Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern

Alice Bendix

Wohlfahrtspflegerin in Berlin und München, Leiterin des Münchner jüdischen Kinderheims in der Schwabinger Antonienstraße

Alice Bendix wird am 13. November 1894 als eines von vier Kindern des aus Baden-Baden stammenden Holzfabrikanten George Bendix und der Gertrud Kanter in Landsberg an der Warthe geboren. Ihre Ausbildung zur Wohlfahrtspflegerin und Kindergärtnerin befähigt sie, bereits mit 28 Jahren die Leitung des in Falkensee westlich von Berlin gelegenen „Landjugendheims Finkenkrug“ zu übernehmen. Dort ist sie mit großem persönlichem Einsatz zehnJahre tätig. Das Haus bietet gärtnerische und hauswirtschaftliche Fachausbildung an, die Ausbildung für Geflügelzuchtgehilfinnen sowie für Kinderheimpflegerinnen; ein Kinder-Erholungsheim, Tagungen und Freizeiten vervollständigen das Programm.

Alice Bendix arbeitet eng mit Anna von Gierke und deren Lebenspartnerin Martha Abicht zusammen, die zu den führenden Köpfen der emanzipatorischen Sozialarbeit ihrer Zeit gehören und Wegbereiterinnen der sozialpädagogischen Arbeit insgesamt sind. Neben dem sozialen und fürsorgerischen Anliegen wird ein Ausbildungskonzept praktiziert, das die damaligen Zielsetzungen der Sozialarbeit innerhalb der Frauenbewegung zu verwirklichen sucht und mit den heute geläufigen Begriffen Empowerment, Zugewinn von Autonomie, Fähigkeit zur Selbstbestimmung und -veränderung zu umschreiben ist.

Nach den Wahlgewinnen der Nationalsozialisten im Januar 1933 ist Alice Bendix eine der ersten Mitarbeiterinnen, die entlassen werden. Das Landjugendheim Finkenkrug wird später auch Zufluchtsort für bedrohte jüdische Kinder; mindestens 15 Kinder werden dort versteckt und ins rettende Ausland gebracht.

Alice Bendix übernimmt ab Februar 1935 dauerhaft die Leitung des „Kinderheims der Israelitischen Jugendhilfe e.V.“ mit Krippe und Hort in der Schwabinger Antonienstraße 7. Das Antonienheim bietet den Kindern viel mehr als ein Dach über dem Kopf. Es bedeutet Familie, Heimat, Zuflucht, Kind sein zu dürfen, für die Älteren auch die Chance auf einen Berufsabschluss. Aus vielen Zeitzeugenberichten von Kindern, die überlebt haben, wissen wir, dass sie Alice Bendix mochten, ja verehrten. Streng sei sie gewesen, aber zugleich liebevoll.

Die Heimleitung muss ab 1933 ständig neuer Repressionsmaßnahmen gewärtig sein. Auch die finanzielle Situation verschärft sich immer mehr. Die Verantwortung für die Kinder und die Kolleginnen lastet schwer auf Alice Bendix.
Aus den Reihen des Personals schaffen noch viele die Auswanderung, was aber für die Heimkinder emotional belastend ist und die Heimleitung vor schwierige organisatorische Herausforderungen stellt. Auch die Gründerin des Kinderheims, Elisabeth Kitzinger, verlässt im Frühjahr 1939 Deutschland in Richtung USA. Für die Zeit danach liegen erschütternde Dokumente vor. Briefe der Heimleiterin Alice Bendix und der Leiterin des Wohlfahrtsamtes der jüdischen Gemeinde, Dr. Anna Renner, nach New York, die von der verzweifelten Lage in München zeugen.

Es soll noch viel schlimmer kommen.

Im November beginnen die Münchner Deportationen. 20 Heimkinder und viele der Kolleginnen werden abgeholt und müssen zusammen mit rund 1000 Leidensgefährten am 20. November 1941 vom Bahnhof Milbertshofen aus nach Kaunas, Litauen, in den Tod fahren.

Noch verbleibt Alice Bendix und den Kindern eine kurze Zeitspanne von ein paar Monaten. Nach der Liquidierung des Heimes am 11. April 1942 muss sie mit den verbliebenen 13 Kindern und dem Personal in das so genannte „Judenlager Milbertshofen“ umziehen. Am 4. April hatte sie wieder die Verabschiedung von 22 Heimkindern und vier Betreuerinnen, die nach Piaski deportiert werden, miterleben müssen.

Nachdem auch das Lager in Milbertshofen liquidiert wird, ist am 22. Juli 1942 die letzte Station erreicht. Mit den verbliebenen letzten 12 Kindern und ihrer Kollegin Hedwig Jacobi zieht Alice Bendix in die so genannte „Heimanlage für Juden“ in Berg am Laim um. Es ist erwiesen, dass Alice Bendix zu ihrem Bruder Paul, der in der Schweiz lebt, hätte flüchten können, doch sie hatte „sicher und fest entschlossen“ geantwortet: „nein, so lange in Deutschland noch jüdische Kinder leiden, denen ich vielleicht helfen kann, bleibe ich bei ihnen“.

Am 13. März 1943 wird Alice Bendix gemeinsam mit der Betreuerin Hedwig Henriette Jacobi und den letzten sieben Kindern nach Auschwitz deportiert, wo die ganze Gruppe unmittelbar nach der Ankunft auf einen Lastwagen verladen wird, der sie zur Gaskammer bringt.

Heute erinnert in der Antonienstraße eine Stele an die Kinder des Antonienheims. Das gegenüberliegende Schulzentrum wurde 2004 in „Berufliches Schulzentrum Alice Bendix“ umbenannt. 2011 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Landjugendheims in Falkensee ein Gedenkstein aufgestellt. Er trägt die Inschrift „Landjugendheim Finkenkrug 1922-1950 – Anna von Gierke, Alice Bendix, Isa Gruner – Hier lebten, wirkten und kämpften drei mutige Frauen für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und den Schutz verfolgter jüdischer Menschen“.