thema Judentum / Christentum in bitter-komischen Geschichten, pointierten Glossen, mit Fakten und Zitaten – und Musik. Damit eröffnet er seinen ganz eigenen, ungewöhnlichen Blick in die Welt des Glaubens.
Ilja Richter, 1952 in Ost-Berlin geboren, ist das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters, der als Kommunist 9 ½ Jahre in Zuchthaus und KZ verbrachte. Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern in jeder nur denkbaren Sparte: als Schauspieler, Synchron- und Hörfunksprecher, Sänger, Autor, Theater- und Musical-Regisseur und -Darsteller. Frühe Berühmtheit erlangte er als jüngster TV-Moderator mit der Sendung »Disco« im ZDF. Weiterlesen »
Do. 12.03.2026 | 23. Adar 5786
Kultur
Ephraim Kishon. Ein Leben für den Humor
Beginn 19:00Ein Abend mit der Biographin Silja Behre
Donnerstag, 12. März 2026, 19 Uhr
Teil der Woche der Brüderlichkeit
Seit den 1960er-Jahren führten Ephraim Kishons Bücher immer wieder die Bestseller-Listen an, wurden teilweise auch verfilm, inklusive zwei Oscar-Nominierungen. Wie kam es dazu, dass der aus Budapest stammende Israeli Ephraim Kishon (1924-2005) mit seinen Humoresken gerade beim deutschen Publikum seinen größten Erfolg hatte? Ausgehend von Kishons eigenen Aufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten sowie Presseberichten und Archivmaterial beschreibt die Biographin Silja Behre seine Erfolgsgeschichte im Spannungsfeld von Literatur, Humor und Politik. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: empfang@ikg-m.de
