Zum Gedenken an Wolf S. Bruer (geb. 14.12.1950 in Jaffa – gest. 3.5.2023 in Manchester)
Am 20. April 2023 erschien in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung auf der München-Seite ein Artikel zum 100. Geburtstag von Stefan Heym mit einem eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Porträt des Schriftstellers. Das Bild stammte aus dem Jahr 1989, geschaffen von Wolf S. Bruer. In München wusste niemand, dass es dem Fotografen nach einem unglücklichen Sturz zu diesem Zeitpunkt schon sehr schlecht ging.
Wolf S. (dieser Buchstabe stand für das hebräische Pendant Seev) Bruers Name wird in der Münchner Kehilla insbesondere mit den 1980er und dem Beginn der 1990er Jahren verbunden bleiben. Es war klar, dass die Transitsituation der Nachkriegsjahre unübersehbar einem Dauerzustand wich, für den jüdische Gemeinden in Deutschland neue Antworten finden mussten. Das vollzog sich in München sichtbar mit dem Wechsel der Präsidentschaft von Hans Lamm 1985 hin zu Charlotte Knobloch. Es ging um Präsenz in der Stadtgesellschaft (die man vorher eher gemieden hatte), um neue Bedürfnisse der jüdischen Gemeinde (dauerhafte Strukturen zu verbessern und zu modernisieren im Zuge des anbrechenden digitalen Zeitalters) und bald darauf um die Aufnahme und Integration jüdischer Kontingentflüchtlinge, die schließlich zu mehr als einer Verdoppelung der Gemeindegröße auf über 9.000 Mitglieder führen sollte. Als Chefredakteur der »Neue Jüdischen Zeitung« begleitete Wolf S. Bruer diese mehrjährige Zeitenwende, bevor der Begriff »Wende« überhaupt aufkam: als Redakteur, Fotograf und damit Dokumentarist jüdischen Lebens. Für den Familienunterhalt sorgte er zudem durch seinen frühen Einstieg in die IT-Branche. Letzterem blieb er treu, was aktuell auf der Plattform XING in seinem noch ungelöschten Angebotsprofil zu sehen ist.
Blättert man in den alten Ausgaben, so merkt man dass er mit seiner Kamera jedes Ereignis für bewahrenswert erachtete. Ob die Gründung eines Jugendcafes im Gartenhaus an der Prinzregentenstraße, ob eine Mitgliederversammlung des TSV Maccabi oder das Mazzebacken von ABC-Schützen der Sinai-Schule und Zusammenkünfte der ersten Zuwanderer aus den GUS-Staaten. Bruer dokumentierte eine Israel-Diskussion der B’nai B’rith-Loge mit dem israelischen Botschafter Benjamin Navon und Logen-Präsident Roman Habermann ebenso wie eine Gesprächsrunde über jüdische Gemeinde- und Kulturarbeit nach der deutschen Vereinigung, u.a. mit Micha Brumlik, Rachel Salamander und Paul Spiegel, moderiert von Richard Chaim Schneider. Er schuf eindrucksvolle Porträts von Ignatz Bubis, Heinz Galinski, André Heller, Jeanne Hersch, Arno Lustiger und Johannes Mario Simmel. Sie mussten nur in die Münchner Kehilla kommen, schon richtete er seine Kamera, die er immer dabei hatte, auf sie. Er scheute sich auch nicht, brennende Themen persönlich zu begleiten, ob als Moderator eines heißen Eisens wie der Anerkennung von Übertritten unter dem Motto »Als Jude – Fremder unter Juden?«. Oder als Kommentator eines denkwürdigen Abends 1990 mit dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats Heinz Galinski , der von „Mehr Demokratie in jüdischen Gemeinden“ sprach.
Auch der Keren Hayesod nutzte sein journalistisches Knowhow. Bruer betreute des KH-Journal noch Jahre lang weiter, als er mit Kind und Kegel 1993 schon nach England, das Herkunftsland seiner Frau Angela, umgezogen war. Geboren als zweitjüngstes Kind von Szajndla (Sonja) und Berel (Berek) Bruer – und als einziges ihrer vier Kinder in Israel – war seit 1982 Mitglied in der IKG, gleichermaßen zuhause im warmen Jiddisch, gscherten Bayrisch und druckreifen Deutsch. Dass er ebenso sprachsicher in Englisch, Französisch und Italienisch parlieren konnte, sei nur am Rande erwähnt. Benannt war er nach dem Großvater mütterlicherseits »Velvu«, Wolf. Betrat er einen Raum, war er präsent, groß, mit lockigem Haar über einer hohen Stirn, meist lachend mit blitzenden Zähnen, zugewandt seinen Mitmenschen, neugierig auf das, was in der Welt vor sich ging, offen für technische Innovationen. Mit Angela, die er mit 21 Jahren kennengelernt hatte, bekam er drei Kinder – Esther, Leah und Joshua. Er erlebte das Glück von fünf Enkelkindern, zuletzt im März 2023 die Brit Milah des Erstgeborenen seines Sohnes Josh.
Die Israelitische Kultusgemeinde drückt der Witwe Angela in Manchester, den Schwestern Jena in München und Anna in Frankfurt am Main und allen anderen Anverwandten dieses so leidenschaftlichen Familienmenschen ihre traurige Verbundenheit aus.
Der Verstorbene ruht auf dem Southern Cemetery in Manchester.
Möge die Seele von Wolf S. Bruer s. l. eingebunden sein in den Bund des Ewigen Lebens.
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