Ein Blick aus dem Fenster… auf sich selbst
Niemand von uns ist als Anwalt G-ttes akkreditiert. Wir verfügen weder über Rechte noch über Befugnisse, Erklärungen für schwere Ereignisse herzuleiten oder unsere missliche Lage durch die einen oder anderen „Sünden“ zu begründen. Nichtsdestotrotz regt der Blick aus dem Fenster, auf die leeren Straßen heute zum Nachdenken an.
In unserer alltäglichen Routine, die noch vor knapp einem Monat allgegenwärtig war, sind wir überaus aktiv. Um uns herum sind stets Menschen. Freunde, Kollegen oder einfach Bekannte. Wir treffen uns, reden, streiten, geben und bekommen Ratschläge, unterstützen selbst und werden unterstützt und plötzlich hat sich die uns so vertraute Welt verwandelt. Etablierte Verhaltensweisen und Regeln gehören der Vergangenheit an, die Gegenwart sowie die nahe Zukunft beruht auf Isolation. Die Zuversicht auf den morgigen Tag wurde plötzlich durch ein Gefühl der Einsamkeit und der Angst vor Ungewissheit abgelöst.
Unser Leben hat sich in der Tat von Grund auf verändert, aber nicht aufgelöst. Sowie nach der Nacht ein Tag kommt, folgt der Mond der Sonne und der Frühling dem Winter. Wir sind zwar in der Unmittelbarkeit unserer Kommunikation begrenzt, jedoch nicht in unserer inneren Freiheit. Uns bietet sich heute eine in ihrer Herkunft einzigartige Gelegenheit anzuhalten und sich in Gedanken zu vertiefen. Sich selbst und dem Schöpfer zu begegnen. Die eigenen geistigen Quellen zu entdecken und daran zu wachsen. Sich nicht von Emotionen leiten zu lassen, sondern diese bewusst zu erkennen. Mit Anderen das Gefühl der Angst, der Wut, der Besorgnis und Traurigkeit zu teilen. Den Familienangehörigen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie so sehr brauchen. Den inneren Optimismus zu bewahren und andere daran Teil haben zu lassen.
Wir glauben daran, dass alles was uns umgibt, einen Sinn hat. In der Welt des Schöpfers gibt es keine zufälligen Ereignisse. Der Virus hat die Menschheit in eine Schockstarre versetzt und sie um ihre gewohnte Agilität gebracht. Womöglich ist das aber auch ein Weg, uns eine Lehre zu erteilen. Indem er uns die Hände bindet öffnet er uns die Augen. Denn in unserem Bestreben, die ganze Welt zu erschließen, vergessen wir oftmals in der Hetze uns selbst und die, die uns alles bedeuten. Wie einst im Garten Eden wendet sich der Allmächtige an jeden von uns, jedoch nicht mit einer Frage, sondern mit dem Aufruf „Lieber Mensch, wo bist du?“
P.S.: Unsere Weisen haben uns auferlegt vier Gläser Wein am Pessah Seder zu trinken, als Symbol für die vier Versprechungen, uns aus Ägypten zu führen (Jerusalem Talmud, Traktat Psachim, 10:1). Jedoch sind es nicht nur vier Versprechungen, sondern vier konsequente Etappen, aus den die Befreiung hervorging! In einem bekannten israelischen Lied heißt es: „Wir haben den Pharao überlebt, also überleben wir auch das!“ Bestimmt werden wir auch dieses Problems Herr werden! An diesem Pessah erhebe ich das fünfte Glas auf die Gesundheit und das Wohl unserer Eltern, unserer Großeltern und aller Mitglieder unserer Gemeinde.
Auf das Fest der Freiheit und der Befreiung!
Pessach kascher vesameach!
Rabbiner Avigdor Bergauz
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