Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Rabbiner Avigdor Bergauz

 

Auf die Dächer klopft noch Regen,

In der Luft liegt Feuchtigkeit

Doch sehn wir, wenn wir überlegen:

Es kommt die andre Jahreszeit.

Rabbiner Z. Avrasin

 

Im jüdischen Kalender gibt es mehrere „Neujahresfeste“. Im Herbst feiern wir Rosch ha-Schana – gerechnet vom Beginn der Schöpfung. Im Frühjahr, im Monat Nissan, begehen wir den Beginn des Monatszyklus. Im Winter, am 15. Schwat, steht das „Neue Jahr der Bäume“ an (die Zahl „15“ wird in Ivrith mit den Buchstaben „Tet“ und „Vav“ abgebildet, darum ist der 15. Schwat „Tet-Vav-Bi-Schwat, und wird als „Tu-Bi-Schwat“ ausgesprochen).

Die Feier zum 15. Schwat ist nicht in der Thora erwähnt. Sie wurde von unseren Weisen zur Trennung der Ernten verschiedener Jahre eingeführt. Die Thora schreibt jedem Juden vor, jährlich den zehnten Teil der Früchteernte für die Armen, die Priester und Leviten, die den G’ttesdienst im Tempel durchführten, abzusondern. Da diese Handlung jährlich stattfinden muss, ist es verboten, den zehnten Teil der Ernte eines Jahres auf den zehnten Teil der Ernte eines anderen Jahres aufzurechnen. Folglich musste das Neujahr der Bäume festgesetzt werden. In Israel sind die winterlichen Regenfälle der Hauptfaktor, der sich auf die Baumfruchternte auswirkt. Deshalb ist Tu Bischwat mit dem Winterende und der Regensaison verbunden. Unsere Weisen, die mit der Landwirtschaft Israels sehr gut vertraut waren, kamen zur Schlussfolgerung, dass der 15. Schwat das Grenzdatum darstellt, zu dem die Regenfälle bereits zum Großteil vorüber sind; folglich gehört die Ernte ab diesem Datum bereits zum nächsten Jahr.

Die Thora gebietet uns, den „Zehnten“ von der Feld- und Gartenernte auf der Erde Israel abzusondern und den Leviten, Armen, Waisen und Witwen zu geben, „damit dich der Herr, dein G’tt, bei allen Taten deiner Hände, die du ausführen wirst, segne“. (Dwarim,  14:29). Der Sinn dieses Gebots besteht darin, dass wir uns nicht als die einzigen und  uneingeschränkten Herrscher der Erde Israel fühlen sollen.

Ein Jude soll verstehen, dass der wirkliche Herr dieser Erde der Allmächtige ist; wir selbst sind nur die Pächter, denen die Erde zur Bearbeitung Verfügung gestellt wird. Und nach der Ernte sollen wir einen Teil an den Eigentümer zurückgeben, d.h. den zehnten Teil unserer Einkünfte zur Verwirklichung der G’ttlichen Prinzipien auf Erden zu benutzen, um den G’ttesdienst im Tempel sicherzustellen und soziale Gerechtigkeit zu schaffen.

Zu Tu Bischwat pflanzt man Bäume. Das ist eine verhältnismäßig neue Tradition, die zu Ende des 19. Jahrhunderts entstand, als die ersten jüdischen Siedler nach Israel kamen, um dort das jüdische Leben zu erneuern. Das Land war damals zerstört und leer, es konnte kaum seine wenigen Bewohner ernähren. Alle „nüchtern analysierenden Ökonomen“ sagten voraus, dass eine Massenrepatriierung unmöglich sei, denn ein „so kleines Land ist nicht in der Lage so viele Menschen zu beherbergen“. Doch die Juden pflanzten Eukalyptusbäume und legten Sümpfe trocken, schufen Bewässerungskanäle und legten Felder und Fruchtgärten an. Die Erde erblühte und die Ernte reichte – so wie im Altertum – für alle.

Eine der Lehren von Tu Bischwat

Ein außenstehender Menschen denkt, dass es vom pragmatischen Gesichtspunkt aus sehr unwirtschaftlich ist und seitens eines Obstbaums einen willkürlichen Schnitt darstellt, so viel Energie darauf zu verwenden, ihn mit Früchten zu versehen. Doch wenn es keine Früchte gibt, haben wir auch keine Samen. Dennoch sollte man in allem Maß halten. In diesem Sinne geben uns Obstbäume ein wunderbares Beispiel dafür, dass wir keine Egoisten sein und nur an uns selbst denken sollen: Wir wachsen selbst und geben den Mitmenschen unsere Früchte.

Der Mensch sollte einfach danach streben, seine schreckliche, eingeimpfte Egozentrik zu überwinden, wenn wir nicht in der Lage sind, eigene Grenzen zu verlassen, was man auf die Formel „Wir sind jetzt hier“ bringen könnte. Die Idee „Nach uns die Sintflut“ ist sehr verständlich. Doch die Welt existiert wegen den Wahnsinnigen, die nicht nur daran denken, was jetzt existiert.

 

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