Nachrichten
« Zurück
19. Oktober 2011
Synagoge und Facebook
Münchens neuer Rabbiner will die jüdische Kultur stärken – auch über einen Blog im Internet. Von Franziska Brüning, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, 18.10.2011, S. R 6. Arie Folger hat Sinn für Humor. Er habe seine grüne Krawatte mit den hebräischen Schriftzeichen nur angezogen, damit man ihn danach fragt, sagt er. Dann fügt er hinzu, dass er sie als Gedächtnisstütze für seine Predigten benutze. Dann fängt er an zu lachen. Nein, in Wahrheit sei alles ganz anders. Auf dem Stoff stünde nur das hebräische Alphabet.
Humorist nicht die schlechtesteEigenschaft, um als neuer Rabbiner der Jüdischen Gemeinde am St-Jakobs-Platz zu arbeiten. Vor zwei Wochen hat Arie Folger die Nachfolge von Rabbiner Steven Langnas angetreten, der im Sommer von der Gemeinde verabschiedet worden ist. Was nun auch immer auf seiner Krawatte steht, Folger trägt einfach gerne „Hinweise auf die jüdische Tradition“, wie er erklärt.
Buchstaben passen auch zu ihm als Mensch. Folger spricht sechs Sprachen. 1973 in Antwerpen geboren ist er mit Französisch, Jiddisch, Niederländisch und Hebräisch aufgewachsen, bevor er dann während seines Studiums in England, Jerusalem und New York auch noch Englisch und später als Rabbiner in Basel Deutsch gelernt hat. In der Münchner Gemeinde fehlt ihm nur noch Russisch, um mit den vielen Gläubigen zu sprechen, die in den vergangenen Jahren aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind. Aber auch da macht sich Folger keine Sorgen. 20 Worte spricht er schon, den Rest können ihm die Gemeindemitglieder beibringen. „Wenn ich dann eines Tages Puschkin lesen kann“, sagt er und streicht sich schmunzelnd über seinen grau melierten Bart.
So unwahrscheinlich klingt das gar nicht aus seinem Mund. Wäre da nicht diese leichteMischung aus einem schweizerischem Akzent mit flämischen Einschlag und manchmal ein Wort, das ihm nur auf Englisch einfällt, dann könnte man Folger schon für einen Deutschen halten. Seine Grammatik ist nahezu perfekt. Auch das passt zu einem Rabbiner, der im jüdischen Glauben vor allem ein Gelehrter und Lehrer ist.
Dabei hatte Arie Folger all seiner Bildung zum Trotz eigentlich nicht vor, Rabbiner zu werden. Sein Vater habe ihn zwar mit viel Respekt für diesesAmterzogen, ihm aber auch deutlich gemacht, dass man in diesem Beruf ohne Ende arbeite und in manchen Gemeinden „weltlich nicht genug versorgt“ werde. Als sich Folger entschloss, parallel zu seinem Wirtschaftsstudium eine Rabbiner-Ausbildung zu durchlaufen, tat er das allein aus „intellektuellem Interesse“ und „für die Liebe des Lernens“. Erst während eines halbjährigen Praktikums in einer New Yorker Synagoge entdeckte er, wie sehr ihm der Kontakt zu den Menschen gefällt.
„Mein Idee war da noch, erst 20 Jahre an der Wall Street zu arbeiten und dann Rabbiner zu werden oder zeitgleich im Consulting-Bereich und als Rabbiner tätig zu sein“, erinnert sich Folger. Es sollte anders kommen. Mit seiner Frau, die er in New York kennen gelernt hat, kam er nach Basel, um dort seine erste Rabbiner-Stelle anzutreten.
Für seine neue Stelle in München hat er sich einiges vorgenommen. Er will ein „Revival“ der jüdischen Kultur in Deutschland anstoßen und sich dafür ganz besonders für junge Menschen und Familien einsetzen. „Es gibt viele Leute, die ihre jüdische Kultur wieder entdecken, und dazu möchte ich meinen Beitrag leisten“, sagt Folger. Er habe zudem vor, verstärkt auf die Öffentlichkeitsarbeit zu setzen, um jüdische universelle Werte in die Gesellschaft zu tragen. Ihm gehe es darum, dass die Juden nicht nur innerhalb der Gemeinde, sondern auch außerhalb nach diesen Werten lebten und sich beispielsweise fürmehr sozialeGerechtigkeit einsetzten.
Er wolle die jüdische Identität stärken, aber auch Offenheit leben, sagt Folger, der selbst einen Blog betreibt und junge Leute auch über die neuenMedien wie Facebook erreichen möchte. Der neue Münchner Rabbi hat den Zwiespalt der modernen Gesellschaft – Zeitmangel und Arbeitsdruck auf der einen Seite und die Sehnsucht vieler Menschen, mal inne halten zu können und nachzudenken, auf der anderen Seite – zu seinem Arbeitsauftrag gemacht. „Wir leben in einer schnellenWelt, da können wir mit unserem Schabbath etwas bieten.
Wir schalten einmal in der Woche aus – kein Telefon, kein Handy, keine Mails. Dafür habenwir Zeit für die Familie, für unsere Freunde, für uns selbst. Ich glaube, dass diese zeitlosenWerte nie zeitgemäßer waren“, sagt Folger. Auf seine eigene Familie muss der 38-jährige Folger allerdings noch ein paar Wochen lang verzichten. Mitten in der Umzugsphase ist sein fünftes Kind auf die Welt gekommen. Nun will der Rabbiner erst noch das Jahresende abwarten, bis er seine ganze Familie nach München nachholt.
VeranstaltungenÜberblick »
Mai 2012 | Nissan-Ijar
- So
- Mo
- Di
- Mi
- Do
- Fr
- Sa
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
- 6
- 7
- 8
- 9
- 10
- 11
- 12
- 13
- 14
- 15
- 16
- 17
- 18
- 19
- 20
- 21
- 22
- 23
- 24
- 25
- 26
- 27
- 28
- 29
- 30
- 31
Aktuelle Veranstaltungen
So. 20.05.2012 | 28. Ijar 5772
Veranstaltungen
Veranstaltung zu Jom Jeruschalajim
Beginn 20:00Torah Mitzion und die Zionistische Organisation München freuen sich, zu einem Abend zu Ehren von “Jom Jeruschalajim” einzuladen. Weiterlesen »
Mo. 21.05.2012 | 29. Ijar 5772
Kulturzentrum
Lesung zur “Judenverfolgung im Deutschen Reich und Protektorat 1939-1941″
Beginn 20:00Lesung mit der Historikerin Dr. Andrea Löw und den Rezitatoren Caroline Ebner und Hans Jürgen Stockerl. Weiterlesen »
Do. 24.05.2012 – Mo. 25.06.2012 | 3. Siwan 5772
Veranstaltungen
Tagung zur Deutsch-Russischen Geschichts-Aufarbeitung Teil II
Der 2. Teil der Tagung zur Deutsch-Russischen Geschichts-Aufarbeitung findet am 24./25. Mai am Institut für Zeitgeschichte statt. Weitere Informationen unter deutsch-russische-geschichte.de. Weiterlesen »
Israelitische Kultusgemeinde
München und Oberbayern K.d.ö.R.
St.-Jakobs-Platz 18
80331 München
Tel: +49 (0)89 20 24 00 -100
Fax: +49 (0)89 20 24 00 -170
E-Mail: info@ikg-m.de

