Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Rosa (Rosl) Hechinger

Kauffrau

Rosa Hechinger wurde 1899 in Salzburg geboren. Im Alter von drei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach München. Die Mutter Veronika Mamma, geborene Schwarz, stammte aus einer religiösen Familie, der Großvater mütterlicherseits war Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und der dortigen Chewra Kadischa, d. h. der lokalen jüdischen Beerdigungsgesellschaft.

Rosl, wie sie sich nannte, wuchs in einer großen Familie im Münchner Stadtteil Au auf. Sie war die zweitälteste von sechs Geschwistern. Bruder Paul starb 16-jährig im Jahr 1923 in München.

Nach kaufmännischer Fortbildung arbeitete Rosa in einer Kanzlei. Sie war mit dem promovierten Juristen Julius Hechinger verheiratet. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor, der nach Rosas früh verstorbenen Bruder Paul benannt wurde.

Ab 1935 war ihr Mann Julius Hechinger leitender Angestellter der Israelitischen Kultusgemeinde München. Als sogenannter „Vertrauensmann“ war er für die Verbindung zur Gestapo, zur Arisierungsstelle und zu anderen Ämtern verantwortlich. In dieser Funktion stand er unter massivem Druck. Auf Grund seines daraus resultierenden energischen Auftretens war Hechinger bei vielen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde unbeliebt und umstritten.

1936 und 1938 unternahm Rosa Hechinger mehrere Suizidversuche. Im Frühjahr 1940 wurde sie ins Sanatorium in München-Neufriedenheim aufgenommen, im August 1940 in die Psychiatrische Nervenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Nußbaumstraße verlegt. Die doppelte Stigmatisierung als Psychiatriepatientin und Jüdin ließ man sie im täglichen Umgang spüren, ihrem Arzt schrieb sie daraufhin: „Und doch habe ich Seele und Gemüt und Herzensbildung!“. Auf Anweisung des Reichsministeriums des Innern erfasst war sie da als Jüdin ohnehin schon.

Bis zuletzt schrieb Rosa Hechinger verzweifelte Briefe: nach England an ihren Bruder, in die USA an ihren Sohn und nach Shanghai an ihre Schwestern, wohin sich ihre Angehörigen vor dem NS-Regime hatten retten können. Die Verzweiflung von Rosa Hechinger lässt sich kaum ermessen, die Einsamkeit nur erahnen. Denn Antworten bekam sie nicht. Die Ärzte in der Psychiatrischen Universitätsnervenklinik hatten die Briefe zurückgehalten. Ihr Mann musste Zwangsarbeit leisten. Seiner Frau konnte er nicht helfen.

In der Krankenakte der Universitätsnervenklinik heißt es am 9. September 1940 zynisch: „Wegen des ausgesprochenen hypomanischen Zustandes der Patientin kann eine Entlassung nach Hause zur Zeit noch nicht in Betracht gezogen werden. Patientin ist Jüdin und würde draußen durch ihr auffallendes Wesen und unbeherrschtes Auftreten besonders unliebsames Aufsehen erregen. Deshalb erfolgt heute auf ärztliche Veranlassung und in Einverständnis mit dem Ehemann die Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar.“

In den Morgenstunden des 20. September 1940 wurde Rosa Hechinger mit weiteren 190 jüdischen Anstaltspatienten aus ganz Bayern von Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Hartheim deportiert und nach ihrer Ankunft mit Kohlenmonoxid ermordet.

Ihr Mann Julius Hechinger wurde am 13. Juli 1942 vermutlich nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sein genaues Schicksal ist bis heute ungeklärt.

Rosa Hechingers Eltern Adolf und Veronika Mamma wurden im Vernichtungslager Treblinka und ihre Schwiegermutter Gertraud im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.

Sohn Paul war 1941 im Alter von 17 Jahren die Emigration in die USA gelungen. 1944 fiel er als Gefreiter der US-Armee in Italien.