Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Lehrling

Helmuth Silberberg wurde am 15. Mai 1919 in Hannover geboren, wo er als jüngstes Kind mit seinen Geschwistern Heinrich, Charlotte, Bertha, Max und Sophie aufwuchs.

Beide Eltern waren ursprünglich polnische Juden, die nach Hannover gezogen waren und dort ihren jüdisch-polnischen Namen in Silberberg eingedeutscht haben. Der Vater Hillel arbeitete als Religionslehrer in Hannover, starb jedoch schon, als Helmuth gerade sechs Jahre alt war. Seine Mutter hieß Esther Kula Silberberg, geborene Broitmann.

Helmuth Silberberg zog im Dezember 1934 nach München ins Lehrlingsheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Wagnerstraße 3 in Schwabing und absolvierte bis Herbst 1935 eine Gärtnerlehre. Anschließend arbeitete er in der Küche des Lehrlingsheims.

Das Lehrlingsheim der Israelitischen Kultusgemeinde war ursprünglich zur Unterbringung schulentlassener Jungen aus dem jüdischen Kinderheim in der Antonienstraße gedacht. Später wurden auch Jugendliche aus anderen bayerischen Gemeinden aufgenommen und in meist handwerkliche oder kaufmännische Lehrstellen vermittelt. Mit der Schließung des Jüdischen Jugend- und Lehrheimes in Wolzig in Brandenburg im Juni 1933 erstreckte sich das Einzugsgebiet des nunmehr letzten jüdischen Lehrheimes in Deutschland auf das ganze Reichsgebiet. So war es überhaupt dazu gekommen, dass der 15-jährige Helmuth Silberberg aus Hannover nach München gekommen war.

Offensichtlich erkrankte er und wurde im November 1936 in der Universitätsnervenklinik in der Nußbaumstraße aufgenommen und von dort am 19. November 1936 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. Sein Zustand besserte sich, so dass eine Beurlaubung angedacht war. Wie üblich bei jüngeren Patienten, denen die Ärzte eine sogenannte „Erbkrankheit“ unterstellten, wurde Helmuth Silberberg vor seiner Entlassung am 25. Juni 1937 in Eglfing-Haar zwangssterilisiert. Im August 1937 wurde er als gebessert beurlaubt. Dieser Zustand war jedoch nicht von Dauer. Es folgten weitere Anstaltsaufenthalte in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen bei Hannover und in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hildesheim. Am 14. März 1938 wurde er wieder in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. Von dort schrieb Helmuth Silberberg viele Briefe, die die Ärzte jedoch nicht abgeschickt haben; darunter auch den folgenden:

Eglfing, den 15. Januar 1939, Sonntag nachmittags

Meine liebe Mutter und Tante Elli!

[…] Gott hat uns Vernunft und Kraft gegeben, unser Geschick zu formen nach seinem Willen. Dazu ist es nie zu spät; aber auch nie zu früh. Bedenkt doch einmal meine Jugend! Erst im 20. Lebensjahre bin ich. Es ist doch jammerschade um jeden Tag, der mir hier verloren geht. [ … ] Ich muss halt ins Ausland. Und zwar mit Dir liebe Mutter. Du weißt, ein jüdisches Sprichwort heißt: „Gott heilt die Wunde vor dem Schlage.“ Sein Ratschluss wird schon recht sein. Dein innigster Wunsch war doch schon seit Jahren, mit mir zusammen zu meiner Lieblingsschwester nach Palästina zu fahren. [ … ] Und sollte es nicht gehen, dass wir nach Palästina fahren, so müssen wir halt nach den anderen Geschwistern nach Buenos-Aires fahren. Gebe Gott, dass wir alle noch einmal in Gesundheit und Frieden zusammen kommen. [ … ] Ich bin schon so überzeugt davon, dass du mich bald holst, dass ich dir schon schreibe nicht zu vergessen, einen Koffer für meine Garderobe mitzubringen.

So grüßt und küsst Euch herzlichst in Liebe

Euer Helmuth, der hofft euch gesund wissen zu dürfen.

Gott sei mit euch!

Am 20. September 1940 wurde Helmuth Silberberg von der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in die Tötungsanstalt Hartheim deportiert und nach seiner Ankunft mit Kohlenmonoxid ermordet.

Seinen Geschwistern Heinrich, Lotte und Max gelang die Emigration nach Südamerika. Seine Schwester Sophie flüchtete nach Palästina. Helmuths Mutter Esther Kula Silberberg wurde in Auschwitz ermordet.

Silberberg Familie (c) privat aus Yad Vashem

Familie Silberberg (Helmuth 3.v.r.) © privat aus Yad Vashem